Gebildet, fleissig, unauffällig

Die afghanische Diaspora in der Schweiz ist bunt: Jeder Umsturz brachte Angehörige der Oberschicht zum Auswandern – auch Angehörige der Königsfamilie. Die Migration wandelt sich aber.

Eine von vielen afghanischen Familien, die im Laufe der Jahre in die Schweiz flüchteten: Im Asylbewerber-Durchgangsheim Eymatt bei Bern. (8. Oktober 1998)

Eine von vielen afghanischen Familien, die im Laufe der Jahre in die Schweiz flüchteten: Im Asylbewerber-Durchgangsheim Eymatt bei Bern. (8. Oktober 1998) Bild: Alessandro Della Valle/Keystone

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Statt Deutschland ist neu die Schweiz das Zielland Tausender Flüchtlinge aus Afghanistan. In den letzten Tagen seien sehr viele Asylsuchende aus Afghanistan in Schaffhausen eingetroffen und in einer Zivilschutzanlage untergebracht worden, sagt Vreni Frauenfelder, Gründerin der Afghanistanhilfe Schaffhausen und langjährige Kennerin des Landes. Angehörige der Hilfsorganisation haben das Gespräch mit den Asylsuchenden gesucht, um ihre Bedürfnisse abzuklären und zwischen ihnen und den Behörden zu vermitteln. Michael Kunz, Präsident der Afghanistanhilfe, bestätigt, was die Behörden als Grund für die stark gestiegene Zahl der Asylsuchenden aus Afghanistan angeben: die Ankündigung der deutschen Regierung, Afghanen nur noch sehr zurückhaltend Asyl oder zumindest eine vorläufige Aufnahme zu gewähren. «Es hat sich herumgesprochen, dass die Schweiz die Gesuche weniger restriktiv behandelt», sagt Kunz.

3462 Asylgesuche von Afghanen gingen bis Ende Oktober ein – letztes Jahr waren es 747. Bisher erhielten dieses Jahr gut 10 Prozent der Flüchtlinge aus Afghanistan Asyl, weitere 45 Prozent wurden vorläufig aufgenommen. In der Schweiz treffen die Flüchtlinge auf eine kleine afghanische Gemeinschaft von rund 7000 Personen afghanischer Nationalität sowie eine nicht genau eruierbare Zahl von Eingebürgerten. Diese befinden sich teilweise schon seit 40 Jahren in der Schweiz; die Einwanderung aus Afghanistan in die Schweiz hat eine lange Tradition.

Jeder Regimewechsel bringt Flüchtlinge

Zu den ersten Flüchtlingswellen kam es nach Regimewechseln. Angehörige der herrschenden, städtischen und gut gebildeten Schichten suchten Zuflucht in Europa, während weniger gut Gebildete und Leute vom Land in Nachbarländer Afghanistans flüchteten. Die Emigration der letzten Jahre ist laut Kennern der Situation in Afghanistan hingegen stärker von der schlechten Wirtschaftslage getrieben – und umfasst zwar nicht die untersten, aber doch weniger gut gebildete Bevölkerungsschichten.

Fünf grössere Migrationswellen lassen sich unterscheiden:

  • 1973 wurde der afghanische König Sahir Shah gestürzt. Nach dem Sturz von Mohammed Sahir Shah kamen Angehörige der Königsfamilie nach Europa. Die Gruppe war klein, wohlhabend und fiel wenig auf. Noch heute leben Angehörige der Familie in der Schweiz.

  • 1978 folgte der kommunistische Umsturz. An Weihnachten 1979 marschierte die Sowjetunion in Afghanistan ein. Vor allem Studenten und Akademiker beantragten damals Asyl in der Schweiz. Die Kabuler Gymnasien und die afghanischen Universitäten unterhielten seit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts enge Partnerschaften mit europäischen Instituten. Dank diesen konnten die Kinder der oberen Schichten bereits früh Fremdsprachen lernen – Französisch im Lycée Istiqlal, Deutsch in der Amani-Oberrealschule. Später konnten viele an Partneruniversitäten in Europa studieren oder doktorieren. Entsprechend leicht fiel den Flüchtlingen dieser Generation die Integration in ihrer neuen Heimat, die sie bereits kannten. In der Schweiz liessen sich viele von ihnen einbürgern und blieben im Land.

  • 1992 stürzte das kommunistische Regime. In der Folge wanderten wieder viele Akademiker aus – diesmal aber vor allem solche, die Beziehungen zu Osteuropa hatten und meist diese Staaten wählten, während nur wenige den Weg nach Westeuropa und in die Schweiz fanden. In die Schweiz sollen aber unter anderem auch einige Angehörige des afghanischen Geheimdiensts gekommen sein, was aber stets diskret behandelt worden sei.

  • 1996 übernahmen die Taliban die Kontrolle über Afghanistan. Nun kam erstmals eine grössere Zahl von Flüchtlingen in die Schweiz – und erstmals eine grössere Zahl von Angehörigen der unteren Mittelschicht, die nicht studiert hatten und kein Deutsch sprachen. Anders als frühere Emigranten brachten sie zudem kein Vermögen mit in die Schweiz. Einige Hundert Afghanen stellten in den nächsten Jahren jeweils Asylgesuche in der Schweiz, rund 60 Prozent davon wurden gutgeheissen.

