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Flucht vor Erdogan in die Schweiz

Die Zahl der Asylgesuche aus der Türkei ist ein Jahr nach dem Putsch deutlich angestiegen. Die Flüchtlinge sind jung und gut ausgebildet.

Luca De Carli
Geht seit dem Putschversuch massiv gegen echte und vermeintliche politische Gegner vor: Der türkische Präsident Erdogan. (8. Juli 2017)
Geht seit dem Putschversuch massiv gegen echte und vermeintliche politische Gegner vor: Der türkische Präsident Erdogan. (8. Juli 2017)
Keystone

Viele Türken haben Angst um ihre Zukunft. Schweizer Politiker mit türkischen Wurzeln erhalten in den letzten Monaten vermehrt Anfragen von Verwandten und Bekannten. «Sie erkundigen sich nach dem Leben in der Schweiz und nach Möglichkeiten, hierherzukommen», sagt Muammer Kurtulmus, Zürcher Gemeinderat für die Grünen.

Ein Jahr nach dem gescheiterten Putsch ist die Verunsicherung in der Türkei gross. Tausende Beamte wurden seither entlassen, viele tatsächliche und angebliche politische Gegner von Präsident Erdogan verhaftet. Die Zahl gut ausgebildeter Türken, die auswandern, hat laut der Oppositionspartei CHP stark zugenommen – auf 10'000 Personen im Monat. Offizielle Zahlen, die das bestätigen, gibt es nicht.

Ein Jahr nach dem Putschversuch: Erdogan hält in Ankara während einer Zeremonie eine Rede. (13. Juli 2017)
Ein Jahr nach dem Putschversuch: Erdogan hält in Ankara während einer Zeremonie eine Rede. (13. Juli 2017)
Adem Altan, AFP
Ein Passant bespuckt ein verhaftetes Armeemitglied (17. Juli 2016).
Ein Passant bespuckt ein verhaftetes Armeemitglied (17. Juli 2016).
Keystone
Türken feiern in den frühen Morgenstunden Istanbuls den abgewendeten Putschversuch. (16. Juli 2016)
Türken feiern in den frühen Morgenstunden Istanbuls den abgewendeten Putschversuch. (16. Juli 2016)
AP Photo/Emrah Gurel, Keystone
Zivilisten nehmen eigenhändig mehrere Soldaten fest und übergeben diese der Polizei. (15. Juli 2017)
Zivilisten nehmen eigenhändig mehrere Soldaten fest und übergeben diese der Polizei. (15. Juli 2017)
AP Photo/Selcuk Samiloglu, Keystone
In Ankara versuchen Menschen einen Panzer aufzuhalten. (15. Juli 2017)
In Ankara versuchen Menschen einen Panzer aufzuhalten. (15. Juli 2017)
AP Photo/Burhan Ozbilici, Keystone
Soldaten stehen auf dem Taksim-Platz in Istanbul Wache. (15. Juli 2017)
Soldaten stehen auf dem Taksim-Platz in Istanbul Wache. (15. Juli 2017)
Keystone
Die Verbindungsbrücken zwischen Europa und Asien sind von beiden Seiten vom Militär unter Kontrolle gebracht worden. (15. Juli 2017)
Die Verbindungsbrücken zwischen Europa und Asien sind von beiden Seiten vom Militär unter Kontrolle gebracht worden. (15. Juli 2017)
Keystone
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Was ist davon bislang in der Schweiz zu spüren? Einem Land mit einer grossen türkischen Diaspora. Ungefähr 120'000 Menschen mit türkischen Wurzeln leben hier.

Doppelt so viele Asylanträge

Gegen 600 Asylanträge von Türken sind seit dem Putsch in der Schweiz eingegangen. Das ist deutlich mehr als in den Jahren davor. 2015 wurden rund 400 Gesuche gestellt, 2014 etwas mehr als 300. Die jüngsten Zahlen, die das Staatssekretariat für Migration (SEM) veröffentlicht hat, stammen vom Mai 2017. Alleine in diesem Monat baten 62 Türken um Asyl. Das Land liegt damit an siebter Stelle. Deutlich mehr Gesuche wurden nur von Menschen aus Eritrea (220), Syrien (212) und Afghanistan (100) gestellt.

Das SEM sagt zur Zunahme der Gesuche: Die politische Lage in einem Herkunftsland gehöre zu den massgeblichen Faktoren. Es sei deshalb davon auszugehen, dass ein Zusammenhang zwischen der Situation in der Türkei und der Zahl der Asylgesuche bestehe. Aus welchen Gründen genau die Gesuche gestellt würden, werde allerdings statistisch nicht erfasst.

