«Epidemie» im Gym: Teenager nehmen Anabolika «wie Haribo»

Noch nie hat der Zoll so viele illegale Dopingmittel beschlagnahmt. Die Konsumenten sind immer häufiger minderjährig, die Verkäufer: preisgekrönte Bodybuilder.

«Verheerender Körperkult»: Mit Muskel-Präparaten aus dem Internet helfen junge Männer dem Traumbody nach – mit Folgen für die Gesundheit. Foto: Getty Images/iStockphoto

«Verheerender Körperkult»: Mit Muskel-Präparaten aus dem Internet helfen junge Männer dem Traumbody nach – mit Folgen für die Gesundheit. Foto: Getty Images/iStockphoto

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Lange galten Anabolika als Nischenprodukte für Spitzenathleten. Heute hingegen dopt sich die breite Masse zum gestählten Körper – im Fitnesscenter, aber immer öfter auch an Schulen. Die gesundheitlichen Risiken werden verharmlost. Viele Teenager würden zu Präparaten greifen, «um mehr Likes zu erhalten», sagt ein Sportarzt. Sie bestellen offenbar Doping im Ausland: Noch nie wurden an der Schweizer Grenze so viele Sendungen mit verdächtigem Inhalt beschlagnahmt. Recherchen zeigen, dass auch prominente Bodybuilder im lukrativen Geschäft mitmischen. Im Aargau steht der Prozess gegen einen Ex-Champion an.

Er war der muskulöseste Mann des Planeten. Also kam die Lokalzeitung vorbei, um den neuen Weltmeister im Bodybuilding zu porträtieren. Einen Wettkampftag starte Beat Müller (Name geändert) mit zehn Eiklar, Kartoffeln und Protein-Shake. Illegale Mittel habe er nie genommen. «Alle denken, ohne Doping laufe sowieso nichts», gab der Champion an. Er sei aber «der lebendige Beweis», dass es ohne unerlaubte Substanzen bis nach oben reichen kann.

Spitzensportler wie Müller sind Vorbilder. Gerade im Bodybuilding schauen Anfänger zu jenen Athleten auf, welche die grössten Muskeln haben, die schwersten Gewichte stemmen. Pokale bringen Prestige. Doch dieses wird missbraucht. Das Recherchedesk von Tamedia konnte gestützt auf das Öffentlichkeitsgesetz alle kantonalen Strafentscheide im Bereich Doping aus dem letzten Jahr einsehen. Fast alle richteten sich gegen Personen aus Bodybuilding, Fitness und Kampfsport. Mehrmals tauchen preisgekrönte Athleten auf. Einer von ihnen: Beat Müller.

Das Bezirksgericht Lenzburg AG verurteilte ihn im August 2018 zu einer teilbedingten Freiheitsstrafe von 2,5 Jahren. Der frühere Champion soll Doping im Wert von 550'000 Franken verkauft haben. Er legte Rekurs ein, nun ist der Fall vor Obergericht hängig. Äussern will sich Müller auf Anfrage nicht.

Sichergestellte Substanzen aus der «Aktion Pump». Foto: Kantonspolizei AG

Ins Visier der Behörden gelangte er durch die «Aktion Pump». Doping-Experten sprechen vom grössten Ring, der jemals in der Schweiz ausgehoben wurde. An der Spitze stand laut Staatsanwaltschaft Patrick Weber (Name geändert), ein Ex-Schweizer-Meister der Leichtathletik. Er soll Wirkstoffe in China, aber auch über eine Schweizer Pharmafirma bezogen haben. Diese verarbeitete er laut Anklage eigenhändig zu Präparaten, die er an Zwischenhändler verkaufte.

Einen durchschnittlichen Gewinn von 890 Prozent habe Weber dabei gemacht. Bis ins Jahr 2012 soll der Beschuldigte Substanzen im Wert von 4,3 Millionen Franken in Verkehr gebracht haben. Auch dieses Verfahren ist aktuell hängig beim Aargauer Obergericht. Für Weber und auch Müller gilt die Unschuldsvermutung.

Abnehmer waren laut Anklage vor allem Bodybuilder. «Entsprechend handelte es sich vorwiegend um Anabolika, hormonale und andere Wachstumsförderer sowie um Erektionsförderer und Appetitzügler.» Recherchen zeigen: Die Präparate gingen neben Beat Müller offenbar an weitere Schweizer-, Europa- und Weltmeister aus der Szene.

