Froh um jede Arbeit

Vorläufig aufgenommene Flüchtlinge und Ausländer haben Mühe, in der Schweiz einen Job zu finden. Besuch bei zweien, die es geschafft haben.

Ihre Kinder haben den Schweizer Pass: Paciencia Mafuta aus Angola. Foto: Urs Jaudas

Ihre Kinder haben den Schweizer Pass: Paciencia Mafuta aus Angola. Foto: Urs Jaudas

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«Arbeiten in der Abwaschküche ist wohl der härteste Job im Restaurant. Man ist der Hitze, der Feuchtigkeit und dem Schmutz ausgesetzt», sagt Thomas Schär, Leiter des Migros-Restaurants im Shoppyland Schönbühl bei Bern. Hier arbeitet auch der 30-jährige Tibeter Thupten Jampa Lumtsotang. «Office» wird der Raum genannt, wo das dreckige Geschirr auf Tablett per Förderband hineinkommt, gereinigt und gespült wird und anschliessend wieder sauber herausgetragen wird.

«Er isch en Guete», raunt mir eine fünfzigjährige Schweizerin, die mit Jampa arbeitet, auf dem Weg ins Office zu. Auch Schär lobt den Tibeter als «höchst motiviert». Er sei ein «Uuf­gstellte». Als Chef habe er mit ihm «einen extrem treuen Mitarbeiter». Einzig sein Deutsch bleibe bescheiden, obwohl er zweimal die Woche gratis einen Kurs besuche. Schär würde ihn gerne in der Küche oder am Buffet einsetzen, aber seine Sprachkenntnisse erlaubten ihm vorerst nicht, beispielsweise ein Rezept zu verstehen. Das sei schade, sagt Schär. Jampa wisse, dass er aufsteigen könnte.

Bewilligung für Jobwechsel

Jampa kam als 9-Jähriger ins Kloster und flüchtete als erwachsener Mönch in die Schweiz. Eine politische Verfolgung konnte er nicht nachweisen. So erhielt er den F-Ausweis als vorläufig Aufgenommener. Angehörige dieser Gruppe gelten seit der Reform des Ausländergesetzes des damaligen Justizministers Christoph Blocher als ­«Inländer». Sie müssen aber vor jedem Stellenwechsel eine Bewilligung ein­holen.

Für seinen 80-Prozent-Job erhält Jampa «zwischen 2400 und 2700 Franken, je nach Monat». Das ist viel für einen Ungelernten mit wenig Deutschkenntnissen. Die Migros als Arbeitgeberin garantiert einen GAV-Mindestlohn, der bezogen auf eine Vollzeitstelle rund 600 Franken höher ist als in Tief­lohnbranchen. Jampa erhält auch Lohnzuschläge für die Arbeit am Abend. Er zahlt rund 200 Franken Steuern, die ihm direkt vom Lohn abgezogen werden.

Tellerwäscher Thupten Jampa Lumtsotang. Foto: Ruben Wyttenbach

Er sagt, er sei froh, bei der Migros einen Job zu haben. Er habe auch Arbeitgeber ­getroffen, die bei wenig Auslastung den F-Ausweis-Angestellten «rasch einmal» gekündigt hätten. Bei der Migros Aare ist Jampa einer von zehn Angestellten mit dem F-Ausweis. Drei weitere regionale Genossenschaften beschäftigen je bis zu zehn Mit­arbeiter. Die Migros hat 97'000 Angestellte.

F-Ausweis und Schweizer Kinder

Es war nicht einfach, weitere Arbeitgeber zu finden, die bereit waren, öffentlich Auskunft zu geben. Der zweite Interviewtermin gelingt in Zürich an der Pädagogischen Hochschule in der Nähe der Sihlpost. Dort im 5. Geschoss reinigt die Angolanerin Paciencia Mafuta Garderoben, Duschen und Toiletten der künftigen Lehrer und Dozenten. Sie ist perfekt geschminkt und modisch frisiert wie Putzpersonal in einem Hollywoodfilm.