  • Die nächste Emigrationswelle setzte in der zweiten Hälfte der Nullerjahre ein. Ein erster Höhepunkt war 2012 mit 1386 Asylgesuchen in der Schweiz, der zweite folgt zurzeit. Es handle sich mehrheitlich um junge Männer aus städtischen Gebieten, die nun in die Schweiz kämen, sagt die Neuenburger Ethnologin Micheline Centlivres, die seit Jahren auch die Emigration aus Afghanistan beobachtet. Diese verfügten über eine Schulbildung und sprächen oft ein wenig Englisch, sagt sie. «Anders als früher sind es aber keine Akademiker aus regimenahen Familien.»

Die Gründe für die Flucht aus Afghanistan sind derzeit komplex. Die hohe Arbeitslosigkeit spielt eine Rolle. Mit dem Abzug der westlichen Isaf-Truppen verschwanden viele Arbeitsplätze. Auch Hilfsorganisationen reduzierten ihr Engagement; angesichts des Syrienkriegs und vieler weiterer Krisen fliessen die Gelder spärlicher nach Afghanistan. Gleichzeitig sind die Taliban wieder auf dem Vormarsch. Viele, die für die Isaf oder für NGOs arbeiteten, geben an, bedroht zu sein. In wie vielen Fällen dies stimmt, ist umstritten. Sicher ist aber, dass der Aufbau eines demokratischen, prosperierenden Afghanistans auf keinem guten Weg ist. An die Stelle einer Aufbruchsstimmung seien ernste Sorgen getreten, sagt die Afghanistan-Spezialistin Centlivres: «Viele haben die Hoffnung verloren.»

«Afghanische Familien machen kein Theater»

Zu einer der älteren Generationen von Einwanderern aus Afghanistan gehört Nadjib Hamid, der in Sissach BL ein Tenniscenter betreibt. Er desertierte 1979; seine Flucht in die Schweiz erzählt das Buch «Der Name der Nacht». Er habe vorwiegend zu Afghanen seiner Generation Kontakt, sagt Hamid. Diese beschreibt er als gebildet, sehr gut integriert und wenig auffallend. Viele seiner Bekannten hätten in der Chemie und in anderen technischen Berufen Arbeit gefunden, aber auch Ärzte kenne er.

Die Afghanistan-Spezialistin Centlivres attestiert den Afghanen, sich sehr gut in die Schweizer Gesellschaft einzufügen. Die Afghanen wollten arbeiten, studieren und sich integrieren, sagt Centlivres. «Afghanische Familien machen kein Theater», so die Afghanistan-Spezialistin. Viele seien deshalb sehr gut angesehen.

Stark fragmentierte Gemeinschaft

Öffentlich in Erscheinung tritt die afghanische Diaspora in der Schweiz kaum. Die wenigen afghanischen Gesellschaften organisieren zwar Zusammenkünfte und Kulturanlässe, sind gegen aussen aber kaum aktiv. Dies mag auch damit zu tun haben, dass die afghanische Diaspora stark fragmentiert ist. Über ethnische (Paschtunen, Tadschiken), religiöse (Sunniten, Schiiten) und politische Zugehörigkeiten hinweg ist der Zusammenhalt gering. Früher hätten sich die meisten Afghanen in der Schweiz noch gekannt, sagt Centlivres, aufgrund der grösseren Zahl sei dies heute nicht mehr der Fall.

Gross ist hingegen der Zusammenhalt innerhalb der Familien. An Festtagen und zu anderen Feiern treffen sich diese regelmässig. Dazu passt, dass bei der Partnerwahl viele Afghanen lieber unter sich bleiben. Auch die jungen Leute versuchten, nach Möglichkeit einen Afghanen oder eine Afghanin zu heiraten, sagt Centlivres.

Die engen Familienbande werden vielen der jungen Männer fehlen, die nun neu in die Schweiz gelangen. Die meisten von ihnen wollten nach Deutschland, gerade weil einige von ihnen dort Verwandte haben. Der afghanischen Regierung wäre es hingegen lieber, wenn sie in ihre Heimat zurückkehrten. So hat Präsident Ashraf Ghani die Bevölkerung aufgerufen, den Exodus nach Europa zu überdenken und der deutschen Kanzlerin Angela Merkel zugesichert, abgewiesene Asylbewerber zurückzunehmen.

Auch Angehörige der alteingesessenen Diaspora in der Schweiz finden, dass die jungen Afghanen besser ihr eigenes Land wiederaufbauen würden, als nach Europa zu fliehen. Nadjib Hamid sagt, die jungen Afghanen seien nicht mehr so gut ausgebildet wie früher, aber ebenso lernhungrig: «Sie wollen studieren und Ausbildungen machen.» Doch diese Leute, sagt Hamid, brauche Afghanistan. «Wer sonst soll das Land vorwärtsbringen?», fragt er.

Erstellt: 13.11.2015, 08:51 Uhr

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