Keine Strafe bei Eigenkonsum

Ein anderer prominenter Sportler stand in Basel-Landschaft vor Gericht. Das Strafgericht befasste sich vor einem Jahr mit Thaibox-Weltmeister Paulo Balicha. Begleitet von vermummten Kollegen hatte er ein Sportcenter gestürmt und sich dort einen brutalen Kampf mit Kickbox-Weltmeister Shemsi Beqiri geliefert.

Das Gericht verurteilte Balicha wegen Freiheitsberaubung, Angriffs und versuchter schwerer Körperverletzung. Aus den Akten geht hervor, dass im Verfahren auch eine Tasche mit verdächtigen Ampullen, Bargeld und einer Preisliste gefunden wurde. Am Ende konnte das Gericht keinen Handel nachweisen.

Eine Urinprobe zeigte zwar, dass Balicha selbst anabole Steroide konsumierte. Eine Strafe gab es dafür aber nicht. Denn das Schweizer Sportförderungsgesetz hält zu illegalem Doping fest: «Erfolgen Herstellung, Erwerb, Einfuhr, Ausfuhr oder Besitz ausschliesslich zum Zweck des eigenen Konsums, so bleibt die Täterin oder der Täter straflos.»

«Es gleicht einer Omertà wie bei der Mafia»

Eine Klausel, die Strafbehörden vor Probleme stellt. «Leute in diesem Umfeld kennen die Regeln genau», sagt Laurent Contat, Staatsanwalt im Kanton Waadt. «Sie bestellen nur geringe Mengen auf einmal, um Eigenbedarf geltend machen zu können, wenn sie erwischt werden.» Hintermänner des Handels seien so kaum zu fassen. Die Szene sei extrem verschwiegen. «Es gleicht einer Omertà wie bei der Mafia. Niemand verrät, woher seine Waren kommen.»

Im Vergleich zu Drogen machten sich einfache Konsumenten nicht strafbar. «Sie haben keinerlei Druck, ihren Dealer oder Importeur zu nennen.» Contat verweist auf Deutschland. Dort ist Anabolika-Konsum seit 2015 strafbar. «Bereits konnten grosse Ringe ausgehoben werden.»

Erfolge gelingen aber auch in der Schweiz. Im Kanton Waadt ging ein weiterer Ex-Weltmeister ins Netz. Luca Rossi (Name geändert) gewann mehrere internationale Titel im Bodybuilding. Damit übertrumpfte er seinen Vater, der einst die Schweizer Meisterschaft gewann.

Die Waadtländer Justiz bestrafte Vater und Sohn, beides ehemalige Profis. Foto: Facebook

Anabolika könnten negative Auswirkungen haben auf die Leber und die Fruchtbarkeit, warnte der Sohn einst in einer Westschweizer Zeitung. Wer in seinem Fitnesscenter darüber spreche, den schicke er sofort weg. Strafentscheide gegen Rossi und seinen Vater relativieren diese Aussagen. Demnach haben die beiden Champions über Jahre hinweg Besucher mit illegalen Mitteln versorgt.

Die Ermittler fanden im Fitness-Studio des Sohnes ein extra angebautes Zimmer. In dieses begab sich der Vater laut den Akten jeweils «mit Bodybuildern von hohem Niveau, denen er die Dopingprodukte injizierte». Insgesamt stellten die Behörden rund 1600 Pillen, über 1000 Spritzen und 400 Ampullen mit Steroiden und Wachstumshormonen sicher.

Drei von vier Schülern wünschen sich mehr Muskeln

Abnehmer gab es genug. «Täter, die illegales Doping verkaufen, machen ihr Geld längst nicht mehr nur mit Spitzenathleten», sagt Dr. Walter O. Frey, Co-Leiter des Swiss Olympic Medical Center. «Sondern mit der breiten Masse im Fitnesscenter. Und immer häufiger an Gewerbe-, Mittelschulen und Universitäten.» Der Sportarzt berät Lehrer, aber auch Teenager. «Diesen jungen, potentiellen Konsumenten geht es kaum um sportliche Leistung. Im Zentrum steht das Aussehen, der Body.»

Vor einem Jahr veröffentlichte Stadt Zürich eine Umfrage bei Sekundarschülern. 74 Prozent der Knaben gaben an, dass sie gerne muskulöser wären. Sportarzt Frey spricht von einem verheerenden Körperkult, angetrieben durch soziale Medien. «Viele Schüler treffen dort auf Ideale, die sie zum Beispiel wegen ihrer Genetik auch mit noch so viel Training nicht erreichen können. Also greifen sie zu Testosteron und anderen Mitteln, um mehr Likes zu erhalten.»

