Können Fahr­simulatoren die Stunden im Auto ersetzen?

Der Vorschlag löst bei Fahrlehrern und Behörden einen Glaubenskrieg um die Weiterbildung im virtuellen Raum aus.

Notbremsung in einem Schleuderkurs: Am Steuer werden die Kräfte spürbar. Foto: Daniel Reinhard/TCS

Notbremsung in einem Schleuderkurs: Am Steuer werden die Kräfte spürbar. Foto: Daniel Reinhard/TCS

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Glenn Gaillard, Vizepräsident des Fahrlehrerverbandes, hat ein revolutionäres Projekt. Er möchte, dass Neulenker den obligatorischen Weiterbildungskurs künftig statt auf der Strasse im Fahrsimulator absolvieren dürfen. Der Kurs muss innert eines Jahres nach der Führerprüfung absolviert werden. Er dauert sieben Stunden und beinhaltet unter anderem Bremsmanöver, die bis jetzt auf Übungspisten geübt werden. Doch mit seinem Vorhaben löst Gaillard nicht nur bei Behörden, sondern selbst unter Fahrlehrern eine Kontroverse über Fahrstunden im virtuellen Raum aus.

Fahrsimulatoren sind am Boden fix montierte «Kabinen», die wie das Cockpit eines Autos ausgestattet und von Monitoren umgeben sind, die Strassen und Verkehr simulieren.

Virtuelle Trockenübung: Ein Signal zeigt die Bremsung.

Gaillard, der im Kanton Neuenburg eine Fahrschule betreibt, ist Feuer und Flamme für sein Vorhaben: Die Kurse im Simulator durchzuführen, sei «ökologischer und weniger gefährlich für die Teilnehmer». Denn auf den Trainingsgeländen mit richtigen Autos komme es immer wieder zu Unfällen. Zudem sei der Lerneffekt im Simulator deutlich höher. Weil die Kurse im Auto auf den Bremspisten mit mehreren Teilnehmern durchgeführt werden, gibt es laut Gaillard «lange Wartezeiten, bis der Einzelne wieder an der Reihe ist». Bei Kursen im Simulator gehe dagegen zwischen den Übungen kaum Zeit verloren. Letztlich wären die Kurse im Simulator auch preisgünstiger: statt rund 400 nur ungefähr 320Franken, sagt Gaillard.

Neue Technik ersetzt ­«Erlebnisse auf der Piste nicht»

Die Schweizer Behörden haben allerdings ihre Mühe mit den technischen Neuerungen: Das Bundesamt für Strassen wie auch die Neuenburger Behörden signalisierten Gaillard zwar vorerst, dass der Durchführung der obligatorischen Kurse im Simulator nichts im Wege stehe. Dann kam aber der Verband der Strassenverkehrsämter (ASA) und machte dem Neuenburger Fahrlehrer einen Strich durch die Rechnung. Der ASA erlaubt höchstens zwei der sieben Kursstunden im Simulator. Begründung der Sprecherin Monica Di Mattia: Der Fahrsimulator ersetze «die Erlebnisse von Fahrphysik und Notbremsung auf abgesperrter Piste nicht».

Nach dem Machtwort des ASA krebsten auch das Bundesamt für Strassen und die Neuenburger Behörde zurück. Dabei wären eigentlich die Kantone für die Bewilligung zuständig. Doch Philippe Burri, Direktor des Strassenverkehrsamtes Neuenburg, sagt: «Wir haben die Kompetenzen in dieser Sache an den ASA delegiert.» Man halte sich an dessen Weisungen. Immerhin verlangen die Neuenburger Behörden nun, dass der ASA im Rahmen einer Evaluation prüft, ob Fahrlehrer die obligatorischen Kurse künftig nicht doch im virtuellen Raum durchführen dürfen.

Viele Fahrlehrer halten wenig von Simulatoren

Die Visionen des Neuenburgers lösen selbst im Fahrlehrerverband einen Glaubenskrieg aus. Für die Grundausbildung dürfen Fahrlehrer ihre Schüler schon heute in den Simulator setzen. Allerdings hat sich bislang noch weit weniger als die Hälfte der Ausbilder mit Fahrunterricht im virtuellen Raum angefreundet. Während Gaillard seine Fahrschüler bereits einen Grossteil der Lektionen im Simulator absolvieren lässt, warnen andere davor.

So ist der Zürcher Fahrlehrer ­Willi Wismer überzeugt: «Fahr­simulatoren werden die Fahrstunden im Auto nicht ersetzen können.» Denn es sei «ein grosser Unterschied, ob man bei einer Vollbremsung im richtigen Auto die Kräfte spürt oder ob man in einem Simulator sitzt, wo bloss ein Signal die Bremsung anzeigt». Fahrsimulatoren seien nur in wenigen Situationen sinnvoll und auch dort nur massvoll eingesetzt, zum Beispiel bei «Fahrschülern, die am Anfang Mühe haben mit dem Fahren». Wismer ist strikte dagegen, dass Neulenker die obligatorischen Weiterbildungskurse auf Fahrsimulatoren absolvieren dürfen.

Fahrlehrer Gaillard hält dem entgegen, dass Fahrschüler in anderen Ländern längst mehr als die Hälfte der Fahrstunden im Simulator machen. Das sei zum Beispiel in Finnland, Tschechien und Frankreich der Fall. Man habe dort damit gute Erfahrungen gemacht.



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Erstellt: 19.01.2020, 17:07 Uhr

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