Forscher fordern gezielte Verbote von Pestiziden

Bauern, die Schädlinge mit Gift bekämpfen, erhöhen das Risiko für Umweltschäden erheblich. Dies zeigt eine neue Studie von Agroscope.

Rapsfelder in der Gemeinde Daillens im Kanton Waadt. Foto: Keystone

Rapsfelder in der Gemeinde Daillens im Kanton Waadt. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Rapsernte läuft. Der warme Frühling hat auch dem zwei Millimeter kleinen, schwarzen Rapsglanzkäfer gute Bedingungen geboten. Doch die Invasion blieb aus. Wo die Schädlinge sich doch massierten, hielten die Bauern sie mit der Giftkeule in Schach – zum Beispiel mit dem Wirkstoff Chlorpyrifos. Das Insektizid tötet zuverlässig und ist dementsprechend heikel. Das Bundesamt für Umwelt warnt, dass es für «Mensch und Tier» toxisch ist. Bienen, Amphibien und Fische sterben daran.

Forscher der landwirtschaftlichen Forschungsanstalt Agroscope kommen zum Schluss, dass Chlorpyrifos deshalb besser im Giftschrank bleiben sollte. Der Stoff gehört zu den «kritischeren Mitteln». Solche Wirkstoffe erhöhen das Risiko, dass Gewässer und Böden geschädigt werden, überproportional, wie Laura de Baan erläutert. Sie ist Mitautorin einer kürzlich veröffentlichten, neuen Agroscope-Studie, die aufzeigt, dass mit einem gezielten Verzicht auf Pflanzenschutzmittel viel für die Umwelt getan werden könnte. Die Forscher fanden etwa heraus, dass jene Bauern, die zum Beispiel beim Winterraps am meisten spritzen, das Risiko für die Umwelt gegenüber dem Durchschnitt vervierfachen. Bauern, die nach den Richtlinien der integrierten Produktion (IP Suisse) produzieren, können das Umweltrisiko hingegen auf ein Viertel reduzieren.

Belohnen oder bestrafen?

Noch eklatanter ist der Unterschied bei der Ökobilanz. Die Auswirkungen auf Gewässer sind bei Bauern, die häufig spritzen, 13-mal höher als beim Durchschnitt. Die Auswirkungen auf den Boden sind gar 25-mal höher. De Baan führt diese Resultate auch darauf zurück, dass teilweise zu früh gespritzt wird. Gerade besonders kritische Spritzmittel wie Chlorpyrifos sollten laut de Baan aber nicht zur reinen Vorbeugung verwendet werden.

Für Franziska Herren vom Ini­tiativkomitee der im Januar eingereichten Trinkwasserinitia­tive sind das willkommene Argumente für den Kampf gegen Pestizide. Das Volksbegehren verlangt, dass nur noch jene Landwirte Direktzahlungen vom Staat erhalten, die nicht spritzen. Seit Ende Juni ist bekannt, dass auch eine zweite Initiative mit ähnlicher Ausrichtung, jene «für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide», zustande gekommen ist. Diese verlangt sogar ein vollständiges Verbot.

Der Bundesrat anerkennt zwar deren Hauptanliegen, lehnt diese harte Linie aber ab. Müsste sie umgesetzt werden, müsste die Landwirtschaftspolitik umgekrempelt werden, sagte kürzlich Landwirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann. Er plädiert für einen anderen Weg: Mit der Agrarpolitik für die Jahre 2022 und folgende will er Gegensteuer geben. Die Botschaft dazu will er diesen Herbst vorlegen. Unter anderem prüft er, ob Bauern belohnt werden sollen, die wenig spritzen. Beim Obst-, Reben- und Zuckerrübenanbau wird dies im Rahmen des Ressourceneffizienzprogramms bereits praktiziert. Grundlage ist der 2017 vom Bundesrat erlassene Aktionsplan Pflanzenschutz.

