Familientisch statt Politik

Der SP-Nationalrat Jean Christophe Schwaab tritt zurück.

Sein siebenjähriger Sohn braucht ihn: SP-Nationalrat Jean Christophe Schwaab.

Sein siebenjähriger Sohn braucht ihn: SP-Nationalrat Jean Christophe Schwaab. Bild: Peter Klaunzer/Keystone

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Es gibt Politiker, die nehmen das Telefon immer ab. Jean Christophe Schwaab ist so einer. Er sagt dann vielleicht: «Kann ich Sie später zurückrufen? Ich hole gerade meine Kinder von der Schule ab.» Im Hintergrund hört man lautes Gekreische. Gestern, nachdem bekannt geworden war, dass der 38-jährige Sozialdemokrat per Ende Jahr als Nationalrat zurücktritt, um seinen Sohn besser betreuen zu können, schrieb er per SMS: «Es tut mir leid, ich schaffe es nicht, Ihre Fragen frist­gerecht zu beantworten.» Er leite den ganzen Tag die Sitzung der Rechtskommission.

Wer so gewissenhaft arbeitet, ist entweder ein Burn-out-Kandidat oder hat übermenschliche Kräfte. Ratskollegen von Schwaab tippen auf Letzteres. Er sei blitzgescheit, sagen sie. Sein Lebenslauf enthält nichts, was dem widerspricht: Mit 24 schliesst der Waadtländer an der Universität Bern das Jusstudium ab, mit 30 doktoriert er über «Geistiges Eigentum und Konkurrenzrecht». Mit 32 wird er Nationalrat. Und heute, sechs Jahre später: das abrupte Ende seiner politischen Karriere.

Künftig wird Schwaab seine Kinder zur Schule bringen und abends wieder abholen.

Schwaab tritt mitten in der Legislatur zurück, weil sein siebenjähriger Sohn ihn braucht. Der Junge habe Mühe, seine Emotionen zu kontrollieren und sich zu integrieren, sagt Schwaab im Interview mit «24 Heures». Vorläufig werde er deshalb nicht mehr die Regelklasse besuchen. Wie es mit ihm schulisch weitergeht, ist unsicher. Sicher ist: Es geht dem Kind besser, wenn seine Mutter oder sein Vater bei ihm ist. Er ist dann ausgeglichener, ruhiger.

Seine Frau habe ihr Pensum bereits reduziert, sagt Schwaab. Eine weitere Reduktion erlaube die Arbeit als Kinderärztin mit eigener Praxis nicht. Also kam er zum Schluss, dass er sein mit der Familienarbeit schwer vereinbares Parlamentsmandat aufgeben muss. Er sei in Bern immer auf Abruf gewesen, aus dem Nationalratssaal gerannt, wenn seine Frau angerufen habe, weil mit dem Sohn etwas war. Aber er sei dann eben doch eine Autostunde von zu Hause entfernt gewesen, im besten Fall. Dass die Frau ihren Beruf aufgibt, kam nicht infrage: «Wir wollten nie ein patriarchales Modell.»

«Wir wollten nie ein patriarchales Modell.»Jean Christophe Schwaab

Künftig wird Schwaab seine Kinder zur Schule bringen und abends wieder abholen. Nicht täglich, denn seine Frau hat weiterhin ihre Kindertage. Weiter wird er sich in sein Amt als Gemeinderat von Bourg-en-Lavaux, bekannt für die grossartige Sicht auf den Genfersee, knien, das ein Drittel seiner Zeit auffrisst. Und er wird an seinen juristischen Fachpublikationen arbeiten.

«Der Rücktritt ist ein mutiger Schritt», sagt Isabelle Moret, Waadtländer FDP-Nationalrätin. «Doch er ist noch jung, er wird wiederkommen. Als Regierungsrat vielleicht.» Fraktionschef Roger Nordmann sagt, er sei traurig, verstehe seinen Parteikollegen aber. «Er konnte nicht anders. Die Betreuung seines Sohnes ist eine Aufgabe, die er nicht delegieren kann.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.11.2017, 20:33 Uhr

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