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«Früher war definitiv nicht alles besser»

Chef, Brückenbauer, Vordenker: Schulleiter Roy Schmid sagt, was seinen Job ausmacht – und räumt mit Klischees über Lehrer auf.

Der Schulleiter muss die zahlreichen Reformen umsetzen: Blick in ein Schweizer Schulzimmer.
Der Schulleiter muss die zahlreichen Reformen umsetzen: Blick in ein Schweizer Schulzimmer.
Keystone

Wandel in den Schweizer Schulen: Mit dem Schulleiter hat sich ein Berufsstand mit umfassenden Kompetenzen herausgebildet. Wegen seiner Schlüsselrolle muss er heute eine breite Palette unterschiedlichster Aufgaben erfüllen und ist mit einer Vielzahl divergierender Erwartungen konfrontiert. Das ist keine einfache Ausgangslage, wie unser Bericht aufgezeigt hat: Der Konflikt zwischen Lehrern und Schulleitern schwelt nach wie vor – in jedem vierten Schulhaus herrscht deutliche Unzufriedenheit. Roy Schmid, Schulleiter an der Berufswahlschule Effretikon, beschreibt, wie er diese Herausforderung wahrnimmt:

Wenn ich meinen Schulleiterjob mit einer Metapher beschreiben müsste, wäre Brückenbau der richtige Ausdruck: Meine Arbeit besteht vor allem darin, Verbindungen zwischen verschiedenen Anspruchsgruppen herzustellen. In anderen Betrieben und Institutionen war es schon immer üblich, direkte Vorgesetzte zu haben – für die Schweizer Schulen ist das ein neueres Thema. Erst seit gut 20 Jahren gibt es die Position des Schulleiters.

Die Personalführung beinhaltet für mich als Schulleiter, eine Brücke zu den einzelnen Lehrpersonen aufzubauen und den Kolleginnen und Kollegen in schwierigen Situationen beizustehen und sie zu coachen. Personalführung bedeutet aber auch, Gefässe für Teamarbeit zu schaffen, so dass sich die Lehrpersonen auch untereinander vernetzen. Die Annahme, dass Lehrpersonen lieber ein eigenständiges Inseldasein führen, als im Kollegium Synergien zu nutzen, ist ein Mythos: Teamarbeit ist an unserer Schule sehr populär – auch wenn diese Arbeitsweise mit einem Mehraufwand verbunden ist. Diese Form der Zusammenarbeit trägt zur Unterrichtsqualität und damit zur gesamten Schulentwicklung bei, da critical friends Dinge hinterfragen und neue Inputs geben.

Das Sandwich kann auch gewinnbringend sein

Oftmals wird der Beruf des Schulleiters mit einer Sandwichposition gleichgesetzt. Diese Position ist bildlich gesehen vielleicht etwas unangenehm, aber ich finde sie bereichernd: Brücken zu allen Beteiligten zu schlagen und sich im Spannungsfeld zwischen den Eltern, Schülern und kantonalen Vorgaben zu bewegen, ist zwar nicht immer einfach, aber sehr gewinnbringend.

Reformen im Schulbetrieb, wie zum Beispiel der Berufsauftrag für Lehrpersonen und Schulleitungen, die sonderpädagogischen Massnahmen in der Volksschule oder die mittlerweile abgeschlossene Optimierung der Berufsvorbereitungsjahre, folgen oft dem gleichen Muster: Zu Beginn werden Umstrukturierungen von den Lehrpersonen, Eltern und manchmal auch von der ganzen Bevölkerung mit grosser Skepsis betrachtet. Alles wird immer komplexer und mühsamer! Das Kind steht nicht mehr im Mittelpunkt! Besser würde alles beim Alten bleiben! So und ähnlich klingt es bei jedem Reformvorhaben. Nach einer ersten Empörung ebbt die Entrüstungswelle aber jeweils wieder ab.

Unsinnig, älteren Unterrichtsschemen nachzutrauen

Genau bei solchen Prozessen ist meine Rolle als Schulleiter zentral, denn einerseits geht es darum, zu relativieren und in gewissen Fällen der Beschleunigung entgegenzusteuern. Andererseits muss ich aber auch aufzeigen, dass Veränderungen notwendig sind, da Stillstand auch Rückschritt bedeutet. Ich bin sehr stark der Meinung, dass die Schule ein Abbild der Aussenwelt darstellen muss, um Kinder und Jugendliche optimal für das Berufsleben vorzubereiten. Deshalb ist es essentiell, den Wandel der Zeit auch im schulischen Bereich zu berücksichtigen. Es ist also völlig unsinnig, älteren Unterrichtsschemen nachzutrauern, denn früher war definitiv nicht alles besser.

Besonders an der Berufswahlschule kommt hinzu, dass sich das Schulprogramm nicht nur nach den Schülern und den Anforderungen der Berufswelt richtet, sondern auch die Vernetzung mit den potentiellen Lehrfirmen beziehungsweise mit dem lokalen Gewerbe vorangetrieben wird. Auch hier gehört es zu meinen Aufgaben, zu vermitteln und ausserschulische Brücken zu bauen.

Wo Brücken stehen, müssen – zugunsten einer Weiterentwicklung – einige andere abgebaut werden. Auch das gehört zu meinem Job.

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