Dafür sind einige Sozialdaten erfasst: Demnach stammt die Mehrheit (55 Prozent) der Anträge von 18- bis 34-Jährigen. Etwas mehr als die Hälfte reiste alleine in die Schweiz. Und es sind etwa doppelt so viele Männer wie Frauen.

In den Monaten nach dem Putschversuch vom Juli 2016 ging die türkische Führung mit grosser Härte gegen Regierungsgegner vor: Präsident Erdogan bei einer Ansprache in seinem Palast in Ankara. (Symbolbild)
In den Monaten nach dem Putschversuch vom Juli 2016 ging die türkische Führung mit grosser Härte gegen Regierungsgegner vor: Präsident Erdogan bei einer Ansprache in seinem Palast in Ankara. (Symbolbild)
Yasin Bulbul/AP, Keystone
Zu wenig Platz in den türkischen Haftanstalten: Insassen im Metris-Gefängnis in Istanbul.
Zu wenig Platz in den türkischen Haftanstalten: Insassen im Metris-Gefängnis in Istanbul.
Keystone
Rund 7500 Soldaten wurden festgenommen – zudem wurden 149 Generäle und Admiräle aus der Armee entlassen: Während dem Putschversuch nahmen Zivilisten und Erdogan-Anhänger Soldaten fest.
Rund 7500 Soldaten wurden festgenommen – zudem wurden 149 Generäle und Admiräle aus der Armee entlassen: Während dem Putschversuch nahmen Zivilisten und Erdogan-Anhänger Soldaten fest.
Sedat Suna, Keystone
Neben den Armeeangehörigen wurden circa 8000 Polizisten entlassen und der Ausnahmezustand ausgerufen: Die Polizei auf Patrouille in Istanbul. (21. Juni 2016)
Neben den Armeeangehörigen wurden circa 8000 Polizisten entlassen und der Ausnahmezustand ausgerufen: Die Polizei auf Patrouille in Istanbul. (21. Juni 2016)
EPA/Deniz Toprak, Keystone
Dem ersten Dekret zufolge wurden 1043 Privatschulen, 1229 Wohltätigkeitsorganisationen und Stiftungen, 19 Gewerkschaften, 15 Universitäten und 35 medizinische Einrichtungen geschlossen: Das Foto zeigt das verschlossene Eingangstor zur Murat Hudagendigar Universität in Istanbul. (27. Juli 2016)
Dem ersten Dekret zufolge wurden 1043 Privatschulen, 1229 Wohltätigkeitsorganisationen und Stiftungen, 19 Gewerkschaften, 15 Universitäten und 35 medizinische Einrichtungen geschlossen: Das Foto zeigt das verschlossene Eingangstor zur Murat Hudagendigar Universität in Istanbul. (27. Juli 2016)
Ozan Kose, AFP
Zudem wurden 21'000 Lehrer entlassen und rund 1500 Rektoren zum Rücktritt aufgefordert: Symbolisch eine frühere Demonstration gegen eine Bildungsreform. (23. November 2013)
Zudem wurden 21'000 Lehrer entlassen und rund 1500 Rektoren zum Rücktritt aufgefordert: Symbolisch eine frühere Demonstration gegen eine Bildungsreform. (23. November 2013)
AP, Keystone
Per Regierungsdekret wurden zahlreiche Medien geschlossen, darunter 16 Fernsehsender, 23 Radios, 45 Zeitungen, 15 Magazine, und 29 Verlagshäuser – 47 frühere Mitarbeiter der Zeitung «Zaman» wurden gar verhaftet: Das Hauptgebäude der Zeitung, die bereits im März von der Regierung übernommen wurde.
Per Regierungsdekret wurden zahlreiche Medien geschlossen, darunter 16 Fernsehsender, 23 Radios, 45 Zeitungen, 15 Magazine, und 29 Verlagshäuser – 47 frühere Mitarbeiter der Zeitung «Zaman» wurden gar verhaftet: Das Hauptgebäude der Zeitung, die bereits im März von der Regierung übernommen wurde.
EPA/Sedat Suna, Keystone
Gemäss Amnesty International sollen einige der über 13'000 Verhafteten gefoltert werden. Dieses vom Nachrichtensender CNN veröffentlichte Bild schockierte vor einigen Tagen die Partner der Türkei.
Gemäss Amnesty International sollen einige der über 13'000 Verhafteten gefoltert werden. Dieses vom Nachrichtensender CNN veröffentlichte Bild schockierte vor einigen Tagen die Partner der Türkei.
cnn.com
Nach dem Putschversuch wurden 3000 Mitglieder der Judikativen entlassen – mitunter 1481 Richter: Ein Bild einer Demonstration von Erdogan-Anhängern. (29. Juli 2016)
Nach dem Putschversuch wurden 3000 Mitglieder der Judikativen entlassen – mitunter 1481 Richter: Ein Bild einer Demonstration von Erdogan-Anhängern. (29. Juli 2016)
AP/Ali Unal, Keystone
Recep Tayyip Erdogan (Mitte) trifft Generäle im Präsidentenpalast in Ankara – historisch fanden diese Treffen in Räumlichkeiten der Armee statt. (29. Juli 2016)
Recep Tayyip Erdogan (Mitte) trifft Generäle im Präsidentenpalast in Ankara – historisch fanden diese Treffen in Räumlichkeiten der Armee statt. (29. Juli 2016)
Büro des türkischen Präsidenten, AFP
Gemäss der BBC und statista.com wurden neben den aufgeführten Zahlen auch circa 1500 Mitarbeiter des Finanzministeriums, 492 religiöse Führer, 393 Mitarbeiter des Ministeriums für Sozialpolitik, 257 Mitarbeiter des Büros des Premierministers und 100 Geheimdienstmitarbeiter gefeuert: Erdogan mit verschiedenen Staatsangestellten. (Symbolbild)
Gemäss der BBC und statista.com wurden neben den aufgeführten Zahlen auch circa 1500 Mitarbeiter des Finanzministeriums, 492 religiöse Führer, 393 Mitarbeiter des Ministeriums für Sozialpolitik, 257 Mitarbeiter des Büros des Premierministers und 100 Geheimdienstmitarbeiter gefeuert: Erdogan mit verschiedenen Staatsangestellten. (Symbolbild)
EPA/Turkish Presidential Press, Keystone
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Die grüne Nationalrätin Sibel Arslan (BS) sagt, dass sie persönlich vor allem Einreisen von Akademikern, Journalisten und politisch aktiven Personen festgestellt habe. Darunter seien sowohl Linke, also vor allem Personen aus dem Umfeld der prokurdischen Oppositionspartei HDP, als auch Anhänger des Predigers Fethullah Gülen. In der Türkei wird Gülen beschuldigt, für den Putsch verantwortlich zu sein. Bekannt ist auch, dass mehrere türkische Diplomaten in der Schweiz um Asyl ersucht haben. Der prominenteste Fall ist jener des ehemaligen Vizebotschafters in Bern.