«Anabolika haben mittlerweile epidemieartige Züge angenommen.»Aargauer Staatsanwaltschaft

Strafbehörden ist der Trend bewusst. «Das Thema wird in der Gesellschaft unglaublich verharmlost», heisst es bei der Aargauer Staatsanwaltschaft. Diese findet bei Ermittlungen immer öfter auch verbotene Dopingmittel. «Anabolika haben mittlerweile epidemieartige Züge angenommen. Die jungen Erwachsenen haben das Gefühl, sie konsumieren Haribo. Dabei verursachen diese Stoffe häufig grosse gesundheitliche Schäden.»

Gute Kontakte in zwielichtige Fitness-Studios brauchen sie heute nicht mehr. Mit wenigen Klicks lassen sich Anabolika online im Ausland bestellen. Der Trend zeigt sich an der Grenze. Fangen Zöllner eine Sendung mit illegalem Doping ab, schicken sie diese weiter an die Stiftung Antidoping Schweiz. «Dieses Jahr rechnen wir mit über 650 Fällen», sagt Direktor Ernst König. Ein deutlicher Rekord, bisher lag der Höchstwert bei 569 konfiszierten Paketen.

Bei den Absendern steht die USA an erster Stelle, dann folgen osteuropäische Länder und Asien. «Allermeist handelt es sich um Testosteron oder um künstliche Varianten davon, sogenannte anabole Steroide», sagt König. «Häufig sind auch Wachstumshormone und Antiöstrogene.»

Alle diese Mittel stehen auf der Liste der verbotenen Substanzen von Antidoping Schweiz. Sportarzt Walter O. Frey spricht von einem Paradox: «Dopingmittel sollen den Körper stählen. Stattdessen zerstören sie ihn von innen heraus.» Neben psychischen Erkrankungen können Anabolika zu Leberschäden, Blutgerinnseln führen. Vor allem aber ist das Herzkreislaufsystem betroffen. «Wir müssen jetzt Gegensteuer geben, nicht erst dann, wenn es Todesfälle gibt durch Folgeschäden», sagt Frey.

Bund soll Strafbarkeit prüfen

Nun soll sich der Bund einschalten. Im September reichte FDP-Nationalrat Marcel Dobler einen Vorstoss ein. «Der Bundesrat wird beauftragt, einen Bericht über die Vor- und Nachteile einer strafrechtlichen Verfolgung des Eigengebrauchs von Doping zu erstatten», forderte er. Eine Verschärfung würden sich nicht nur Strafbehörden wünschen. Ernst König von Antidoping Schweiz: «Wenn der Eigenkonsum strafbar ist, dann hätte das sicher abschreckende Wirkung, gerade auf junge Konsumenten.»

Ein solcher war auch Daniele Pozzi. Vor zwei Monaten nahm Bodybuilder an Wettkämpfen im italienischen Padua teil. Mit Erfolg, vier Goldmedaillen gewann der 23-Jährige, der in Bellinzona TI arbeitete. Wenige Stunden nach dem Triumph fand ihn seine Partnerin leblos im Hotelzimmer.

Die italienischen Behörden ordneten eine Autopsie an. Sie wollen klären, ob Anabolika zum unerwarteten Tod geführt haben. Pozzis Trainer sagte in einem Interview, sein Schützling habe Zeug genommen, «das schlecht für das Herz sein könnte».

Erstellt: 27.11.2019, 08:08 Uhr

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Anabolika erhöhen den Blutdruck und belasten den Herzkreislauf. Zudem steigen die Blutfettwerte an und damit das Risiko von Infarkten. Weil Anabolika in der Leber abgebaut werden, können auch Leberschäden entstehen. Meist wird Testosteron verwendet. Das männliche Sexualhormon führt je nach Konsument zu weiteren Nebenwirkungen: Bei Frauen kann es zu Zyklusstörungen kommen, bei Männern zu Impotenz. Die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie weist auch auf psychische Folgen hin: Konsumenten seien aggressiv und teils manisch. Nach Absetzung der Anabolika könnten hingegen starke Depressionen entstehen. Experten warnen davor, Waren zu kaufen, die nicht von Fachpersonen in klinischem Umfeld hergestellt wurden. (gpr)

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