Der Vollgeld-Initiant im Neonazi-Keller

Die Geldreform zieht obskure Kreise an. Die Initianten sind teilweise selbst schuld daran.

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Von aussen wirkt das Haus in der Altstadt von Aigle wie viele Häuser in Schweizer Altstädten. Ganz normal. Um das Geheimnis dieses Hauses zu erfahren, muss man hinter die massive Holztür, in den Gang bis zur grossen Küche und die Treppe hinunter in den Keller.

An den Wänden des Kellergewölbes hängen Bilder von blonden Männern und Frauen mit blauen Augen, Menschen in Ritterrüstungen, die Europa verteidigen. L’Aquila, Adler, heisst das Lokal, das als regelmässiger Treffpunkt für Neonazis aus dem Waadtland und dem Wallis, aus Genf und dem nahe gelegenen Frankreich dient. Ihre Haare sind kurz, die Haut mit Tätowierungen übersät: SS-Runen, Hakenkreuze, Wikinger-Kompasse und andere Nazisymbole. Die Bilder an der Wand stehen für den Kampf der Identitären, Neonazis und Faschisten: Europa muss gegen die Invasion der Migranten und «Zecken» verteidigt werden.

Am 19. Mai war ein besonderer Gast im Keller von Aigle: der Ökonom François de Siebenthal. Der Waadtländer ist Mitglied des 13-köpfigen Initiativkomitees der Vollgeldinitiative, über die am kommenden Sonntag abgestimmt wird. Den Auftritt vor den Rechtsextremen in Aigle nutzte er, um über die Vorzüge von Vollgeld zu sprechen und über die angeblich von dunklen ausländischen Mächten manipulierte öffentliche Meinung in der Schweiz. Eingeladen wurde er nach eigenen Angaben via Internet, «von einem Unbekannten».

Video: De Siebenthal in Aigle

Quelle: YouTube / François de Siebenthal (21. Mai 2018)

Der Auftritt ist auf einem Video festgehalten. Unter einer schwarz-weiss-roten Flagge der Résistance Helvétique sitzend, redet de Siebenthal davon, dass die Résistance vielleicht jene kleine Elite sei, die Widerstand leiste, unter anderem gegen die Druckversuche, die vom «amerikanischen Adler» ausgingen. Und Widerstand sei nötig: Die Schweiz befinde sich in einem «gnadenlosen Wirtschaftskrieg», der «mehr Tote als die Weltkriege» fordere. Darum sei ein Ja zur Vollgeldinitiative der richtige Schritt.

In Aigle stiess de Siebenthal auf viel Zuspruch. Die Résistance Helvétique hat die Ja-Parole zur Abstimmung gefasst. Auf ihrer Facebook-Seite heisst es: «Schreibt die Geschichte eures Landes, indem ihr ein grosses Ja für Vollgeld in die Urne steckt.»

Schwierige Tage

Auf Anfrage dieser Zeitung antwortet de Siebenthal, dass er vor dem Vortrag in Aigle erst ein Mal an einer Veranstaltung der Résistance Helvétique teilgenommen habe. Im Übrigen handle es sich seines Wissens nicht um eine Neonazigruppe oder um Rassisten, sondern um eine patriotische Vereinigung. «Ich bin weder ein Nazi noch ein Rassist, ich führe Projekte in den ärmsten Ländern durch, vor allem in Afrika.» Allerdings lassen die Veranstaltungen der Résistance Helvétique und ihre Beziehungen zu Neonazis und Faschisten in Polen, Italien und Frankreich wenig Zweifel an der Wesensart dieses «Widerstands». Auch der Nachrichtendienst des Bundes (NDB) ordnet die Gruppe dem rechtsextremen Spektrum zu.

«Ich bin weder ein Nazi noch ein Rassist»: Francis de Siebenthal spricht vor der helvetischen Résistance.

Als Raffael Wüthrich, einer der Köpfe der Initiative, am Telefon vom Besuch in Aigle hört, sagt er zuerst nichts. Und muss dann seufzen. Man habe schon x-mal versucht, de Siebenthal zur Räson zu bringen – unmöglich. «Er ist zwar Initiant, aber er führt in der Romandie ein Eigenleben, das nichts mit unserer Kampagne zu tun hat. Dass er Kontakte zu solchen Gruppen hat, wussten wir nicht.»

Es sind schwierige Tage für die Vollgeldinitiative. Die letzte Umfrage von GFS Bern hat gerade noch 36 Prozent Zustimmung ergeben – Tendenz sinkend. Kein guter Moment für schlechte Schlagzeilen. Umso vehementer die Distanzierung Wüthrichs. Man habe als Verein keine Kontaktversuche von rechts­extremen Gruppierungen gehabt. «Bisher wurde uns eher linkes Gedankengut unterstellt. Wir sind unserer Zeit voraus und haben Unterstützer von allen Seiten.» Er und die Kampagne würden sich in aller Form von jeglicher Vereinnahmung von ganz rechts distanzieren. Entsprechende Kommentare in den sozialen Medien würden auf ihrer Plattform sofort gelöscht. «Wir können es aber leider wohl – wie alle politischen Gruppierungen – nicht verhindern, wenn gewisse Ideen oder Teile davon für andere Zwecke missbraucht werden.»

