Gefährliche Lawinenwarnungen

Wintersportler erhalten vom schweizerischen und vom französischen Warndienst widersprüchliche Informationen.

Kein Spielraum für Spekulationen: Lawinenwarntafel auf dem Weg zum Rotspitz im schweizerisch-österreichischen Grenzgebiet. Foto: Keystone

Kein Spielraum für Spekulationen: Lawinenwarntafel auf dem Weg zum Rotspitz im schweizerisch-österreichischen Grenzgebiet. Foto: Keystone

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Die Situation ist absurd – und gefährlich: Am Samstag gingen die Experten des Schweizer Instituts für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) im Gebiet Matterhorn von einer «erheblichen» Lawinengefahr aus. Sie publizierten die Warnstufe 3. Doch ein Schritt über die Landesgrenze genügte, und der Skitourengänger sah sich mit der Warnstufe 4 konfrontiert, also mit einer «hohen» Lawinengefahr.

Wie eine Studie zeigt, die das SLF gemeinsam mit internationalen Experten erstellt hat, ist das im Alpenraum keine Seltenheit. Über vier Winter hinweg haben die Forscher die Einschätzungen von 23 Warndiensten verglichen. Ihr Fazit: An einem Drittel der Tage wurden über Landesgrenzen hinweg verschiedene Gefahrenstufen ausgegeben.

Eine Analyse der Einschätzungen des SLF und seines französischen Pendants von 2008 bis 2018 verdeutlicht den Unterschied. In dieser Zeitspanne machte die Stufe 3 in Frankreich 47 Prozent der Warnungen aus, in der Schweiz aber lediglich 36 Prozent. Die Franzosen gingen in 9,6 Prozent ihrer Publikationen von einer «hohen» Lawinengefahr aus (Stufe 4), während diese Warnstufe in der Schweiz nur 1,5 Prozent der Einschätzungen ausmachte.

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Zugang zu den Informationen müsse vereinfacht werden

Diesen Missstand wollen Betreiber von acht Skitouren- und Bergportalen aus verschiedenen Ländern angehen. Sie haben dafür die «Initiative für eine alpenweit einheitliche Lawinenprognose» ins Leben gerufen. Einer der Initianten ist der Schweizer Günter Schmudlach. Er betreibt das Portal Skitourenguru.ch, das eine automatisierte Lawinenrisiko-Beurteilung für Touren in der Schweiz vornimmt. «Der Wintersportler sieht sich oft mit widersprüchlichen Informationen bei gleichen Verhältnissen konfrontiert», sagt Schmudlach. Er fordert deshalb eine möglichst homogene Lawinenprognose für den gesamten Alpenraum. «Dazu gehören die einheitliche Darstellung, vergleichbare Verwendung der Gefahrenstufen und eine Karte, die nicht an den Landesgrenzen haltmacht», sagt Schmudlach. Er ist überzeugt, dass der Zugang zu den wichtigen Informationen für die Nutzer «dringend» vereinfacht werden müsse: «Schliesslich geht es um Menschenleben.»

Mitinitiant Reto Baur von der Plattform Gipfelbuch.ch ist überzeugt: «Die technischen Mittel wären längst vorhanden.» Es gehe nun darum, das multinationale Anliegen umzusetzen. «Uns ist bewusst, dass länderübergreifende Projekte Zeit brauchen», sagt Baur. «Wir wollen aber mit der Initiative das Bewusstsein für diesen Missstand erhöhen.»

Dabei erhalten die Portalbetreiber Schützenhilfe von der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU). Monique Walter, Bergsport-Spezialistin der BfU, begrüsst die Initiative. Sie hat im vergangenen Winter eine Onlinebefragung durchgeführt und wollte von Tourengängern wissen, wie diese ihre Ausflüge planen. «Die Umfrage hat ergeben, dass sich die Mehrheit über die Lawinengefahr, die Wetterverhältnisse und die Hangneigung informiert», sagt Walter. Zudem hätten die Experten festgestellt, dass die Mobilität der Schneesportler zunehme: «Die Leute fahren heute weiter für eine schöne Tour oder für gute Verhältnisse. Sie machen vor den Landesgrenzen nicht halt», sagt die BfU-Fachfrau. Umso dringender seien einheitliche Interpretationen der Gefahrensituation sowie homogene Warnpublikationen.

Laut Thomas Stucki, Leiter des Lawinenwarndienstes beim SLF, entstehen die unterschiedlichen Prognosen, weil es verschiedene Experten sind, die die Situationen beurteilen. Zwar habe man sich 1993 auf die heute üblichen fünf Warnstufen geeinigt. Das grobe Raster böte aber einen gewissen Interpretationsspielraum. «Die Gefahrenstufe ist eine maximale Vereinfachung», sagt Stucki.

Beim SLF rennen die Initianten offene Türen ein. «Die Forderung nach einer länderübergreifenden Prognose für den Alpenraum ist legitim», sagt Stucki. Eine Arbeitsgruppe der europäischen Warn­dienste wirke darauf hin. Doch: «Wann eine alpenweit einheitliche Lawinenprognose verfügbar sein wird, ist nicht absehbar.» Denn um substanziell vorwärtszu­kommen, müssten die diversen Organisationen unter anderem finanzielle sowie personelle Ressourcen bereitstellen.



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Erstellt: 16.12.2019, 07:39 Uhr

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