Farbiges Feindbild der Rasa-Gegner

An der Fliege ist Churchill schuld, an allem anderen er:

Die Zeiten, als ihn jeder mochte, sind vorbei: Thomas Geiser, streitbarer Jurist. Foto: Keystone

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Es ist jetzt schon etwas länger her, seit das letzte Bild vom Mann mit der Fliege und den wilden Haaren in der Zeitung erschien. Vor zwei Jahren, als eine etwas verquere Gruppe sich aufmachte, das politische Establishment (egal, ob rechts oder links) nachhaltig zu verärgern, da war Thomas Geiser (64) plötzlich überall. Der Professor für Arbeits- und Handelsrecht an der Universität St. Gallen ist so etwas wie der Kopf der Rasa-Initiative – jenem Projekt, das die Zuwanderungsinitiative wieder rückgängig machen soll und vor zwei Jahren das Demokratieverständnis vieler Schweizer auf die Probe stellte. Wie lange muss man warten, bis man einen Volksentscheid wieder kippen darf? Ist das Zwängerei? Oder müsste man bei Zufallsmehrheiten nicht automatisch noch einmal abstimmen?

Es war eine strube Zeit für den Professor. Zum letzten Mal politisch aktiv gewesen war Geiser, ein SP-Mitglied, als Student. Er sammelte auf den Strassen von Basel Unterschriften für eine ziemlich radikale Reichtumssteuer. Fast 30 Jahre später stand Geiser wieder auf der Strasse und musste sich während der Sammelphase für «Raus aus der Sackgasse» einiges anhören. Ja, es gab Zuspruch, viel sogar. Aber eben auch all die anderen Dinge. Beleidigungen, Anfeindungen, Morddrohungen. «Es gibt Situationen, bei denen darf man sich nicht zu fest überlegen, worauf man sich einlässt. Sonst wird man handlungsunfähig», sagt Geiser und muss kichern.

Es ist eine neue Erfahrung, die Geiser nun macht. «Er wird sich an etwas gewöhnen müssen, was er bisher kaum kannte: Gegner», hiess es in einem Porträt der «NZZ am Sonntag». Es beschrieb den Professor als «äusserst beliebt», als einen Menschen, «den jeder mag», wie es ein Mitprofessor ausdrückte.

Diese Zeiten sind vorbei. Zumindest aus der Ferne gibt Geiser ein dankbares Opfer ab, er ist das schillernde Gegenbild zur Lebenswelt vieler Schweizer, die am 9. Februar 2014 Ja zur Masseneinwanderungsinitiative (MEI) gesagt haben. Er ist Professor, hoch gebildet, sammelt Kunst, hört klassische Musik (und anderes), interessiert sich für Filme (die schwierigen), kleidet und frisiert sich extravagant, wohnt an drei Orten in der Schweiz, ist homosexuell.

Nachhilfe bei Hans Saner

Was er ist und wie er es wurde, wirkt dabei wie ein Echo aus einer anderen Schweiz, die sich viele nicht mehr vorstellen können. Geiser wuchs in der Basler Altstadt auf, der Vater war Arzt (wie die Grosseltern), die Mutter Künstlerin. Entsprechend war das Lebensumfeld des jungen Mannes: An den Wänden hingen Bilder von Basler Künstlern, man ging regelmässig mit befreundeten Musikern ins Donati (heute eines der edelsten Restaurants der Stadt), und als man bei Geiser eine starke Legasthenie feststellte, erhielt er zwei Jahre lang von Hans Saner Nachhilfe. Der war damals Student und wurde später zu einem der bedeutendsten Schweizer Philosophen. Geiser und Saner sind bis heute befreundet.

Überall in Geisers Leben begegnet man solchen Figuren. Als er später Rechtswissenschaften studierte, war Frank Vischer (mit V, nur so ist es in Basel nobel) sein grosses Vorbild – nicht nur juristisch, auch modisch. Vischer war einmal mit seinem Onkel bei Winston Churchill zum Essen geladen. Bei dieser Gelegenheit habe der Premierminister von den Vorzügen der Fliege geschwärmt: passe zu allem, werde beim Essen nicht dreckig, gebe eine persönliche Note. Vischer trug danach Fliege (immer die gleiche), Geiser später ebenso (immer eine andere, er hat über 300 Stück).

Er erzählt solche Episoden freimütig. In Interviews mit Studentenmagazinen oder in hochkulturellen Radiosendungen. Er macht das ohne jenen Dünkel, den man bei Menschen aus einem ähnlichen Umfeld manchmal spürt. Auch die Begründung für sein Rasa-Engagement trägt er ohne Herablassung vor. «Mit der Masseneinwanderungsinitiative war ein Punkt erreicht, an dem ich als Bürger handeln musste.» Wenn ein Zufallsmehr schuld daran sei, dass die Schweiz sich in eine Sackgasse bewege, müsse man noch einmal die Möglichkeit haben, sich zu äussern. Geiser war darum auch gegen die in Bern herumgereichten taktischen Spiele, die parlamentarische MEI-Umsetzung als indirekten Gegenvorschlag zu Rasa zu präsentieren. Auch der Bundesrat hat davon Abstand genommen. Er arbeitet einen direkten Gegenvorschlag aus, Stichdatum ist der 27. April 2017. Geiser wird sich das Datum anstreichen. Es dürfte eine strube Zeit werden.

Erstellt: 26.10.2016, 20:53 Uhr

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