Freie Psychologen: Kassen rechnen mit Prämienschub

Befreit der Bund Psychologen aus ihrer Abhängigkeit von Psychiatern, drohen laut neuer Studie Mehrkosten von bis zu 500 Millionen Franken.

Sie fühlen sich diskriminiert: Psychologen und Psychologinnen demonstrieren für bessere Arbeitsbedingungen (November 2018). Foto: Keystone

Sie fühlen sich diskriminiert: Psychologen und Psychologinnen demonstrieren für bessere Arbeitsbedingungen (November 2018). Foto: Keystone

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Entmutigung, Niedergeschlagenheit oder extreme Nervosität: Rund 15 Prozent der Bevölkerung leiden an psychischen Problemen. Und immer mehr Menschen gehen zu einer Psychologin oder einem Psychologen in die Therapie, wie Erhebungen zeigen. Unzufrieden mit ihrer Situation sind indes auch häufig die Therapierenden – als «Leibeigene» fühlen sich manche gar, so verlautet aus Branchenkreisen. Grund dafür ist ihre Abhängigkeit von den Psychiatern, also ihren Branchenkollegen mit medizinischer Ausbildung. Wer «nur» Psychologie studiert hat, muss sich von einem Arzt anstellen und beaufsichtigen lassen – zumindest wenn er Therapien über die obligatorische Krankenversicherung anbieten will.

Dieses System plant der Bundesrat nun zu ändern. Er hat letztes Jahr Vorschläge gemacht, um den Psychologen mehr Freiheit zu verschaffen. Künftig sollen sie selbstständig über die obligatorische Krankenversicherung abrechnen dürfen. Bedingung wäre dabei, dass die Therapie von einem Arzt verschrieben wird.

Eine halbe Milliarde mehr

Dieses sogenannte Anordnungsmodell hat für die Versicherten einen Nachteil: Es verursacht Kosten, die sich unweigerlich in der Prämienrechnung niederschlagen werden. Der Bund prognostizierte bislang Zusatzbeträge in der Grössenordnung von 100 Millionen Franken. Der Krankenkassenverband Santé­suisse hat nun aber in einer neuen Studie die längerfristigen Folgen berechnet und kommt zu einem wesentlich dramatischeren Befund: Im Extremfall könnten die Kosten um bis zu einer halben Milliarde Franken anwachsen. Gegenüber heute entspräche dies rundweg einer Verdoppelung.

Warum fällt die Santésuisse-Prognose so viel pessimistischer aus? Ein Hauptgrund ist, dass der Verband in seine Berechnungen einen Herzenswunsch der Psychologen mit einbezieht: Diese streben nicht nur nach mehr Freiheit, sondern auch nach mehr Verdienst. Ihr Ziel ist es, für Therapiestunden künftig gleich hoch entlöhnt zu werden wie die Psychiater. Die ärztliche Psychotherapie wird derzeit mit 187Franken pro Stunde vergütet, jene der Psychologen nur mit 135Franken. Die Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen (FSP) hält auf ihrer Website dazu unmissverständlich fest: «Es gibt EINE Psychotherapie, die von Psychiater(inn)en und Psycholog(inn)en gleichermassen durchgeführt wird.» Die Forderung laute daher: «Gleiche Bedingungen und gleicher Lohn für gleiche Arbeit!»

Selbst wenn der Tarif nur halb so stark angehoben wird, könnte die Steigerung immer noch über 300 Millionen Franken betragen.

Die geforderte «Lohngleichheit» würde gemäss der Santésuisse-Studie mittelfristig ein Kostenwachstum von 330 Millionen Franken pro Jahr verursachen. Hinzu kommen Effekte wie die gesteigerte Attraktivität des Psychologenberufs – und wo es mehr Psychologen gibt, so die Annahme, gibt es auch mehr Patienten. Die «Mengeneffekte» seien zwar schwer vorherzusagen, räumen die Autoren der Studie ein. Im Extremfall halten sie aber eine Kostensteigerung von insgesamt rund 500 Millionen Franken für plausibel.

Selbst wenn der Tarif nur halb so stark angehoben wird, könnte die Steigerung immer noch über 300 Millionen Franken betragen. «Das entspricht rund 1 Prämienprozent», warnt der stellvertretende Santésuisse-­Direktor Christoph Kilchenmann. Er bedauert, dass das Bundesamt für Gesundheit die möglichen mittelfristigen Folgen ausgeblendet und damit eine «allzu optimistische» Berechnung präsentiert habe.

Santé­suisse stelle sich nicht grundsätzlich gegen das Anordnungsmodell, betont Kilchenmann. Höhere Tarife für die Psychologen kommen für ihn aber nicht infrage. Und man müsse sicherstellen, dass nicht alle Ärzte, sondern nur jene mit spezifischer Qualifikation eine Therapie anordnen könnten.

«Angemessene» Löhne nötig

Philipp Thüler, Sprecher des Psychologenverbands FSP, hält Spekulationen über die künftigen Tarife für wenig sinnvoll: «Die Verhandlungen beginnen ja erst.» Thüler erinnert aber an das Ziel der Übung: «Es gibt im Moment zu wenig Therapieplätze, die von der Grundversicherung finanziert werden, und der Bund will die Versorgung verbessern. Das ist der Grund, weshalb wir zum Anordnungsmodell wechseln müssen. Um eine qualitativ hochstehende Versorgung zu sichern, müssen Psychotherapeuten auch angemessen entlöhnt werden.» Für unbegründet hält er Befürchtungen, wonach unter dem neuen System auch eigentlich gesunde Leute den Therapeuten aufsuchen würden: «Eine Psychotherapie macht niemand einfach so zum Spass.»

Wann der Bundesrat entscheiden wird, ist unklar. Das zuständige Bundesamt wertet derzeit die eingegangenen Antworten aus. Vor allem die bürgerlichen Parteien beurteilten den Systemwechsel skeptisch. Die Psychologen werden noch viel Überzeugungsarbeit leisten müssen.

Erstellt: 16.01.2020, 21:55 Uhr

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