«Wenn jemand 100'000 Franken verdient...»

Tiefst-Umwandlungssätze von unter 5 Prozent in der PK: Was tun? Warum jetzt plötzlich dieser Rentenabsturz? Der Experte erklärt.

Über die Senkungen des Umwandlungssatzes in der zweiten Säule wird in der Schweiz seit Jahren gestritten: Protestaktion gegen den sogenannten Rentenklau. (10. September 2003)

Über die Senkungen des Umwandlungssatzes in der zweiten Säule wird in der Schweiz seit Jahren gestritten: Protestaktion gegen den sogenannten Rentenklau. (10. September 2003) Bild: Keystone

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Herr Hug, viele Schweizer Pensionskassen senken den Umwandlungssatz unter fünf Prozent. Was hat das konkret für Folgen für die Versicherten? Von welchen Einbussen sprechen wir da?
Nehmen wir einen Angestellten, der über 100'000 Franken im Jahr verdient. Seine Einbusse kann bis zu ein Viertel betragen. So kann zum Beispiel die monatliche Rente von 4000 auf 3000 Franken sinken.

Im Parlament wird momentan die Senkung des Umwandlungssatzes von 6,8 auf 6 Prozent diskutiert. Jetzt ist plötzlich die Rede davon, dass die Pensionskassen mit 4,8 oder gar nur 4,5 Prozent rechnen. Wie passt das zusammen?
Wir unterscheiden in der zweiten Säule zwischen einem obligatorischen und einem überobligatorischen Bereich. Das Obligatorium geht bis rund 85'000 Franken Einkommen pro Jahr. Bis zu diesem Betrag gilt der von der Politik festgelegte Umwandlungssatz. Das Überobligatorium sind jene Teile des Lohns, die über diesen 85'000 Franken liegen. Hier können die Pensionskassen selber einen Umwandlungssatz festlegen.

Das wären dann die 4,8 oder 4,5 Prozent?
Nein. Die Pensionskassen führen eine sogenannte Schattenrechnung. Die 4,8 oder 4,5 Prozent sind ein Mischwert. Die Kassen müssen dafür sorgen, dass die Vorgaben im obligatorischen Bereich eingehalten werden. Wenn jemand also 100'000 Franken im Jahr verdient, dann muss die Kasse garantieren, dass auch mit einem Mischwert von 4,8 oder 4,5 Prozent für die ersten 85'000 Franken die heute gesetzlich vorgeschriebenen 6,8 Prozent eingehalten werden. Im reinen überobligatorischen Bereich rechnen die Kassen deshalb mit Sätzen, die deutlich unter 4,8 oder 4,5 Prozent liegen. Wer nur knapp mehr als das Obligatorium verdient, leidet am meisten unter den angekündigten Senkungen.

Umfrage

Umwandlungssätze unter 5 Prozent: Können Sie das verstehen?

Ja, das liegt an der gestiegenen Lebenserwartung.

 
23.1%

Nein, das ist Rentenklau.

 
55.6%

Dass Senkungen nötig sind, ist klar, aber nicht so drastisch.

 
21.4%

6201 Stimmen


Sie üben scharfe Kritik an den Pensionskassen. Sie werfen ihnen vor, kurzsichtig zu handeln und es mit den Senkungen unter 5 Prozent zu übertreiben. Weshalb?
Nochmals ein einfaches Beispiel zum besseren Verständnis. Eine realistische Annahme ist, dass jemand nach der Pensionierung noch 20 Jahre lebt. Wenn er 100'000 Franken in die Pensionskasse eingezahlt hat, erhält er bei einem Umwandlungssatz von 5 Prozent 5000 Franken Rente im Jahr. In 20 Jahren also genau, was er eingezahlt hat – allerdings ohne Zins und Zinseszins. Fällt der Umwandlungssatz unter 5 Prozent, erhält er nicht einmal das. Deshalb sind die 5 Prozent als symbolische Grenze so wichtig. Unterschreitet eine Kasse diese Grenze, untergräbt sie das Vertrauen in die zweite Säule.

