Zum Hauptinhalt springen

Fahrende wieder vermehrt als «Dreckszigeuner» beschimpft

Negative Nachrichten über bettelnde Roma haben das Image der Schweizer Fahrenden verschlechtert. Sie berichten davon, dass sie in der Schweiz auf offener Strasse als «Dreckszigeuner» bezeichnet werden.

Amtliche Bewilligung für ein paar Tage: Fahrende beim Mittagessen im Norden Nyons. (Bild vom August 2010)
Amtliche Bewilligung für ein paar Tage: Fahrende beim Mittagessen im Norden Nyons. (Bild vom August 2010)
Keystone

Ist in der Schweiz von «Zigeunern» die Rede, dominieren in den letzten Jahren die negativen Schlagzeilen. Vorbei scheinen die Tage, in denen das wilde Leben im Wohnwagen bei etlichen Menschen eher romantische Bilder auslöste als Angst oder Verachtung. Bettlerbanden, Gruppen von Kindern auf Diebestouren sowie brutale Zuhälter und billige Prostituierte auf dem Strassenstrich prägen heute das Bild vom sogenannten Zigeuner. Grund für die schlechten Nachrichten sind meist Mitglieder der Gruppe der Roma, die in den letzten Jahren dank der Personenfreizügigkeit in die Schweiz einreisen konnten.

Für jene Fahrenden oder «Zigeuner», die schon lange in der Schweiz leben, hat das zunehmend schlechte Image schwerwiegende Folgen: «Wir müssen feststellen, dass wir öfter beschimpft werden», klagt Daniel Huber, Präsident der Radgenossenschaft der Landstrasse. «Es kommt beispielsweise wieder vor, dass wir in der Schweiz auf offener Strasse als ‹Dreckszigeuner› bezeichnet werden.» Die Radgenossenschaft vertritt die rund 35'000 Angehörigen der Volksgruppe der Jenischen. Sie machten traditionell den Hauptteil jener Menschen in der Schweiz aus, die der Volksmund den Zigeunern zuordnet. Rund 3500 unter ihnen leben noch als Fahrende. Historisch haben sie wenig mit den Roma gemein.

«Elefanten im Porzellanladen»

Die zunehmende Präsenz von Roma, die dank freiem Personenverkehr einreisen, nehmen die Jenischen unterschiedlich wahr: «Einige Roma aus dem Ausland benehmen sich tatsächlich wie Elefanten im Porzellanladen», ärgert sich Uschi Waser. «Leider ist es schwierig, sie dazu zu bringen, sich an unsere Regeln zu halten.» Waser präsidiert die Stiftung Naschet Jenische, die sich mit der Geschichte der Jenischen in der Schweiz auseinandersetzt.

Daniel Huber wünscht sich ebenfalls, «dass sich alle Roma an die Regeln halten, weil sonst wir Jenischen den Preis dafür bezahlen.» Sowohl Waser als auch Huber betonen aber, dass es ihnen nicht leicht fällt, Kritik zu üben. «Wir möchten nicht, dass Minderheiten gegeneinander ausgespielt werden», sagt Waser. Beide verweisen darauf, dass laut der Roma Foundation in Zürich rund 50'000 meist gut integrierte Roma in der Schweiz leben. Viele kamen ab den 50er-Jahren aus Oststaaten als Gastarbeiter in die Schweiz. Die meisten von ihnen sind sesshaft.

Auch unter jenen Roma, die neu in die Schweiz kommen, «gibt es nicht nur schwarze Schafe», betont Huber. Für Minderheiten hätten «die Verhaltensweisen solcher schwarzer Schafe aber immer massive Konsequenzen», hält Waser fest. «Sehr schnell heisst es dann, die sind doch alle so!» Verhielten sich hingegen Mitglieder der Mehrheiten schlecht, «fällt dies nur sehr selten auf die einzelnen Mitglieder dieser Mehrheit zurück», sagt Waser. Erschwerend käme hinzu, dass nur wenige Schweizer die unterschiedliche Geschichte der Jenischen und Roma kennen.

Gewalttätige Freier

Gegen die Darstellung neu einreisender Roma als spezielle Problemgruppe wehrt sich Venanz Nobel. Er ist Vizepräsident von «Schäft qwant», einem transnationalen Verein für jenische Zusammenarbeit und Kulturaustausch. «Egal was ein Einzelner macht, der als ‹Zigeuner› wahrgenommen wird. Stets wird es als typisch für alle Roma oder Jenischen bezeichnet», kritisiert Nobel und verweist auf den Strassenstrich, wo sich in den letzten Jahren vermehrt Roma-Frauen prostituieren. «Gewalt ist auf dem Strassenstrich allgegenwärtig, sowohl bei Zuhältern als auch bei vielen Freiern, egal woher sie kommen.» Berichte über verurteilte Roma erweckten den Eindruck, dass alle Roma im Milieu lebten und Gewalttäter seien. Bei Diebstählen in Grenzregionen verhalte es sich ähnlich: «Viele Kriminelle agieren grenzüberschreitend. Nur ein Teil davon sind Roma», so Nobel. «In den News dominieren die Roma, weil diebische Zigeuner ein altes Vorurteil bedienen.»

Sorgen macht sich Nobel darüber, wie neuerdings der Schweizerische Städteverband mit bettelnden Roma-Kindern aus dem Ausland umgehen möchte. Nach dem Vorbild Berns sollen die Behörden die Kinder den erwachsenen Organisatoren der Bettelgruppen wegnehmen und vorübergehend in ein Heim stecken. Der Verband will die Kinder so vor «kriminellen Täternetzwerken» schützen. Nobel sieht in diesen Plänen erschreckende Parallelen zum «Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse», das als Abteilung der Pro Juventute von 1926 bis 1972 rund 600 jenische Kinder ihren Eltern wegnahm mit dem Ziel, dadurch «die Landstrasse zu säubern». «Auch heute sind die Kinder ein Vorwand und saubere sowie zigeunerfreie Innenstädte das Ziel», kritisiert Nobel.

Zu wenig Standplätze

Ob die einzelnen Vertreter der Jenischen nun mehr oder weniger Verständnis gegenüber neu einreisenden Roma zeigen – gemeinsam stellen sie fest, dass der Kampf für die eigenen Anliegen schwieriger wurde.

Das grösste Problem stellt die sehr tiefe Anzahl der Stand- und Durchgangsplätze für Fahrende dar, auf denen sie sich im Winter respektive während der Reisezeit im Sommer aufhalten. Ohne solche Plätze können Fahrende ihren traditionellen Lebensstil nicht leben. Im Jahr 2006 fehlten laut dem Bund 29 Stand- und 38 Durchgangsplätze. Obwohl die Behörden Verbesserung versprachen, hat die Zahl der Standplätze bis 2010 nur um 2 auf insgesamt 14 zugenommen. Jene der Durchgangsplätze ist gar um einen auf 43 gesunken.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch