Flexible Preise ändern Stromverbrauch nicht

Ein Versuch des Berner Energiekonzerns BKW zeigt, dass Konsumenten ihren Stromverbrauch nicht dem Tagesablauf anpassen.

Scheint die Sonne, wird viel und kostengünstig Strom produziert: Solarkraftwerk auf dem Mont-Soleil im Berner Jura. Foto: Valentin Flauraud (Keystone)

Scheint die Sonne, wird viel und kostengünstig Strom produziert: Solarkraftwerk auf dem Mont-Soleil im Berner Jura. Foto: Valentin Flauraud (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Inwieweit lässt sich der Stromverbrauch der Bevölkerung mit Anreizen steuern? Die Antwort auf diese Frage ist für die Umsetzung der Energiestrategie 2050 wichtig. Mit dem politisch forcierten Ausbau der Fotovoltaik setzt die Schweiz auf eine Stromquelle, die witterungsabhängig ist, also unregelmässig anfällt. Hinzu kommt: Während die Sonne zur Tagesmitte potenziell am meisten Energie liefert, verbraucht die Bevölkerung in den Abendstunden am meisten Strom. Das Problem lösen lässt sich, indem der gewonnene Solarstrom zwischengespeichert wird – oder eben: genutzt wird, wenn er anfällt.

600 Haushalte involviert

Experten der ETH Lausanne und der Universität Neuenburg wollten Folgendes herausfinden: Verbrauchen die Konsumenten dank flexiblen Stromtarifen ihre Energie dann, wenn viel Solarenergie zur Verfügung steht? Den Feldversuch mit rund 600 Haus­halten führte das Team mit La Groule durch, einer Tochtergesellschaft der BKW; unterstützt wurde er vom Bundesamt für Energie. Im Swiss Energy Park zwischen St-Imier BE und Le Noirmont JU testet der Berner Energiekonzern mit den Kantonen Bern und Jura, wie die Energieversorgung im Jahr 2050 funktionieren könnte.

Ausgewählte Konsumenten wurden jeweils am Vorabend per SMS darüber informiert, wie der Strompreis am nächsten Tag stündlich variieren würde – Preise, welche anhand der Wetterprognose von Meteo Schweiz im Voraus berechnet wurden: Bei viel Sonnenschein ist der Solarstrom viel günstiger als bei bewölktem Himmel, da er dann in grossen Mengen produziert wird. Die Differenz beträgt bis zu 15Rappen pro Kilowattstunde, statt circa 27,5Rappen also nur noch 12,5.

Wir haben uns im Vorfeld des Feldversuchs einen grösseren Effekt erhofft.Tobias Habegger, BKW-Sprecher 

Doch dem Lauf der Sonne haben sich nur wenige angepasst. In einem Blog schrieb die BKW letzte Woche, die Zahl der Kunden liege im «tiefen einstelligen Bereich». Auf Nachfrage dieser ­Zeitung präzisiert der Energiekonzern: «unterhalb von einem Prozent». «Wir haben uns im Vorfeld des Feldversuches einen grösseren Effekt erhofft», sagt BKW-Sprecher Tobias Habegger. Nicht zufällig: Energieexperten beziffern das Potenzial zur zeitlich flexiblen Stromnutzung auf etwa 17 Prozent des Gesamtverbrauchs ein.

Die Solarbranche zeigt sich über den Befund nicht überrascht. «Die privaten Haushalte foutieren sich um den Strompreis, insbesondere wenn es nur um den Gewinn oder Verlust von ein paar Franken im Jahr geht», sagt Roger Nordmann, Präsident der Swissolar und SP-Nationalrat. Anders sehe es bei indus­triellen Grossverbrauchern aus, die mit Lastverschiebungen durchaus grössere Geldmengen sparen könnten. Wie gross das Potenzial ist, sagt Unternehmer und ETH-Professor Anton Gunzinger. Er rechnet damit, dass bis zu 50 Prozent der Last während der Dauer von 24 Stunden verschoben werden könnten.

Smart-Home-Technik

Für Swissolar-Präsident Roger Nordmann belegt der BKW-Feldversuch, dass der Mensch eben nicht jener Homo oeconomicus sei, als den ihn die Lehrbuch­ökonomie sehe. «Die Menschen wollen ihr Verhalten im Alltag nicht ständig anpassen müssen.» Nordmann schlägt den Bogen zur geplanten vollständigen ­Liberalisierung des Strommarkts – ein politisch umstrittenes Unterfangen. Für die Haushalte sei es offensichtlich «uninteressant», Preisschwankungen an der Börse in Echtzeit zu studieren und entsprechend ihren Stromverbrauch anzupassen.

Die BKW zeigt sich gleichwohl weiter zuversichtlich, dass flexible Stromtarife das Verhalten der Konsumenten steuern können. Den Schlüssel dazu soll die sogenannte Smart-Home-Technik liefern: Waschmaschine, Wärmepumpe und andere elektrische Geräte schalten sich dann ein, wenn die Sonne scheint – automatisch. «Die Konsumenten», sagt BKW-Sprecher Tobias Habegger, «müssen dafür zu diesem Zeitpunkt gar nicht zu Hause sein und selber eingreifen können.» Heute dagegen sei das oftmals der Fall.

Erstellt: 25.06.2019, 21:30 Uhr

Artikel zum Thema

Bitcoin verursacht bereits halb so viel CO2 wie die Schweiz

Die Digitalwährung verbraucht sehr viel Rechenleistung und damit Energie. Wissenschaftler haben ihren ökologischen Fussabdruck berechnet. Mehr...

US-Regierung begräbt Obama-Plan für saubere Energie

Die US-Umweltbehörde hat Regulierungen für Kohlekraftwerke zurückgenommen. Der US-Präsident wünscht sich eine Renaissance der Kohlebranche. Mehr...

Wie lange darf ich noch mit Öl heizen?

Trotz Klimanotstand ist fossile Energie unter Zürcher Hausbesitzern sehr gefragt. Die Gründe. Mehr...

Blog

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Bei Sonnenuntergang: Junge spielen Fussball am Ciliwung in Jakarta, Indonesien. (11. Juli 2019)
(Bild: Willy Kurniawan) Mehr...