Gefährlichster Schweizer Jihadist konnte sich freikaufen

Erstmals in Gefangenschaft redet jener Genfer, der als gefährlichster Schweizer beim IS galt. Dank Lösegeld sei er bei einer ersten Gefangenschaft in Syrien freigekommen.

Frauen sprechen mit Wärtern im Al-hol-Camp in Syrien, wo Daniel D. seine Familie befreien wollte.

Frauen sprechen mit Wärtern im Al-hol-Camp in Syrien, wo Daniel D. seine Familie befreien wollte. Bild: Keystone

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Daniel D. war der einzige Schweizer auf einer Interpol-Liste mit 173 Namen von potenziellen IS- Selbstmordattentätern. Über die Schweiz hinaus galt er als einer der gefährlichsten noch lebenden IS-Terroristen. Doch die Gefahr ist gebannt, seit der 24-jährige Genfer kürzlich verhaftet wurde, indem er vermutlich in eine Falle gelockt wurde.

Dies und anderes gibt Daniel D. nun in einem Videointerview preis, das die Nachrichtenagentur Hawar News der kurdischen Selbstverwaltung im Norden Syriens veröffentlicht hat. Der schweizerisch-spanische Doppelbürger spricht dabei in leidlichem Arabisch und mit syrischem Akzent emotionslos über seine Reise von Genf ins «Kalifat» des Islamischen Staats, über Kämpfe, an denen er dort teilgenommen hat, und über den Versuch, seine französische Ehefrau aus einem kurdischen Internierungslager zu befreien. Dabei wurde er offenbar in eine Falle gelockt und in einer koordinierten Aktion, an der angeblich auch ausländische Geheimdienste beteiligt waren, Mitte Juni von den Syrian Democratic Forces (SDF) gefangen genommen.

Spezialist für Autobomben?

Die SDF sind eine kurdisch-arabische Militärallianz im Norden Syriens, die sowohl gegen den IS als auch gegen türkische Invasoren und deren syrische Verbündete kämpft. Die Türkei von Präsident Erdogan ist dabei die Erzfeindin der kurdischen Selbstverwaltung in Syrien. Deshalb sind Aussagen von Gefangenen, welche die Rolle der Türkei betreffen, jeweils mit Vorsicht zu geniessen. Zudem ist nicht bekannt, unter welchen Bedingungen das Interview mit Daniel D. zustande kam, das nur auszugsweise veröffentlicht wurde. Die Angaben, die sich überprüfen liessen, erwiesen sich aber als korrekt.

In Genf, wo Daniel D. eine Lehre als Maurer begonnen hatte, radikalisierte sich der Konvertit nach 2013 parallel zu den Siegen des IS auf den syrisch-irakischen Schlachtfeldern. Im Interview erzählt der hagere Genfer mit dem schütteren Bartwuchs, dass er durch Kontakte im «Kalifat» für den IS rekrutiert worden sei. Danach sei er zusammen mit einem Freund aus Genf via Istanbul nach Syrien gereist. Bei diesem Freund handelt es sich mit grosser Wahrscheinlichkeit um den tunesischstämmigen Franzosen Ramzy B. Dieser war später unter anderem in der Geheimdienstabteilung des IS tätig, die auch Terroranschläge im Ausland plante. Ramzy B. heiratete im «Kalifat» eine Genferin, die ihre beiden Töchter nach Syrien entführt hatte. Die Mutter und die Kinder befinden sich inzwischen in kurdischem Gewahrsam, während der Vater angeblich bei einem Drohnenangriff ums Leben kam.

Nach seiner Ankunft in Syrien im Frühling 2015 absolvierte Daniel D. gemäss eigenen Angaben eine sechsmonatige militärische Ausbildung in der Provinz Hama. Das lässt aufhorchen, denn der IS sah in ausländischen Jihadisten oft Kanonenfutter und verpasste vielen nur eine Schnellbleiche von bestenfalls ein paar Wochen Training. Nach Informationen kurdischer Journalisten in Syrien wurde Daniel D. dabei auch intensiv im Umgang mit Autobomben ausgebildet. Das mag erklären, warum er auf die Interpol-Liste kam und in Bern als gefährlichster noch lebender IS-Terrorist aus der Schweiz gehandelt wird.

Bei Belagerung verwundet

Nach der Ausbildung machte der Genfer bei der Belagerung der Luftwaffenbasis Kuweires in der Provinz Aleppo mit. Als das syrische Regime den Ring um den Flugplatz im Herbst 2015 sprengen konnte, wurde Daniel D. am Oberschenkel verwundet. Der IS evakuierte ihn in ein Krankenhaus in seiner irakischen Hochburg Mossul, wo man den Jihadisten gesund pflegte. Daniel D. blieb etwa sechs Monate in Mossul und kehrte dann nach Syrien zurück, wobei er nach eigenen Angaben drei Monate lang untertauchte und sich damit dem Militärdienst im IS eine Zeit lang entzog.