Im Fall der Vollgeldinitiative ist dieser Missbrauch recht auffällig. Die Ideen hinter der Initiative stossen am rechten Rand des politischen Spektrums auf viel Zuspruch – und auch am linken. Bei Rechtsradikalen, Verschwörungstheoretikern und Staatsleugnern herrscht grosse Skepsis gegenüber dem Finanzsystem und den Banken. In der Szene wird gerne von «Bankstern» und von einem kriminellen Geldsystem geredet.


Video – die Vollgeldinitiative in 240 Sekunden verstanden

Am 10. Juni stimmen wir über die Vollgeldinitiative ab. Aber worum geht es bei der Vorlage eigentlich?


Nicht selten ist der Hass, der Banken aus dem rechtsextremen Spektrum entgegenschlägt, nicht nur mit antikapitalistischen Reflexen verbunden, sondern auch mit dem antisemitischen Bild vom raffgierigen Juden. So beschwören Staatsleugner und Reichsbürger in den sozialen Medien gerne die angebliche Macht jüdischer Financiers und Investoren. Die grossen Feindbilder sind hier die jüdische Bankiersfamilie Rothschild oder der jüdische Spekulant und Philanthrop George Soros, dem manche Identitäre vorwerfen, die Migration von Wirtschaftsflüchtlingen nach Europa zu fördern – und so einen Genozid an der weissen Rasse vorzubereiten.

Spätestens seit der Historiker Daniele Ganser, eine Ikone der Verschwörungstheoretiker in der Schweiz und darüber hinaus, vor ein paar Wochen via Facebook für ein Ja zur Vollgeldinitiative geworben hat, werden die Initianten regelmässig mit dem Vorwurf konfrontiert, ein Sammelbecken für Leute mit einer Vorliebe für abstruse Theorien zu sein. «Wichtig ist, dass wir von einer sehr breiten Basis von über 20'000 Menschen getragen sind und dass Journalisten nicht einzelnen Personen mit fragwürdigen Einstellungen eine Plattform bieten sollten, nur weil sie im Bereich der Geldpolitik die Vollgeldidee unterstützen», sagt Raffael Wüthrich dazu.

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Die Mitglieder des «Vollgeld-Stammtisches» in Luzern sind Teil der von Wüth­rich angesprochenen Basis. Sie treffen sich nicht in einem Keller, sondern im Hellen, an einem Tisch vor dem Restaurant Taube in der Altstadt von Luzern. Am Nebentisch essen asiatische Touristen Schweizer Spezialitäten, aus der Distanz knallt es regelmässig. Es ist der Abend vor Fronleichnam. Auch am Stammtisch knallt es.

Die Unterstützer der Vollgeldinitiative reagieren gereizt, wenn man sie auf ihre falschen Freunde anspricht. «Sie wollen uns nur ein Etikett anhängen», sagt ein 19-jähriger KV-Lehrling. Die Gruppe ist sehr gemischt nach Alter, Herkunft und Beruf. Ein Professor der Hochschule Luzern ist da, ein professioneller Schlagzeugspieler, eine Sozialarbeiterin, zwei Rentner mit langer Geschichte in der SP. «Das ist das Schöne an unserer Gruppe», sagt die Sozialarbeiterin, «wir sind kein parteipolitisches Projekt, sondern eine Idee, die viele Menschen anspricht.»

Am Tisch klagen sie über unzulängliche Unterrichtsmaterialien, über all die Ökonomen, die es immer noch nicht verstanden hätten mit der Geldschöpfung, und über den geplanten Brunch am Abstimmungssonntag.

Was ist wahr?

Und obwohl sich die Mitglieder des Stamms in Luzern engagiert gegen die Vereinnahmung von rechts oder links wehren; obwohl viele hier offensichtlich an die Wichtigkeit ihrer Idee glauben und sehr rational argumentieren, bleiben Zweifel zurück. Der Gruppenleiter des Stamms, das wird später klar, verlinkt auf seiner Website auf ein Projekt, das von sich behauptet, UFOs wissenschaftlich nachweisen zu können. Ein weiterer Link führt zur «Neuen Germanischen Medizin», deren Gründer antisemitische Verschwörungstheorien verbreitete und glaubte, die wahre Ursache für Krebs gefunden zu haben.

Was wahr ist und was nicht, darüber findet man am Tisch in Luzern keinen Konsens. «Wir wissen nicht, ob es die jüdische Weltverschwörung gibt», sagt der KV-Lehrling. «Aber falls schon: Die Vollgeldinitiative wäre die Lösung.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.06.2018, 23:48 Uhr

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