Falsch und feige

Nationalräte argumentieren gegen Hanfversuche. Und gegen jede Vernunft.

Die Teilnahme am wissenschaftlichen Hanfversuch dem Arbeitgeber melden? Nationalräte finden: Das muss sein. Foto: Getty

Die Teilnahme am wissenschaftlichen Hanfversuch dem Arbeitgeber melden? Nationalräte finden: Das muss sein. Foto: Getty

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Eines der besten Zitate über Drogenverbieter stammt von Terence McKenna, dem amerikanischen Ethnobotaniker: «Halluzinogene erzeugen psychotische Zustände bei denen, die sie nie probiert haben.» Das gilt offenbar auch für die Mehrheit der nationalrätlichen Gesundheitskommission, wenn man sich verdeutlicht, was für einen Unsinn sie kürzlich beschlossen hat.

Zumal ihr Antrag an den Rat nicht nur falsch ist, sondern auch feige. Zwar traut sich die knappe Mehrheit der Kommission nicht, den Versuch mit kontrolliertem Cannabiskonsum zu verbieten. Einen solchen Test haben sich Städte wie Bern, Basel und Zürich gewünscht. Ein Forschungsprojekt zu verhindern bei geschätzten 200'000 illegalen Kifferinnen und Kiffern im Land, also bei einem offensichtlichen Handlungsbedarf – das sieht in einem Wahljahr politisch schlecht aus. Also formuliert die Kommissionsmehrheit eine Einschränkung, welche diese Versuche faktisch verunmöglicht: Wer an ihnen teilnehmen will, muss das seinem Arbeitgeber oder seiner Schule bekannt geben. So sabotiert die Mehrheit der Kommission eine wissenschaftliche Untersuchung. Sie hält auch nichts vom Recht auf Datenschutz, wie man Ruth Humbel anhört, der CVP-Nationalrätin aus dem Kanton Aargau. Wenn jemand süchtig sei, sagt sie, dann sei die Umgebung, die Familie oder der Arbeitgeber immer auch mitbetroffen. «Es geht nicht an, diese unter dem Vorwand des Datenschutzes auszuschliessen.»

Diese Forderung stellt sich nicht nur gegen den juristischen Grundsatz, sich selber nicht belasten zu müssen, sie widerspricht auch den Freiheitsrechten unserer Verfassung.

Bei LSD funktionierte es auch

Nun gibt es wissenschaftlich bestätigte Gründe, sich über den Hanfkonsum von Jugendlichen zu sorgen. Es gibt wichtige Hinweise darauf, dass dieser eine psychotische Störung auslösen kann. Ausserdem reagieren Jugendliche anfälliger auf solche Substanzen, weil sie noch am Wachsen sind. Wer in diesem Alter viel kifft, schadet seinem Gehirn.

Aber die Städte möchten mit ihrem Versuch etwas ganz anderes herausfinden: Ob sich der illegale Handel durch eine staatliche Abgabe besser kontrollieren lassen könnte – Hanf vom Apotheker statt vom Dealer. Und was die Sucht betrifft: Noch ist keiner an seinem Hanfkonsum gestorben, während Alkohol und Tabak, zwei Killerdrogen, überall zum Verkauf stehen. Politiker, die vor der einen Substanz dermassen warnen, weit gefährlichere aber zulassen, machen sich unglaubwürdig.

Dass es im Umgang mit der Drogenforschung auch anders geht, hat der Bundesrat vorgemacht. 2006 trafen sich internationale Drogenfachleute in Basel zu einem Kongress. Sie wollten den 100-jährigen Albert Hofmann feiern, der 1943 das LSD entdeckt hatte – und bis zu seinem Tod zwei Jahre später aus tiefster Überzeugung vertrat, Halluzinogene müssten als Medikamente verwendet werden können.

In einem offenen Brief riefen die Experten die Schweizer Regierung damals auf, den Einsatz von Halluzinogenen für die Forschung zu erlauben. Einer solchen Verwendung stünde nichts im Wege, schrieb Gesundheitsminister Pascal Couchepin zurück, wenn die wissenschaftlichen und ethischen Bedingungen für solche Versuche erfüllt seien. Wenig später konnte die erste Studie stattfinden.

Auch das ist die Schweiz.

Erstellt: 23.07.2019, 19:09 Uhr

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