Gegen Ende 2016 nahm der Genfer an der Schlacht um die Stadt al-Bab in der Nähe von Aleppo teil. Al-Bab wurde von mehreren Seiten angegriffen, einerseits vom Regime mit russischer Luftunterstützung und andererseits von einem türkischen Invasionskorps und dessen syrischen Alliierten. Als es den Türken im Februar 2017 gelang, die Stadt dem IS endlich zu entreissen, hatte sich Daniel D. schon in den Osten des Landes abgesetzt. In al-Bab habe er eine Ausbildung als Scharfschütze durchlaufen. Später lud Daniel D. deshalb ein Foto von einem Zielfernrohrgewehr als Profilbild auf den Messenger-Dienst Telegram hoch. Stolz posierte er ausserdem auf einem anderen Foto mit einem amerikanischen Scharfschützengewehr.

Seine französische Frau mit algerischen Wurzeln heiratete er damals in al-Mayadeen im Osten Syriens. Diese kleine Stadt diente vielen hochrangigen IS-Offiziellen als Fluchtburg, weil sich Raqqa, die Hauptstadt des «Kalifats», zu dieser Zeit bereits unter schweren Luftangriffen der Amerikaner und der internationalen Anti-IS-Koalition befand. Als Raqqa 2017 in die Hände der SDF fiel, flüchtete Daniel D. Richtung irakische Grenze. Im syrischen Weiler Baghouz wurden er, seine Familie und der heute einjährige Sohn von den kurdisch dominierten SDF eingeschlossen.

Während seine Gattin und das Kind Anfang des Jahres von den SDF interniert wurden, gelang Daniel D. erneut die Flucht – mithilfe von Schleusern. Er schaffte es bis in die mehr als 400 Kilometer entfernte Stadt Azaz in Nordwestsyrien, direkt an der türkischen Grenze. Dort wurde er aber von der Sultan-Murad-Brigade, einer vom türkischen Geheimdienst finanzierten syrischen Söldnertruppe, verhaftet. «Ich sass zuerst zwei Wochen lang in einer Einzelzelle und dann sechs Monate lang in einer normalen Gefängniszelle», erzählt der Genfer Terrorist im Interview. Dann habe er sich für 5000 US-Dollar freikaufen können, obwohl die türkisch bezahlten Söldner ursprünglich 25000 Dollar verlangt hätten. Mehr als diesen Betrag habe er einfach nicht gehabt, meint Daniel D.

In eine Falle geraten

Eine von dieser Zeitung kontaktierte und gewöhnlich gut unterrichtete Quelle in Azaz sagte dazu, dass solche Geiselnahmen gang und gäbe seien. Ausländische Geheimdienste würden manchmal Staatsbürger, die für den IS gekämpft hätten, freikaufen und repatriieren, um sie in Ruhe verhören zu können. Normalerweise betrage das Lösegeld 50000 Dollar. Es sei aber kaum denkbar, dass Daniel D. sich selbst freigekauft habe, vielmehr sei das Geld höchstwahrscheinlich von ausserhalb zur Sultan-Murad-Brigade geflossen.

Anschliessend befand sich Daniel D. auf freiem Fuss und durfte in Azaz leben. Dabei versuchte er herauszufinden, wo sich seine Frau und sein Sohn befanden. Mithilfe von Schleusern wurde er im kurdischen Internierungslager al-Hol in Ostsyrien fündig. Die Tatsache, dass er danach unerkannt dorthin fahren konnte, um eine Befreiungsaktion zu starten, ist ein weiteres Indiz dafür, dass der Genfer Hilfe von aussen hatte und offenbar beträchtliche Geldmittel besass. Oder dass er in einer von den Kurden und ausländischen Geheimdiensten koordinierten Operation in eine Falle gelockt wurde. Kurz vor dem Ziel stellten Spezialtruppen der SDF Daniel D., und der Terrorist wurde – vermutlich in einem Feuergefecht — verwundet. Im Interview erklärt er, er sei von den Schleusern an die SDF verkauft worden. Eingeweihte wissen schon lange, dass viele der Menschenschmuggler in Nordsyrien mit dem Geheimdienst der SDF zusammenarbeiten.

Was nun mit Daniel D. passiert, ist ungewiss. Der Bundesrat hat erklärt, dass die Schweiz keine Jihadisten aus dem Ausland übernehmen werde.

Erstellt: 08.08.2019, 19:06 Uhr

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