Vollgas für Jesus

Farhad Larimi flüchtete aus dem Iran in die Schweiz und bekehrt hier muslimische Asylbewerber zum Christentum.

Über 400 Menschen hat er hierzulande bereits getauft: Pastor Farhad Larimi. Foto: Raisa Durandi

Über 400 Menschen hat er hierzulande bereits getauft: Pastor Farhad Larimi. Foto: Raisa Durandi

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Am Sonntag steigt Farhad Larimi wieder in den Zürichsee. Rund 20 Frauen und Männer wird er taufen, der christliche Pastor aus dem Iran. Die Gläubigen stammen ebenfalls aus dem Iran oder aus Afghanistan, die meisten von ihnen sind Asylbewerber, sie alle sind Muslime. Mit der Taufe nehmen sie das Christentum an.

Farhad Larimi wird bei der Ganzkörpertaufe in Zürich-Wollishofen wohl ein rotes T-Shirt tragen. So, wie er das schon früher gemacht hat. 400 bis 450 Personen hat er nach eigenen Angaben getauft, seitdem er vor zehn Jahren in die Schweiz gekommen ist. Zuerst taufte der 45-Jährige an verschiedenen Orten in Aarau und Zürich, seit letztem Jahr auch draussen, im Zürichsee. Viele Ehepaare sind darunter, aber auch junge Menschen. Sie alle erhalten eine Taufbestätigung. Das sei wichtig, sagt Larimi, auch für die Behörden.

Nicht wenige Gläubige erhoffen sich aufgrund ihres Religionswechsels bessere Chancen im Asylverfahren. Das zumindest vermuten die Migrationsbehörden. Das Staatssekretariat für Migration (SEM) erfasst zwar nicht, wie viele ihr Gesuch auch mit ihrem neuen Glauben und den damit verbundenen Gefahren in der alten Heimat begründen. Wie die «NZZ am Sonntag» kürzlich schrieb, scheitern allerdings viele beim Versuch, die Behörden von ihrem Religionswechsel zu überzeugen.

In einer Stellungnahme zur Ablehnung des Asylgesuchs einer iranischen Familie schrieb das SEM, zahlreiche iranische Asylsuchende würden eine Konversion zum Christentum geltend machen – jedoch nur wenige Asylsuchende aus anderen Ländern. Das werfe grundsätzlich die Frage auf, ob diese Konversionen tatsächlich aus religiösen Gründen erfolgt seien oder nur, um so ein Aufenthaltsrecht zu erhalten.

«Er nahm meine Hand!»

Als Christ im Iran zu leben, kann in der Tat gefährlich sein. Oder gar tödlich: Muslimen, die die Religion wechseln, droht die Todesstrafe. Spezielle Gefahr besteht für Konvertiten, die zusätzlich missionieren oder eine leitende Funktion in einer christlichen Gemeinde ausüben. Auf Larimi traf das zu, sagt er bei einem Treffen in Chur. Rosarotes Hemd, hellblaue Jeans, grau meliertes Haar. Larimi lebt seit 2007 als anerkannter Flüchtling hier. Seine Frau und sein heute 14-jähriger Sohn kamen nach, vor sieben Jahren wurde seine Tochter geboren. Larimi hat 2011 die Persische Christliche Gemeinde Schweiz gegründet, eine evangelische Freikirche, sie zählt heute gegen 400 Mitglieder.

Zum Christentum gefunden habe er durch einen Traum, sagt er. 1993 erschien ihm Jesus, zu Hause in seiner Heimat am Kaspischen Meer. Es war ein Erweckungserlebnis, wie es für Konvertiten typisch ist. Larimi erzählt es, während er in seinem Churer Wohnzimmer mit den dunklen, schweren Möbeln zum Fenster schaut, durch das Sonnenlicht ins Zimmer strömt. «Durch das Fenster stieg Jesus zu mir und nahm meine Hand! Ich habe geweint.»

Illegal in die Schweiz gekommen

Drei Jahre später verliess Larimi den Iran, um offen als Christ zu leben. Nach acht Jahren in der Türkei und weiteren drei in Griechenland, wo er sich zum Priester ausbilden liess, kam er 2007 – «illegal», wie er betont – in die Schweiz. Sein Asylgesuch wurde rasch gutgeheissen. «Alle rieten mir ab, als ich sagte, ich wolle in die Schweiz», erinnert er sich. «Doch ich spürte, dass hier der richtige Ort für mich ist. Ich betete zu Gott, er zeigte mir den Weg.» Heute sei er «sehr glücklich», sagt Larimi. «Gott sei Dank.»

