Hat die SRG in den letzten Jahren Fehler gemacht? «Ja, ganz klar»

Gilles Marchand hat als Generaldirektor der SRG eine der aktuell schwierigsten Aufgaben im Land. Er will es besser machen als sein Vorgänger, der manchen zu abgehoben war.

Die SRG habe es in den vergangenen Jahren verpasst, ihren Wert zu vermitteln, sagt Gilles Marchand. Foto: Urs Jaudas

Die SRG habe es in den vergangenen Jahren verpasst, ihren Wert zu vermitteln, sagt Gilles Marchand. Foto: Urs Jaudas

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Er sagt «Bonjour» und lächelt nicht dabei. Man könnte es negativ interpretieren: hochmütig, abweisend, desinteressiert. Allerdings könnte man auch ein Lächeln negativ interpretieren: selbstsicher, vielleicht zu sehr, gönnerhaft, anbiedernd. Aber eben, Gilles Marchand lächelt nicht. Höchstens ganz wenig mit den Mundwinkeln, aber nicht mit den Augen. Das passt zur Situation, denn jetzt gilt es ernst. In vier Monaten entscheiden die Stimmberechtigten, ob sie weiterhin eine SRG haben wollen oder nicht. Ob der vor fast 100 Jahren gegründete Medienbetrieb mit seinen heute rund 6000 Angestellten weiterhin existieren soll. Ob wir auch nach 2020 noch ein öffentlich finanziertes Radio und Fernsehen haben werden, eine «Tagesschau» in jeder Landessprache.

Marchand wird entweder zum Retter des öffentlichen Rundfunks – oder zu dessen Totengräber.

Wie konnte er diese Aufgabe nur annehmen? Der 55-jährige Soziologe, der einst über die Lesermarktforschung zu den Medien kam, bekommt entweder alles oder nichts. Er geht als Retter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in die Geschichte ein, oder als dessen Totengräber. Bis Ende September war Marchand Direktor des Westschweizer Radios und Fernsehens – eine Oase des Friedens und der Beschaulichkeit, wenn man es mit dem Deutschschweizer Haifischbecken vergleicht. In der Romandie ist die SRG beliebt bis in die politische Rechte hinein, versteht sich mit Verlegern und Journalisten gut. Er arbeite seit 16 Jahren bei diesem Unternehmen, sagt Marchand, und er könne nicht anders, als sich mit aller Kraft für dessen Erhalt einzusetzen. Geht die SRG unter, geht er mit ihr unter. Statt in der Komfortzone Romandie zu bleiben, konnte er genauso gut als Kapitän auf die Brücke steigen. Zudem ist er überzeugt: «Wir werden gewinnen, wir müssen gewinnen.»

Marchand sagt es, strahlt es aber nicht aus. Da ist kein Siegernimbus, keine Lässigkeit, kein forcierter Optimismus. Was er ausstrahlt, ist der nüchterne Charme eines Buchhalters, der sich nach wenigen Sätzen als überaus belesen und geistreich entpuppt.

Einer, der nicht polarisiert

Publizist Peter Rothenbühler, früher Chefredaktor der «Schweizer Illustrierten» und von «Le Matin», sagt: «Mein erster Gedanke nach der Ernennung von Gilles Marchand war: ein extrem kluger Schachzug.» Rothenbühler und Marchand hatten Ende der Neunzigerjahre bei Ringier zusammengearbeitet. Marchand sei viel besser als sein Vorgänger Roger de Weck geeignet, die No-Billag-Initiative zu bekämpfen, sagt Peter Ro­thenbühler. «De Weck fliegt zu hoch. Er ist ein raffinierter Lobbyist, man konnte ihn gut angreifen. Marchand hingegen polarisiert nicht.»

Roger de Weck hatte den Habitus eines grossen Rhetorikers und Philosophen, dem politische Gegner selten das Wasser reichen konnten. Er wurde aber auch als abgehobener Schöngeist wahrgenommen.

Inhaltlich dürften sich Marchand und de Weck ziemlich nahe sein. Marchand sagt auf die Frage, ob die SRG nicht deutlich abbauen müsste, um gegenüber der Bevölkerung ein Zeichen zu setzen, dass die Schliessung von Sendern, auch wenn sie als überflüssig erachtet würden, finanziell nicht ins Gewicht fallen würde. Es wäre Symbolpolitik, und er halte es für gefährlich, ein Unternehmen anhand symbolischer Entscheide zu führen.

«Kein Schlachtplan?»

Manche sagen, es sei Marchands grosser Vorteil, nie Journalist gewesen zu sein, denn so müsse er kein übergrosses Ego mit sich herumtragen. Wie seine Vorgänger kennt er die Medienbranche bis ins Detail, aber anders als sie hat er nicht den Drang, das Überbringen von Informationen mit politischen Botschaften zu verknüpfen. Er hält keine Plädoyers, missioniert nicht. Die SRG verteidigt er auf Anfrage.

Das veranschaulicht ein Interview, das Marchand kürzlich dem «Sonntags-Blick» gab. Wie er die No-Billag-Initiative zu bekämpfen gedenke, wurde er gefragt, und der Journalist insistierte: Es müsse doch einen Schlachtplan geben, er müsse doch einen Abstimmungskampf führen, «es geht doch um Ihre Existenz!» Marchands Antwort: «Das mache ich ja. Ich sitze hier und warne vor den Konsequenzen der Initiative.»