Primär wirtschaftlich besser gestellte Türken würden derzeit in den Westen ziehen. «Die einfachen Leute schaffen es nicht auszureisen», sagt Arslan.

Die Alternativen zum Asylantrag

Hasim Sancar, grüner Kantonsrat aus Bern, weist darauf hin, dass Türken nicht nur als Flüchtlinge in die Schweiz kommen. Hochqualifizierte wählten auch den Weg der normalen Arbeitsmigration. Zudem gebe es die Option Familiennachzug.

In der Ausländerstatistik lässt sich allerdings bislang nur eine leichte Zunahme ablesen. So sind zwischen Januar und Mai 2017 via Familiennachzug, für einen Job oder eine Ausbildung 505 Türken für einen Aufenthalt von mehr als 12 Monaten in die Schweiz gekommen. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren es 468. Die Zahl der Anträge für langfristige Visa in den Schweizer Vertretungen in der Türkei ist im ersten Quartal der Jahre 2017 (572 Anträge) und 2016 (569 Anträge) praktisch gleich hoch.

Eine Arbeitserlaubnis für die Schweiz zu erhalten, sei für Türken schwierig, sagt Nationalrätin Arslan. Gerade die Abschlüsse von Akademikern würden hier seltener anerkannt als in anderen europäischen Ländern.

Und auch bei einem Asylgesuch kann sich ein Türke in der Schweiz alles andere als sicher sein, geschützt zu werden. Nur knapp jeder zweite erhält Asyl oder wird zumindest vorläufig aufgenommen. Im Schnitt aller Herkunftsstaaten liegt die Schutzquote derzeit bei knapp 60 Prozent.

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