«Gott sei Dank» – eine Wendung, die Larimi oft verwendet. Gott sei Dank erschien ihm Jesus im Traum. Gott sei Dank kam er in die Schweiz. Gott sei Dank kann er hier Menschen helfen. Denn das macht er unmissverständlich klar: «Die Leute brauchen Hilfe. Ich helfe ihnen.» Er sieht sich nicht nur als Pastor, sondern auch als Psychologe, Streitschlichter und Übersetzer. Als Seelsorger.

«Bruder, hast du Zeit?»

Er erzählt vom iranischen Asylbewerber, der in der Schweiz mit seiner Frau überfordert war. «Sie spürte, wie stark die Frauen hier sind», sagt Larimi und lacht. «Das wissen Sie ja, nicht wahr? Schweizer Frauen sind stark!» Es sei zu Machtkämpfen gekommen, eine Trennung stand im Raum. Der Pastor vermittelte – das Paar blieb zusammen.

Larimi hört zu, wenn man ihn braucht, auch nachts und am Wochenende, im persönlichen Gespräch, am Telefon, per Skype oder Whatsapp. Und er macht, dass man ihm zuhört. Er redet viel und schnell, beugt sich im Gespräch immer wieder vor, gestikuliert mit den Armen. 20, manchmal auch 30 Leute am Tag bräuchten seine Hilfe, sagt Larimi. Sie sagten dann: «Bruder, hast du Zeit?»

«Ich bin nie müde, von Jesus zu reden! Ich gebe immer Vollgas für Jesus!»Farhad Larimi

Der Pastor, er hat immer Zeit. Und er redet immer von Jesus. Er könne, sagt er, gar nicht anders. Auch wenn es seine Frau sich manchmal anders wünsche. «Sie ist auch gläubig, wissen Sie. Aber manchmal sagt sie mir vor Besuchen, ich solle nicht schon wieder von Jesus reden. Doch ich bin nie müde, von Jesus zu reden! Ich gebe immer Vollgas für Jesus! Ich möchte eben, dass sie zu ihm finden.» Ein Leben ohne Jesus? Unvorstellbar für Larimi.

Wieder lehnt er sich vor, stützt die Ellbogen auf seine Knie. Kann er die Einwände seiner Kritiker verstehen? Was, wenn das Interesse der Asylbewerber am christlichen Glauben nur auf der Hoffnung beruht, ihre Chancen im Asylverfahren zu verbessern? Nützt der christliche Missionar die Notlage dieser Menschen gar aus? Larimi schüttelt vehement den Kopf, nachdem man die Fragen mehrmals wiederholt hat. Er sprich sehr gut Deutsch – und doch schien er nicht auf Anhieb verstehen zu wollen, was gemeint ist. Dann sagt er: «Es geht mir nicht darum, dass die Leute hierbleiben können. Es geht mir darum, dass sie zu Jesus finden.»

Prüfung für die Taufe

So viele wie möglich wolle er dennoch nicht taufen, betont er. Jede Gläubige, jeder Gläubige müsse einen sechsmonatigen Taufvorbereitungskurs inklusive schriftlicher Abschlussprüfung bei ihm absolvieren. Dazu gehört unter anderem, an Bibelstunden teilzunehmen sowie täglich Nachrichten im Bibelchat zu empfangen. Larimi verschickt sie per Whatsapp, für Rückfragen steht er fast rund um die Uhr bereit. Gestellt würden Fragen wie «Was ist das Christentum?» oder «Was ist Sünde?». Und alle Taufwilligen gäben ein Glaubensbekenntnis ab. Jemanden abgelehnt hat der Pastor noch nie. Das will er auch nicht: «Ich taufe alle, die bereit sind, sich taufen zu lassen», sagt er. «Ich bin kein Richter. Richten kann nur Gott. Er weiss, ob jemand glaubt oder nicht.» Und er selber? Er spüre «im Herzen, ob es jemand wirklich ehrlich meint», sagt Larimi. Er habe «grosse Erfahrung mit Menschen». Dann schlägt er die Bibel auf, Matthäus-Evangelium, Kapitel 28. Der Missionsbefehl. Der Pastor will taufen, und er muss.

