Garstige Bedingungen

Die Waadtländer Nationalrätin Isabelle Moret ist nun offiziell die Hauptkonkurrentin von Ignazio Cassis. Anders als beim Tessiner war ihr Start in den Bundesratswahlkampf unterkühlt.

Gewitterwolken ziehen über das Bundeshaus in Bern. Bild: Keystone/Peter Klaunzer

Gewitterwolken ziehen über das Bundeshaus in Bern. Bild: Keystone/Peter Klaunzer

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Würde der Start von Bundesratskandidaturen etwas über spätere Wahlchancen aussagen, müsste sich Isabelle Moret grosse Sorgen machen. Die FDP Tessin schickte ihren Hoffnungsträger Ignazio Cassis an einem 1.-August-Fest mit patriotischem Getrommel nach Bern. Die FDP Genf füllte am Dienstag immerhin einen Saal mit 200 Leuten, die Pierre Maudet zujubelten. Ganz anders die FDP Waadt. Sie lancierte Morets Bundesratskandidatur gestern am Ende eines Morgens mit Dauerregen in einem Open-Air-Café unter der Lausanner Brücke Pont Bessières. An diesem Ort tummeln sich normalerweise Lausannes Linke, aber kaum Freisinnige in feinem Tuch. Gestern war es derart garstig, dass es sogar Isabelle Moret fröstelte.

Festlichkeit fühlt sich anders an. Von den Parteigrössen der FDP Waadt liess sich kaum jemand blicken. Auch nicht Staatsrätin Jacqueline de Quattro und Ständerat Olivier Français. Sie hatten sich in den letzten Tagen zu Bundesratskandidaten ausgerufen, nahmen sich an der gestrigen FDP-Parteileitungssitzung dann aber freiwillig aus dem Rennen.

Isabelle Moret liess sich darob nichts anmerken. Für sie hat der Pont Bessières Symbolkraft. Im neben der Brücke liegenden Gymnasium La Cité legte sie einst ihre Maturitätsprüfungen ab und schaffte es als erstes Mitglied ihrer Familie an eine Universität. Den Bau der Metrolinie M2, die in die Brücke integriert ist, hat sie in den 90er-Jahren mitunterstützt. Obwohl der Kanton wirtschaftlich darbte, habe man die Investition gewagt und an seine wirtschaftliche Prosperität geglaubt, so Moret. Damit machte sie klar, dass Risiken einzugehen in ihrer politischen Haltung durchaus seinen Platz hat.

Keine Angst vor Brüssel

Moret sprach kurz. In einer oberflächlichen Rede skizzierte sie ihr politisches Selbstbild. Vom Metrobau kam sie auf die Digitalisierung der Arbeitswelt. Die Digitalisierung betreffe alle Berufsgruppen, selbst die Bauern, so Moret. Man müsse sich auf die Zeiten einer elektronischen Demokratie vorbereiten, den digitalen Wandel vorantreiben und Arbeitsstellen schaffen. Die 46-Jährige sprach auch über ihre avisierte Rolle als zukünftige Aussenministerin. Europa sei die «primäre Herausforderung des Aussendepartements», so Moret. Es sei nicht die Frage, ob die Schweiz ihre Zukunft mit oder ohne die EU sehe, sondern wie die zukünftigen Beziehungen mit der EU sein sollen.

Moret betonte: Wie schwierig Verhandlungen mit Brüssel seien, habe sie erlebt, als sie die EU-Zentrale wegen der Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative besuchte. Moret traut sich die Aufgabe zu und geht generell davon aus, die Kompetenzen mitzubringen, die es ihrerseits für die Erfüllungen von Bundesratsaufgaben braucht: «Qualität, Kompetenz und Dialogfähigkeit».

Chaotische Wochen

Den Eindruck, dass sich Isabelle Moret mit dem Entscheid zu kandidieren schwertat und auch aus diesem Grund in den letzten Wochen abtauchte, versucht Frédéric Borloz, Nationalrat und Präsident der FDP Waadt, zu zerstreuen. Man sei in ständigem Kontakt gestanden. Mitglieder der FDP-Parteileitung hätten sie während der Sommerferien mehrfach getroffen und anhand eingeholter Informationen über weitere Kandidaturen in anderen Kantonen die Lage analysiert, so Borloz. Als sich die FDP Tessin mit ­Ignazio Cassis für eine Einerkandidatur entschied, wertete die Parteileitung der FDP Waadt dies als Einladung für eine eigene Kandidatur.

Nicht gestört hat Borloz, dass sich Staatsrätin Jacqueline de Quattro Mitte Juli zur Kandidatin ausrief und seither aktiv Wahlkampf betrieb; ebenso wenig, dass sich Ständerat Olivier Français in einem «Tagesschau»-Interview als Bundesratskandidat ins Spiel brachte und versuchte, seine Partei unter Druck zu setzen. Man habe mit den Interessenten vereinbart, dass sie ihre Ambitionen im für sie richtigen Zeitpunkt offenlegten, so der FDP-Präsident. Dass dabei der Eindruck entstand, in der FDP Waadt herrsche Chaos, habe er in Kauf genommen.

In der Tatsache, dass mit SVP-Bundesrat Guy Parmelin bereits ein Waadtländer in der Landesregierung vertreten ist, sieht Frédéric Borloz keinen Nachteil für Moret. Er sagt: Die Waadt sei der drittgrösste Kanton der Schweiz, auch Zürich hatte zeitgleich zwei Vertreter und Bern noch immer. Über Doppelvertretungen werde stets intensiv diskutiert, aber das Interesse am Thema nehme jeweils rasch ab, so Borloz.

So trist der gestrige Kampagnenstart von Isabelle Moret auch in Erinnerung bleibt, im Fall von Guy Parmelin war dies nicht viel anders. Parmelin lud zu einer Medienkonferenz in ein Hotel in Montreux. Eine Handvoll Journalisten erschien. Die Diskussionen erschöpften sich rasch. Wenige Tage später war Guy Parmelin gewählter Bundesrat.

Erstellt: 10.08.2017, 20:53 Uhr

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