Gefährlich für echte Flüchtlinge

Rüpelhafte Asylmitarbeiter, die ihre Gefühle, ja ihren Job nicht im Griff haben, sind fehl am Platz.

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Das Asylverfahren ist ein Massengeschäft. Bei mehreren Zehntausend Gesuchen pro Jahr müssen die Asylbewerber in hoher Kadenz befragt werden. Befrager hören mehrmals am Tag ähnliche Geschichten, die nicht selten frisiert oder erfunden sind. Dennoch sitzen sie Menschen gegenüber, die es oft unter grossen Strapazen oder Lebensgefahr in die Schweiz geschafft haben und auf ein besseres Leben hoffen.

Gerade weil die Befragungen Routinearbeit sind, erfordern sie hohe Professionalität: Herauszuhören, welche Geschichten von Verfolgung und Misshandlung glaubwürdig sind, ist anspruchsvoll. Das Verhalten gewisser Asylmitarbeiter, das Dolmetscher und Rechtsvertreter nun publik machen, ist das Gegenteil von professionell. Hören Befrager den Asylbewerbern nicht zu, werden diese beschimpft und eingeschüchtert, wird es gefährlich für echte Flüchtlinge. Traumatisierte Menschen haben Mühe, in einem einstündigen Gespräch einem Unbekannten ihr Schicksal zu schildern. Sitzen sie dann noch jemandem gegenüber, der ihnen durchs Band misstraut, haben sie schlechte Chancen auf Gehör.

Das darf nicht geduldet werden

Die korrekte Befragung ist unabdingbar für ein faires Asylverfahren. Befrager, die ihre Gefühle, ja ihren Job nicht im Griff haben, sind fehl am Platz. Bedenklich ist, dass einige schwarze Schafe über die Empfangszentren hinaus für ihr Verhalten bekannt sind. Werden solche Mitarbeiter nicht zur Rede gestellt und sanktioniert, funktionieren Kontrollmechanismen nicht. Unkorrektes Verhalten gibt es in jeder Organisation, aber es darf nicht geduldet werden.

Mit dem neuen Asylverfahren, über das wir am 5. Juni abstimmen, ist schon in der Erstbefragung ein Rechtsvertreter anwesend. Arbeitet dieser pflichtbewusst, meldet er unkorrektes Verhalten der Befrager. Allein die Präsenz der Rechtsvertreter dürfte präventiv wirken. Befrager können sich unkorrektes Ver­halten nur leisten, weil sie sich unbeobachtet fühlen. Das neue Asylgesetz soll zwar in erster Linie das Verfahren beschleunigen. Verhindert es aber gleichzeitig ­inakzeptables Verhalten einiger Asylmitarbeiter, ist das ein Grund mehr, um Ja zu stimmen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.05.2016, 23:05 Uhr

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