Sie floh 2003 vor dem Krieg in die Schweiz. Sie war Analphabetin und lernte hier schreiben und lesen. 2009 wurde ihr Asylgesuch abgelehnt, sie aber vorläufig aufgenommen. In den ersten sechs Jahren lebte sie von der Sozialhilfe. «Das war schlimm. Das will ich nie mehr.»

Paciencia arbeitet pro Tag 7¾ Stunden als festangestellte Reinigungskraft von ­Vebego. Das Familienunternehmen ist im Facility-Service tätig und beschäftigt 5800 Mitarbeitende, von ihnen 26 mit ­F-Ausweis. Seit fünf Jahren ist Paciencia angestellt und wird von ihrer Chefin Susana Alvez als «sehr verlässlich» gelobt. Ihre Schicht beginnt um 6.30 Uhr mit der Treppenreinigung. Sie ist alleine. Drei Stunden später hat sie eine unbezahlte Pause, während der sie nach Hause frühstücken geht. Dann geht die Putztour um 11.30 Uhr weiter mit den Garderoben und einer Kontrolle der Toiletten durch alle Stockwerke. Um halb zwei und halb vier Uhr reinigt sie in einem anderen Schultrakt, um 17.30 Uhr ist Feierabend.

Wie viel sie verdient, bleibt vertraulich. Doch sie erhält mehr als das Minimum. Vebego zahlt laut Reinigungs-GAV mindestens 20.26 Franken pro Stunde für Ungelernte, Ferien- und Feiertagsentschädigung inklusive. Dies entspricht 3680 Franken pro Monat brutto (Vollzeit). Hinzu kommt ein 13. Monatslohn. Mit mehr Berufsjahren steigt der Lohn an. Nach Abzug von Steuern bleiben Paciencia «rund 2700 Franken», sagt sie. Sie arbeitet ungefähr 93 Stellenprozent.

Wie viel würde sie zahlen, wenn sie Chefin wäre? Sie lacht und sagt, 25 Franken pro Stunde wären gut. Nur schon 400 Franken mehr zu verdienen, mache bei ihr sehr viel aus. «Als ich ins Land kam, waren 19 Franken pro Stunde für Putzen ein guter Lohn.» Heute, zwölf Jahre später, werden die gleichen Stundenansätze bezahlt, aber alles sei viel teurer geworden. Die Wohnung in Zürich-Oerlikon für 1700 Franken monatlich kann sie sich dank ihrer drei berufstätigen Kinder leisten.

Ihre Töchter, 23- und 25-jährig, haben eine Ausbildung, die eine als Köchin, die andere als Krankenschwester. Ihr 20-jähriger Sohn absolviert bei der Post eine Lehre. «Alle drei sind Schweizer», sagt sie stolz. Ob das nicht merkwürdig sei, sie mit F-Ausweis und ihre Kinder Schweizer? Sie lacht und sagt, sie verstehe «auch nicht, warum». Jetzt hilft ihr ein Anwalt dabei, die B-Bewilligung zu erhalten. Ihre Hoffnung ist, dereinst Schweizerin zu werden. Mit ihrem Pass könne sie «nicht einmal nach Frankreich fahren». Französisch kann sie schon, Deutsch will und muss sie noch viel büffeln.

Erstellt: 18.08.2015, 22:04 Uhr

Probleme bei der Abeitsintegration auf allen Seiten

«Ich suche eine Stelle. Habe F-Ausweis.» – «Einen F-Ausweis? Was ist das?» – «Mit einem F-Ausweis darf ich arbeiten.» – «Asylbewerber nehmen wir nicht.» – «Ich bin ein vorläufig Aufgenommener.» – «Leute mit F-Ausweis nehmen wir nicht.»

Dieser Dialog zwischen einem vorläufig aufgenommenen Ausländer und potenziellen Arbeitgebern hat sich in der Schweiz in ähnlicher Art x-fach abgespielt. Dies zeigen Recherchen von Tagesanzeiger.ch/Newsnet bei Ausländern mit F-Ausweis, Vorgesetzten und Arbeitsvermittlern. Von rund 21'000 Personen, die arbeiten könnten, sind nur 6000 beruflich tätig.