«Rufe ihn täglich an»

Für die behördliche Kritik hat er wenig Verständnis. Angesprochen auf die Asylzentren, die ihm Hausverbot erteilt haben, weil er regelmässig potenzielle Konvertiten aufsuchte, wird seine Stimme erstmals lauter. An den Besuchen sei doch nichts falsch – «warum ich nicht mehr hindarf, weiss ich nicht». Dort, wo er noch hindarf, geht Larimi nach wie vor hin. Und bei den anderen findet er «andere Wege, wie ich die Gläubigen treffen kann». Das Beziehungsnetz des Missionars reicht weit, er findet die Leute, und sie finden ihn.

Zum Beispiel das iranische Ehepaar, das an einer seiner Bibelstunden in Zürich teilnimmt. Es liess sich im Frühling von Larimi taufen – und ist voll des Lobes für ihn: «Er ist immer für uns da», sagt der 32-jährige Asylbewerber. Und seine Frau ergänzt: «Ich rufe Pastor Larimi fast täglich an. Anfangs wegen Fragen zur Bibel, jetzt wegen allem Möglichen.» Sie hätten auch schon Schweizer Kirchen besucht, doch niemand habe sie angesprochen oder willkommen geheissen. Die anderen Teilnehmer, drei junge Männer Mitte 30 und ebenfalls Asylbewerber, nicken. Dann geht es weiter mit dem Bibelstudium. Sie lesen gemeinsam Passagen in Persisch, Larimi erklärt, ergänzt, korrigiert. Vor ihm das iPad.

Überhaupt die Technologie. Sie ist ein Segen für Larimi. Zu Hause in Chur filmt er seine Predigten und stellt sie auf Youtube – «für die Christen im Iran», wie er sagt. Regelmässig publiziert er Beiträge auf seiner Website, die zweisprachig aufgebaut ist. Die Gottesdienste, die jeden zweiten Sonntag in Zürich stattfinden, werden simultan ins Deutsche übersetzt. Nicht zuletzt dient ihm die Technologie auch als soziale Kontrolle: «So kann ich schauen, was die Leute machen», sagt er.

Konvertiten kommen nicht mehr

Er erachtet es als «ungerecht, dass Christen, die die Wahrheit sagen, in der Schweiz kein Asyl erhalten». Die Befrager im Asylverfahren «hören manchmal nicht zu», und die Gläubigen «können sich manchmal nicht ausdrücken». Derweil dürften «radikale Muslime in der Schweiz bleiben». Auf Nachfrage räumt Larimi ein, dass es tatsächlich Konvertiten gibt, die sich nach der Taufe nicht mehr in seiner persischen Christgemeinde blicken lassen. Das erklärt er sich aber in erster Linie mit Zeitmangel. Und mit der Tatsache, dass seine Gottesdienste in Zürich stattfänden, die Konvertiten jedoch aus der ganzen Schweiz stammten. Viele von ihnen hätten sich lokalen Glaubensgemeinschaften angeschlossen, andere Freikirchen wie dem ICF etwa – «das ist ganz in meinem Sinn», sagt Larimi.

Der Pastor selber wird seit 2012 von der Schweizerischen Pfingstmission finanziell unterstützt, bei der er eine zweijährige Weiterbildung absolviert hat. Zu den jährlich 4800 Franken für die Raummiete kommen seit Juli 4000 Franken pro Monat für eine Teilzeitanstellung hinzu, vorerst bis Ende Jahr. Als Gärtner, Pfleger und Hauswart muss Larimi jetzt nicht mehr arbeiten. Wen er pflegte? Und in welchem Rahmen? Dazu will er sich nicht äussern. «Im privaten Rahmen», sagt er nur. In seiner Heimat Iran, erzählt Larimi, sei er einst in einer Kaviarfabrik tätig gewesen. Wie sein Vater, ein Fischer. Heute helfe er als Pastor den Menschen. «Das ist es, was zählt.»

Der Pastor braucht die Gläubigen, und sie brauchen ihn. Viele sehnen sich nach Gemeinschaft, Halt und Orientierung im fremden Land. Larimi ist für sie da, wie ein Vater. Gott sei Dank.

Erstellt: 30.08.2017, 21:02 Uhr

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