Marchand habe wohl keine Feinde, sagt Ingrid Deltenre, frühere SRF-Direk­torin, die ihn gut kennt. Er sei «einfach ein guter Typ», positiv und konstruktiv. Könne die Interessen seines Gegenübers würdigen, ohne seine eigenen zu vernachlässigen. Er sei ein guter Denker, sehr besonnen. Ausser beim Skifahren, seinem zweiten Hobby neben dem Reiten. Da lege er jede Besonnenheit ab und «flitzt schnurgerade den Hang hinunter».

Rothenbühler bezeichnet Marchand als gewieften Strategen, der auf britische Art tiefstaple und damit seinem Gegenüber stets ein gutes Gefühl gebe, was ihm selber einen doppelten Vorsprung verleihe. Die Nüchternheit, Sachlichkeit, das Bodenständige – alles eine Masche? Wen immer man fragt, Leute, die Marchand aus langjähriger Zusammenarbeit kennen, alle geraten ins Schwärmen. Nach endlosen Sitzungen, wenn allen der Kopf rauche, könne er das Wichtigste kurz und prägnant zusammenfassen. Er könne vereinfachen und auf den Punkt bringen. Er sei ein toller Medienmanager, der grossen Respekt zeige vor der journalistischen Arbeit seiner Kollegen.

Der Ort spielt keine Rolle

Zum kreativen Schaffen hat Marchand von Haus aus eine Affinität. Die Eltern waren Fotografen, hatten sich während der Ausbildung kennen gelernt. Die Mutter stammt aus der Waadt, der Vater aus Lyon und Paris. Die ersten Lebensjahre verbringt Marchand in Frankreich, das Baccalauréat macht er im internationalen Gymnasium im französischen Ferney-Voltaire, nahe der Schweizer Grenze. Da wohnte er bereits in der Nähe von Nyon und pendelte für den Schulabschluss nach Frankreich. Nach dem Soziologiestudium in Genf wurde Marchand zuerst Buchverleger, bevor er zur «Tribune de Genève» ging.

Manche finden, Marchand habe einen Pariser Akzent. Er selber sagt: «Habe ich nicht.» Manche sagen, seine französisch-schweizerische Herkunft sei für ihn nicht immer einfach, er wäre manchmal gern ein richtiger Schweizer. Marchand sagt: «Ich bin frankofon und Kosmopolit.» Er fühle sich in Kanada, wo sein Sohn Politologie studiert, ebenso wohl wie in der Schweiz oder in Frankreich.

Kritik an den Vorgängern

Zusammen mit seiner Frau Victoria, die das Westschweizer Branchenportal Cominmag betreibt, ist Marchand wegen seiner neuen Aufgabe nach Bern gezogen, wohnt dort am Hirschengraben. Etwas, das sich die wenigsten Westschweizer vorstellen könnten: in die Deutschschweiz ziehen. Die Marchands hätten sich ehrlich darauf gefreut, erzählen Bekannte. Marchand sagt, seine Frau sei mobil, der Arbeitsort spiele ihr keine Rolle. Ihm gehe es ähnlich, zumal er ohnehin pausenlos unterwegs sei. Da ist sie wieder, diese Nüchternheit. Kein Heimweh? Nein, sagt Marchand. Er könne überall leben. Und gerade er ist berufen, etwas so Schweizerisches wie die SRG zu retten, Symbol auch für verschlafene Durchschnittlichkeit und Ländlichkeit.

Für das Treffen mit dem TA schlägt Marchand das Restaurant Lorenzini in Bern vor. Er möge die Pasta hier, aber auch die Geschichte, die das Haus verströme. Die knarrenden Dielen, die alten Schwarzweissfotografien.

Politisch will sich Marchand nicht positionieren. Was er wählt, was er zu konkreten Vorlagen meint, da sagt er nichts, das habe er schon immer so gehalten. Das grossmehrheitliche Ja der SVP Zürich zur No-Billag-Initiative kommentiert er kurz und trocken. Er nehme es zur Kenntnis, das sei ihr gutes Recht, man wisse es ja. Dann fügt er hinzu, dass die SVP Zürich nicht unbedingt für die gesamtschweizerische SVP repräsentativ sei. Die Westschweizer und die Vertreter der Randregionen seien SRG-freundlicher.

Deutlich reagiert er auf die Frage, ob die SRG in den letzten Jahren Fehler gemacht habe. «Ja, ganz klar», sagt er. Man habe es verpasst, richtig zu kommunizieren, den Wert der SRG zu vermitteln. Das will Marchand jetzt nachholen.

Er hat Deutsch gelernt, um nicht nur zu verstehen (er versteht sogar Schweizerdeutsch), sondern um allenfalls auch einmal in einer «Arena»-Sendung bestehen zu können. Die politischen Gegner werden dann versuchen, ihn rhetorisch in die Ecke zu drängen. Es ist gut möglich, dass Marchand nicht als Sieger aus der Diskussion geht. Weil sein Deutsch holprig ist und seine medienpolitischen Positionen derzeit nicht sehr populär sind. Und weil ihm jede rhetorische Verführungskunst abgeht. Doch vielleicht bringt Marchand genau dies Sympathien beim Publikum. Dass er nicht zu blenden versucht, sondern um Antworten ringt. Vielleicht kann er die SRG retten.

Analyse Seite 15

Erstellt: 28.10.2017, 09:06 Uhr

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