Frauen werden aus Kantonsregierungen verdrängt

Graubünden ist der vierte Kanton ganz ohne weibliche Vertretung. Fast überall sind Frauen klar unterrepräsentiert.

Wo die Frauen untervertreten sind: Klicken Sie auf die Kantone, um den Frauenanteil in der Regierung zu sehen.


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Im Fokus der Bündner Regierungsratswahlen stand der Bauskandal, in den verschiedene Kandidaten direkt oder indirekt verwickelt waren. Die BDP, am stärksten von den illegalen Kartell-Absprachen betroffen, wurde von den Wählern prompt abgestraft: Sie verlor ihren zweiten Sitz, jenen der zurücktretenden Barbara Janom Steiner, an die CVP.

Das ist nicht nur eine Niederlage für die Partei, sondern auch für die Frauen. Denn als Nachfolge von Steiner, die aufgrund einer Amtszeitbeschränkung nicht mehr antrat, fand sich keine einzige weibliche Kandidatin. Jetzt wird Graubünden von einem reinen Männergremium regiert – bereits als vierter Kanton.

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Auch in Appenzell-Ausserrhoden, Luzern und im Tessin sitzt keine Frau in der Regierung. 2015 setzte sich in Luzern der SVP-Mann Paul Winiker gegen die SP-Kandidatin Felicitas Zopfi durch. Im gleich Jahr schied die freisinnige Tessiner Staatsrätin Laura Sadis aus der Tessiner Regierung und wurde durch einen Mann ersetzt. 2017 passierte dasselbe bei Marianne Koller-Bohl in Appenzell-Ausserrhoden.

Mit Zug, wo am 7. Oktober Wahlen anstehen, könnte ein weiterer Kanton dazu kommen. Die einzige Frau in der Regierung, Manuela Weichelt, verzichtet auf eine weitere Amtszeit. Für die drei Sitze im Siebnergremium, die neu zu besetzen sind, stellen sich neben vier Männern auch zwei Frauen zur Wahl. Die Chancen für eine weibliche Vertretung sind also da, genauso gut könnte es aber eine rein männliche Exekutive geben.

In 24 Kantonen in der Minderheit

In elf weiteren Kantonen wird sich dieses Jahr nichts an der klaren weiblichen Untervertretung ändern. Die Regierungen in Glarus, Neuenburg, Obwalden, Schaffhausen sowie im Jura, Wallis und Aargau bestehen jeweils aus vier Männern und einer Frau, haben also einen Frauenanteil von nur 20 Prozent. In Appenzell Innerrhoden, Freiburg, St. Gallen, Schwyz und Zug ist sogar nur eins von sieben Mitgliedern der Exekutive (14,3 Prozent) eine Frau.

Die einzigen Kantone, in denen Frauen die Mehrheit der Regierung stellen, sind der Thurgau und die Waadt. Sie drücken den schweizweiten Schnitt auf immerhin 24 Prozent. Das ist deutlich mehr als im Ständerat (Frauenanteil: 15 Prozent), aber weniger als in den kantonalen Parlamenten (27 Prozent) und im Nationalrat (32 Prozent).

Frauen sind heute zwar deutlich häufiger in der nationalen und kantonalen Politik vertreten als früher, mit einem Anteil von knapp einem Viertel aber immer noch klar unterrepräsentiert. Immerhin machen sie gut die Hälfte der Bevölkerung aus. Zudem scheint der Aufwärtstrend zu stagnieren. Zu diesem Schluss kam auch eine Studie im Auftrag der Eidgenössischen Kommission für Frauenfragen (EKF). «Der Schwung, mit dem die Frauen vor allem in den Neunzigerjahren Einsitz in den politischen Institutionen nahmen, ist abgeflaut», schrieb Politologe Werner Seitz.

Auf nationaler Ebene wollen die Frauensektionen von SP und FDP nun Gegensteuer geben, damit es bei den nächsten Wahlen in eineinhalb Jahren mehr Kandidatinnen ins Parlament schaffen. Die SP-Frauen verlangen, dass ihre Mutterpartei einen Teil ihres Wahlkampfbudgets in die Schulung aussichtsreicher Kandidatinnen investiert. Zudem soll sie den Einsatz separater Frauenlisten prüfen. Doris Fiala, Präsidentin der FDP-Frauen, fordert, dass mindestens ein Drittel der ersten zehn Listenplätze mit Frauen besetzt wird.

Hoffnung macht ihnen das gestrige Ergebnis im Glarnerland: Dort stieg der Frauenanteil im Kantonsparlament durch die Neuwahl von Elisabeth Schnyder und Sabine Steinmann von 11 auf 13 Landrätinnen.

Erstellt: 11.06.2018, 13:13 Uhr

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