Schneider-Ammanns Strategie – gewissermassen als Gegenvorschlag zur Initiative gedacht – genügt Herren nicht: «Das ist immer noch falsch herum überlegt», sagt sie. «Es braucht einen Ausstieg, vergleichbar mit dem Atomausstieg.» Die Stimmbürger müssten sich jetzt endlich dazu äussern können, wie sie die Milliarden investieren wollten, die jährlich zu den Landwirten flössen. Für sie ist die Antwort klar: Wer spritzt, soll dafür nicht auch noch mit Geld vom Staat belohnt werden.

Der Schweizer Bauernverband (SBV) bekämpft die beiden Volksinitiativen, verfolgt aber auch die bundesrätlichen Pläne mit Argusaugen. Würden Pestizide verboten, hätte dies Ernteausfälle von 20 bis 40 Prozent zur Folge, in schlechten Jahren dürften es noch weit mehr sein. Auch die Bauern begründen ihre Haltung mit den Ansprüchen der Bevölkerung: «Eine nicht zu vernachlässigende Kundschaft will nachhaltig produzierte Lebensmittel, die nicht zu teuer sein dürfen», schrieb der SBV und warnte: Ohne Pflanzenschutzmittel würden landwirtschaftliche Produkte massiv teurer. Morgen will der Bauernverband seine Argumente an einer Pressekonferenz nochmals bekräftigen.

Zunehmende Resistenzen

Der kleine Rapsglanzkäfer wird indes immer robuster und resistenter. Mittlerweile helfen mildere Produkte kaum mehr. Deshalb greifen die Bauern zum Wirkstoff Chlorpyrifos. Sehr zum Nachteil der Umwelt: Gemäss einem Ende 2016 publizierten Bericht des Bundesamts für Landwirtschaft ist sie heute weder bei der Bio­diversität noch bei der Umweltbelastung nachhaltig. Sie erfüllte kein einziges der 2008 gesteckten Umweltziele. Kritik muss die Schweiz auch von internationaler Seite einstecken: Die OECD bemängelte 2017 in ihrem Umweltprüfbericht die hohe Pestizidbelastung aus der Landwirtschaft.

Der Bund anerkennt mittlerweile das Gefährdungspotenzial von Chlorpyrifos. Das Bundesamt für Umwelt beabsichtigt deshalb, den Grenzwert für eine chronische Belastung um den Faktor 217 zu senken. Herren reicht das nicht. Denn für andere Substanzen sei sogar eine Lockerung der Vorschriften vorgesehen. Sie strebt eine Landwirtschaft an, die ohne Pestizide auskommt. Zumindest was die Hochrisikostoffe angeht, sehen das die Agroscope-Forscher ähnlich. Mit gezielten Verboten lasse sich das Risiko für die Umwelt stark eindämmen. Insgesamt landen jährlich rund 2000 Tonnen Pflanzenschutzmittel auf Schweizer Böden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.07.2018, 20:39 Uhr

Artikel zum Thema

Kein Gift mehr im Essen

Video Lebensmittel sollen frei von Pestiziden sein. Darüber wird die Schweiz dank sieben Vätern aus Neuenburg abstimmen können. Mehr...

Giftkeulen-Verbot für Hobbygärtner gefordert

Hobbygärtner sollen keine Pestizide mehr einsetzen dürfen. Das fordern Gewässerschutzexperten. Nun erhalten sie Support vom Bauernverband. Mehr...

Angst ums Wasser

Die Schweiz sieht sich als Superwasserland. Doch stimmt das noch? Pestizide werden zum Problem, die Bevölkerung ist beunruhigt. Die Folge: eine ziemlich radikale Trinkwasserinitiative. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Paid Post

Freizeit und Reisen

Viele Ausflugsziele für den «goldenen Herbst» finden Sie in der aktuellen SBB Zeitungsbeilage «Freizeit und Reisen».

Die Welt in Bildern

Vier Pfoten für die Zukunft: Chilenische Polizistinnen marschieren mit den Welpen zukünftiger Spürhunde an der jährlichen Parade in der Hauptstadt Santiago de Chile. (19. September 2018)
(Bild: Rodrigo Garrido) Mehr...