Das Fazit der Recherche: Arbeitgeber hegen Vorurteile gegenüber Trägern von F-Ausweisen. Die Bewilligungspraxis der Kantone behindert die Integration. Ausländer mit F-Ausweis arbeiten aber so gut wie solche mit B- oder C-Ausweis. Arbeitsvermittler spielen eine wichtige Rolle. Die Sozialhilfepraxis schafft falsche finanzielle Anreize. Und der Bund pflegt ein fragwürdiges Zweiklassensystem von F-Ausweisen. Das Resultat: 15'000 im arbeitsfähigen Alter haben keine Stelle.

Vorurteile der Arbeitgeber: Viele Arbeitgeber denken, dass «vorläufig Aufgenommene» plötzlich aus der Schweiz verschwinden. Das ist falsch. Dies zeigt die Statistik 2014: Von rund 30'000 F-Ausweis-Haltern haben 2631 einen definitiven Aufenthalt erhalten, 191 einen neuen Asylantrag gestellt, 148 sind selber ausgereist, 55 gestorben und 3 ausgeschafft. Nur 189 sind verschwunden. Auch gibt es Vorbehalte kultureller und religiöser Art. «Wir beobachten keine solchen Probleme», sagt Personalleiterin Karin Aeschbacher von der Migros Aare.

Arbeitsvermittler: Firmen erhalten selten eine Bewerbung direkt von F-Ausweis-Inhabern. «Meist werden die Vorgesetzten von Hilfswerken, die Flüchtlinge im Arbeitsmarkt zu platzieren versuchen, angesprochen», sagt Aeschbacher. Ohne Vermittler geht nichts.

Bewilligungspraxis: Das Bewilligungsverfahren dauert lange. Die Erfahrungen der Migros Aare als Arbeitgeber sind typisch: «Es dauert ungefähr 4 Wochen. Wenn wir eng mit den Ämtern zusammenarbeiten, dauert es im besten Fall 2 bis 3 Wochen.» Die Kantone dementieren: Das Verfahren dauere «durchschnittlich 3 Arbeitstage», heisst es in Bern. Zürich sagt, man erledige die Hälfte aller Gesuche «in 2 Tagen».

Sozialhilfe: Flüchtlinge mit F-Ausweis erhalten in vielen Kantonen mehr Sozialhilfe als «normale» Ausländer mit F-Ausweis. «Letztere haben eine stärkere Motivation zur Jobsuche», sagen übereinstimmend Arbeitsvermittler. Dies legt auch die Statistik nahe. 2014 waren 30 Prozent der F-Ausländer, aber nur 24 Prozent der F-Flüchtlinge beschäftigt.

Verfolgt oder nicht verfolgt

Was ist ein Ausländer-F-Ausweis?

Den Ausländerausweis B als «anerkannte Flüchtlinge» erhalten in der Schweiz nur wenige. Der Beweis, persönlich politisch verfolgt zu sein, ist im Asylverfahren schwierig zu erbringen. Die meisten in der Schweiz geflüchteten Menschen gehören zu den «vorläufig Aufgenommenen». Sie dürfen theoretisch nur bleiben, bis man sie zurückschicken könnte. In Realität bleiben 90?Prozent in der Schweiz, weil Kriege und Krisen lange dauern. Sie tragen den F-Ausweis, der jährlich erneuert wird.

Der Bund betreibt eine Zweiklassengesellschaft: Es gibt F-Flüchtlinge und F-Ausländer. Erstere sind anerkannt als «verfolgte Gruppe» nach Asylgesetz. Sie erhalten mehr Sozialhilfe und haben Anspruch auf eine Arbeitsbewilligung. Hingegen gelten F-Ausländer nicht als verfolgt. Ihnen kann bloss die Rückkehr nicht zugemutet werden. Sie erhalten weniger Sozialhilfe und sind in gewissen Kantonen, so etwa in Zürich, auf dem Arbeitsmarkt diskriminiert. (val)

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