AKW Leibstadt bis Ende Jahr lahmgelegt

Millionenschaden für Schweizer AKW: Wegen mangelhafter Brennelemente des Herstellers Areva muss Leibstadt den Betrieb vorerst einstellen. Nun beginnt ein Streit um Schadenersatz.

Leibstadt ist das dienstjüngste AKW der Schweiz; es steht im 33. Betriebsjahr.

Leibstadt ist das dienstjüngste AKW der Schweiz; es steht im 33. Betriebsjahr. Bild: Keystone

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Die Mitteilung hat in der Öffentlichkeit keine Wellen geschlagen. Ende Oktober informierten die Betreiber des Atomkraftwerks Leibstadt, die Jahreshauptrevision, die am 18. September begonnen hatte, verzögere sich um rund zehn Tage. Sechzehn neue, für den nächsten Betriebszyklus vorgesehene Brennelemente müssten ersetzt werden, weil ihre Hüllrohre die vorgegebenen Qualitätsanforderungen nicht erfüllten. Betroffen ist ein sensibler Bereich. Brennelemente sind jene Bauteile im Kernreaktor, die den Kernbrennstoff enthalten, das radioaktive Uran.

Doch nun verzögert sich der Neustart voraussichtlich bis gegen Ende Dezember. Der Grund: Weitere acht der insgesamt 648 Brennelemente im Reaktorkern weisen dieselben Mängel auf. Dies hätten Abklärungen ergeben, teilten die Leibstadt-Betreiber am 8. November mit; später korrigierten sie die Zahl auf sechs.

Was die Betreiber erst auf Nachfrage offenlegen: Diese sechs Brennelemente sind bereits drei bis vier Jahre im Einsatz gestanden – «ohne jegliche Probleme», wie die Betreiber umgehend versichern. Trotzdem tauschen sie sie nun vorsorglich aus. Das ist eine aufwendige Prozedur, welche die Atomaufsicht des Bundes (Ensi) am Ende freigeben muss. Das Ensi begrüsst diesen «sicherheitsgerichteten» Schritt. Es stellt aber klar, es seien an den Brennelementen keine Schäden entstanden, die Hüllrohre erfüllten zwar die Qualitätsvorgaben nicht, seien aber dicht. «Es hat keine Gefährdung von Mensch und Umwelt bestanden.»

Entdeckt bei Routineprüfung

Vom Tisch ist der Fall damit aber nicht. Vielmehr entflammt nun ein Streit um die Verantwortlichkeiten. Von wem die mangelhaften Brennelemente stammen, legen die Leibstadt-Betreiber mit Verweis auf eine Klausel im Vertrag mit dem Hersteller nicht offen. Gemäss TA-Recherchen handelt es sich um Areva — jenen Atomkonzern, der im Besitz des französischen Staats ist und seit der Atomkatastrophe von Fukushima 2011 mit finanziellen Schwierigkeiten kämpft.

Areva bestätigt auf Anfrage, bei einer Routineprüfung während der Herstellung von Brennelementen einen undichten Brennstab entdeckt zu haben. Weitere Untersuchungen zeigten: Die Qualitätsprüfungen, die Areva während des Fertigungsprozesses der Hüllrohre jeweils durchführt, liefen nicht korrekt ab. Offenbar hatte ein Computerprogramm Abweichungen von den Herstellungsnormen nicht erkannt. Bei den mangelhaften Brennelementen handelt es sich unter anderem um einen Typus namens Atrium 11, der laut Eigenwerbung von Areva durch «robustes Design» und «gesteigerte Zuverlässigkeit» besticht.

Areva stellt in Aussicht, betroffene Kraftwerksbetreiber beim Reparaturprozess zu unterstützen. Wer zu diesem Kreis zählt, kommuniziert der Konzern nicht. Gemäss Branchenkennern beliefert der weltweit grösste Hersteller von Brennelementen in vielen Ländern Atomkraftwerke, unter anderem in Frankreich und Deutschland. Es würde also kaum überraschen, wenn auch andere Anlagen betroffen wären und der Fall damit eine internationale Dimension erhielte. In der Schweiz sind laut Ensi keine weiteren AKW tangiert.

So oder so droht Areva ein Imageschaden. Die Leibstadt-Betreiber jedenfalls zeigen sich ungehalten: «Qualitätsmängel von Lieferanten sind für jedes Unternehmen ärgerlich», sagt eine Sprecherin. Dies umso mehr, als der Stillstand finanzielle Folgen habe. Die Leibstadt-Besitzer rechnen aufgrund der nun fehlenden Stromproduktion mit einem Verlust von 50 Millionen Franken. Gemäss TA-Informationen verlangen sie von Areva nun eine Schadenersatzzahlung – was sie nicht bestätigen, aber auch nicht dementieren.

Areva muss Qualität sicherstellen

Die Haftungsfrage bleibt umstritten. Für die Qualitätssicherung ist laut dem Ensi in erster Linie Areva zuständig. Die Produktion inklusive der Prüfung müsse zertifiziert sein. In einem weiteren Schritt prüft die Axpo, Hauptaktionärin in Leibstadt, die Ware. Da Areva den Fehler erst gerade selber entdeckt hatte, wusste die Axpo laut dem Ensi zum Zeitpunkt ihrer eigenen Prüfungen nicht von dessen Existenz. Dies sowie der Umstand, dass die Gegenprüfung stichprobenweise erfolgt, erklären laut Ensi, warum der Mangel unentdeckt blieb.

Die Axpo ihrerseits sieht die Verantwortung für den korrekten Einsatz der Brennelemente «ausschliesslich» bei den Leibstadt-Betreibern, zu denen nebst ihr die Alpiq und BKW gehören. Etwaige Schadenersatzzahlungen an Leibstadt blieben damit nicht allein an der Axpo hängen. Das Ensi hält dazu fest, die eruierten Qualitätsmängel seien für die Leibstadt-Betreiber «kaum feststellbar», entsprechend sieht man sich dort als «Opfer» einer Fehllieferung.

Der Fall beunruhigt die Umweltverbände. «Im AKW Leibstadt sind die Brennelemente die Achillesferse: Das Werk performt hier seit seinen Anfängen nicht optimal», sagt Nils Epprecht von der Schweizerischen Energie-Stiftung (SES). Viele Alternativen zu Areva gebe es nicht, der Herstellermarkt sei klein. Dies umso mehr, seit der zweite grosse Player, Westinghouse, mit grossen finanziellen Problemen kämpfe. Florian Kasser von Greenpeace sieht sich bestätigt, dass die Dokumentation und die Angaben des Herstellers nicht zuverlässig seien. «Die Qualitätssicherung hat erhebliche Lücken, was im Nuklearbereich sehr problematisch ist.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 17.11.2017, 17:03 Uhr

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