Aber wenn eine Kasse wegen der tiefen Zinsen auf dem Kapitalmarkt und der steigenden Lebenserwartung die ursprünglich festgelegten Umwandlungssätze nicht mehr finanzieren kann, muss sie doch reagieren.
Eine Pensionskasse ist keine Versicherung. Eine Gesellschaft, die Lebensversicherungen verkauft, muss zu jeder Zeit genug Kapital haben, um die vereinbarten Leistungen zu bezahlen. Bei einer Pensionskasse ist das anders. Sie gehört in der Regel zu einem Unternehmen, in dem zwar laufend ältere Arbeitnehmer pensioniert werden, aber auch ständig Junge neu einsteigen. Sie ist deshalb in der Lage, schlechte Phasen mit sehr tiefen Zinsen wie heute durchzustehen. Es ist zumutbar, dass für eine begrenzte Zeit die aktiven Mitglieder einer Kasse die Pensionierten teilweise mitfinanzieren. Es kommen ja irgendwann wieder besser Zeiten. Jeder erlebt in seinem Arbeitsleben, das über vier Jahrzehnte dauert, mehrere gute und schlechte Phasen. Zudem haben die Pensionskassen in guten Phasen sogenannte technische Rückstellungen und Wertschwankungsreserven getätigt. Sie dienen dem Ausgleich von Schwankungen an den Börsen. Vielfach sind deshalb die Renten momentan nicht nur zu 100 Prozent, sondern vielleicht zu 120 Prozent gedeckt. Die meisten Kassen haben Spielraum.

Viel arbeiten, einigermassen guter Lohn und dann doch knapp in der Rente? Büros im Zürcher Prime-Tower. (Keystone/Ennio Leanza)

Dann rechnen die Pensionskassen heute einfach zu vorsichtig?
Ja. In den Kassen entscheiden die Stiftungsräte, in denen Arbeitnehmer und Arbeitgeber vertreten sind, über die Senkung des Umwandlungssatzes. Vorgeschlagen werden die Senkungen aber von den technischen Experten der Kassen. Diese denken oft zu stark wie Versicherungsmanager. Sie sehen die heute extrem tiefen Zinsen und rechnen deshalb viel zu vorsichtig.

Die Unternehmen könnten aber eingreifen und sich für höhere Umwandlungssätze aussprechen oder Ausfälle durch höhere Arbeitgeberbeiträge kompensieren?
Da hat leider ein Kulturwandel stattgefunden. Früher waren die Unternehmer Patrons, die stolz auf ihre grosszügigen Pensionskassen waren. Sie haben die Kassen auch als Instrument gesehen, um gute Mitarbeiter längerfristig an sich zu binden. Heute sehen vor allem Konzerne nur noch die kurzfristigen Gewinne. Deshalb kommt für sie beispielsweise eine Erhöhung der Arbeitgeberbeiträge nicht infrage. Obwohl so ein Schritt für sie sogar steuerliche Vorteile hätte.

Der Medienkonzern Tamedia, der auch den «Tages-Anzeiger» herausgibt, rechnet in Zukunft mit 4,6 Prozent, der Industriekonzern Sulzer mit 4,8 Prozent und die Zürcher Kantonalbank mit 4,5 Prozent. Andere Konzerne tun nichts und lassen die Umwandlungssätze in ihren Pensionskassen bei über 5 Prozent. Woher kommen die Unterschiede?
Verkürzt gesagt, hängen die unterschiedlichen Sätze von den Einschätzungen der jeweiligen technischen Experten ab. Der eine rechnet unter Druck der Geschäftsleitung nur mit Schlimmstszenarien, der andere ist optimistischer.

Dann hat man als Arbeitnehmer also einfach Glück oder Pech?
Ja. Wie die Umwandlungssätze festgelegt werden, ist eine sehr individuelle Sache. Hinzu kommen Entscheide der Unternehmen, die den ursprünglichen patronalen Gedanken der zweiten Säule untergraben. Das System funktioniert nur, wenn genügend Junge nachrücken. Inzwischen werden die Jungen in neuen Firmen oftmals in Sammelstiftungen ausgelagert und nicht mehr in die eigene Pensionskasse aufgenommen. Einfach weil das billiger ist.

Video – wieviel Geld braucht es im Alter?

«Mit 4000 Franken Rente kommt man durch»: Umfrage auf der Strasse. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.03.2017, 12:40 Uhr

Pensionskassenexperte Werner C. Hug kennt das System der zweiten Säule wie kaum jemand anders in der Schweiz. Er ist seit Jahrzehnten als Berater und Publizist tätig. Politisch ist er in der FDP beheimatet, für die er in den 80er und 90er Jahren im Berner Parlament sass.

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