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Falsche Polizisten rufen öfter an

Seit einigen Monaten bearbeiten Banden aus dem Ausland die Schweiz intensiv. Die Zahl der Opfer ist markant gestiegen.

Die Kantonspolizei Zürich registrierte allein in den ersten neun Monaten dieses Jahres 1493 Fälle, in denen sich Betrüger am Telefon als Polizisten ausgaben.
Die Kantonspolizei Zürich registrierte allein in den ersten neun Monaten dieses Jahres 1493 Fälle, in denen sich Betrüger am Telefon als Polizisten ausgaben.
Walter Bieri, Keystone

An manchen Tagen sitzen sie wohl stundenlang am Telefon, vielleicht sogar in Callcentern und rufen potenzielle Opfer an. Jedenfalls meldeten sich bei der Kantonspolizei Basel Stadt zeitweise 100 Personen pro Tag. Sie fragten, ob sie sie tatsächlich angerufen und sie aufgefordert habe, den Polizisten Geld zu übergeben, wie Peter Gill, Kriminalkommissär der Staatsanwaltschaft sagt. Aber es war nicht die Polizei. Es waren Betrüger, die sich am Telefon als Polizisten ausgaben.

In Basel, aber auch im Kanton Zürich waren vor allem Ende 2017 und Anfang 2018 so viele Betrüger aktiv, dass die Polizei vor dem «Spoofing» (Vortäuschungen, in diesem Fall einer falschen Identität) warnte.

In Basel werden zurzeit nicht mehr viele Vorfälle gemeldet. Die Kantonspolizei Zürich hingegen registrierte allein in den ersten neun Monaten dieses Jahres 1493 versuchte und 41 – in den Augen der Betrüger – erfolgreiche Telefonbetrugsfälle. Im Vorjahr waren es lediglich 479 versuchte und 19 erfolgreiche Fälle gewesen. Die Polizei schätzt die Dunkelziffer fünfmal höher ein – viele Leute melden den Anruf nicht oder schweigen aus Scham, weil sie auf die Betrüger hereingefallen sind.

Ebenfalls steigend ist die Zahl der Fälle im Kanton Bern: Dort wurden 2017 noch 230 Fälle gemeldet, davon zwei «erfolgreiche», in den neun Monaten dieses Jahres waren es bereits 300.

Um 800’000 Franken betrogen

Dass die Betrüger ihre Tätigkeit intensivieren, ist nicht erstaunlich: Gehen sie geschickt vor, kommen sie mit relativ wenig Aufwand zu viel Geld. Im April 2017 etwa übergab ihnen eine 81-jährige Frau an der Zürcher Goldküste Geld, Schmuck und wertvolle Uhren im Wert von 800’000 Franken.

Sie war von einer Frau mit süddeutschem Akzent angerufen worden, die sich als Polizistin ausgab. Diese sagte, dass es eine Bande auf ihr Geld und ihren Schmuck auf der Bank abgesehen habe; auch Bankangestellte seien in das Vorhaben verwickelt. Deshalb sei es sicherer, wenn sie ihre Wertgegenstände vorübergehend der Polizei übergebe.

So viel Geld ertrügen die Täter selten – es ist die grösste Beute, die der Zürcher Kantonspolizei je aus einem Telefonbetrug gemeldet wurde. Aber auch in anderen Fällen geht es kaum nur um ein paar Hundert, sondern meist um mehrere Zehntausend Franken, wie aus Polizeimeldungen hervorgeht.

Falsche Enkel oder falsche Polizisten

Wie der Basler Kriminalkommissär Peter Gill beobachtet, sind Täter aktiv, die sich entweder als Enkel oder als Polizisten ausgeben. Dabei handle es sich nicht um dieselben Täter, aber um dieselben Gruppierungen, vor allem aus Deutschland, der Türkei und aus dem Balkan. Zurzeit sind in Basel die Enkeltrickbetrüger aktiv.

Wenn sich Betrüger aber als Polizisten, Kripochefs oder Staatsanwälte ausgeben, haben sie einen Vorteil: Die Vertreter der älteren Generation betrachten sie als Respektspersonen und befolgen eher, was sie ihnen auftragen. Bei der 81-jährigen Dame sagten sie, sie dürfe mit niemanden über den Anruf sprechen, um die Ermittlungen nicht zu gefährden. Und: Sie würde zu ihrem eigenen Schutz Tag und Nacht überwacht.

Die Betrüger manipulieren aber auch ihre eigenen Telefonnummern so, dass der Angerufene auf dem Telefondisplay die Notrufnummer der Polizei sieht oder eine Nummer, welche die Zahl 117 enthält.

Die Betrüger rufen vor allem ältere Leute an und vor allem Frauen. Im Kanton Zürich konzentrieren sie sich vor allem auf die Städte Zürich und Winterthur und auf die Goldküste. In ländlichen Bezirken wurden 2017 nur wenige Betrugsversuche gemeldet.

Jedem kann es passieren

«Manche Leute glauben, das könne ihnen nie passieren», sagt Carmen Surber, Mediensprecherin der Kantonspolizei Zürich. Aber man dürfe die Betrüger nicht unterschätzen: Es handelt sich in der Regel um Banden, die sehr raffiniert, sehr manipulativ und mit feinem psychologischem Gespür agieren. Sie bauen zeitlich und psychisch Druck auf, rufen ihre Opfer im 5-Minuten-Takt an und lassen ihnen so keine Zeit, die Situation zu hinterfragen.

Dieser Druck, die Polizei spricht von «der Macht der Situation», wird von den Opfern meist unterschätzt. «In einer solchen Situation tun sie Dinge, von denen sie nie gedacht hätten, dass sie dazu verleitet werden könnten», sagt Carmen Surber. Es könne deshalb jeden treffen, nicht nur Demente oder Personen, die geistig nicht mehr gut beieinander seien.

Seniorin lockte Täter in Falle

Im Kanton Zürich ist die Kriminalität, die sich gegen ältere Personen richtet, ein Schwerpunkt in der Präventionsarbeit. Eine Kriminologin und ein Polizist besuchen ein paar Wochen nach jedem Telefonbetrug das Opfer. Sie wollen wissen, wie es ihm geht und wie Opfer und Täter sich verhalten haben. So können sie mehr über die Täter in Erfahrung bringen.

Die Polizei konnte im Kanton Zürich dieses Jahr schon mehrere Betrüger festnehmen, weil potenzielle Opfer oder Bankangestellte sie durchschaut hatten; sie kannten die Masche aus den Medien.

So schöpfte im Januar eine 61-jährige Winterthurerin Verdacht, als sie von einer hochdeutsch sprechenden Frau angerufen wurde, die sich als Polizistin ausgab. Die Frau reagierte, wie die Polizei später schrieb, cool und stellte der Anruferin eine grössere Summe in Aussicht. Gleich nach dem Gespräch alarmierte sie aber die Polizei. Vier Stunden später konnten die richtigen Polizisten den falschen Polizisten, der das Geld abholen wollte, verhaften.

Jeder Fünfte wurde Opfer

In den vergangenen fünf Jahren wurde in der Schweiz jede vierte befragte Person über 54 Jahren mit betrügerischen Absichten angegangen, jede fünfte erlitt dabei einen finanziellen Schaden.

Das ergab eine repräsentative Studie von Pro Senectute, die am Montag vorgestellt wurde. Es ist die erste zum finanziellen Missbrauch von älteren Personen in der Schweiz. Allein von dieser Altersgruppe werden jedes Jahr hochgerechnet 400 Millionen Franken ertrogen.

https://telefonbetrug.ch/

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