Gegen eine mafiöse Hymne

Henrique Schneider hält an der alten Nationalhymne fest.

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Eine Anmassung sei das, der Hymne fehle jede Legitimation. Ja, zu verlangen, dass sie am Nationalfeiertag gesungen werde, erinnere an mafiöse Machenschaften. Henrique Schneider, Mitorganisator einer 1.-August-Feier an seinem Wohnort im Appenzellischen, ist einer der rabiatesten Gegner der neu getexteten Nationalhymne.

Er hat das dem Präsidenten der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft, Jean-Daniel Gerber, entsprechend deutlich mitgeteilt. Von Gerber stammt der Plan, das «Trittst im Morgenrot daher, seh ich dich im Strahlenmeer» durch eine weniger archaisch anmutende Version abzulösen. Nach einem Auswahlverfahren, das SVP-Nationalrat Peter Keller als «dümmliche Castingshow» bezeichnete, stand dieser Text als Sieger fest:

Weisses Kreuz auf rotem Grund, unser Zeichen für den Bund: Freiheit, Unabhängigkeit, Frieden. Ouvrons notre cœur à l’équité et respectons nos diversités. Per mintgin la libertad e per tuts la gistadad. croce bianca: unità, campo rosso: libertà, equità.

Henrique Schneider stört sich einerseits am Text an sich: Er bilde die Schweizer Grundwerte nicht ab, nämlich die, die in der Präambel der Bundesverfassung aufscheinen – unter anderem die Anrufung «Gottes des Allmächtigen». Das plagt ihn aber weniger. Denn welche Schweizer Grundwerte genau in einer Nationalhymne vorkommen sollen, sei schliesslich diskutabel. Vor allem missfällt Schneider die «Arroganz», mit der Gerber und sein Geschäftsleiter Lukas Niederberger den Text dieses Jahr allen 1.-August-Feiernden als neue Hymne andienen wollen. «Es ist nur das Hirngespinst eines privaten Vereins», sagt er, «keine offizielle Hymne.» Darum wird am Montagabend am Fest in einem Appenzeller Wald der vom Bundesrat am 1. April 1981 zur Nationalhymne bestimmte Schweizerpsalm gesungen. So, wie eigentlich überall in der Schweiz: Nationalfeierkomitees, die dem Aufruf der Gemeinnützigen Gesellschaft folgen, sind seltener als Edelweisse im Flachland.

Man merkt, Henrique Schneider ist ein politischer Mensch. Er gehört zwar keiner Partei an, unterstützt aber SVP, FDP und CVP mit Gönnerbeiträgen. Der ehemalige Unternehmensberater hat seine Neigung auch zum Beruf gemacht: Als Vizedirektor des stockbürgerlichen Gewerbeverbands geht er im Bundeshaus ein und aus, erarbeitet politische Positionen und vertritt sie nach aussen. «Da brauche ich nebenher nicht noch ein politisches Amt», sagt Schneider. Wenn man ihn fragt, hilft er aber gern, als Vorstandsmitglied, als Kassier, auch mal als 1.-August-Redner. Oder eben beim Organisieren der Bundesfeier an seinem Wohnort.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.07.2016, 17:50 Uhr

Henrique Schneider

Text des Schweizerpsalms

Erste Strophe
Trittst im Morgenrot daher,
Seh'ich dich im Strahlenmeer,
Dich, du Hocherhabener, Herrlicher!
Wenn der Alpenfirn sich rötet,
Betet, freie Schweizer, betet!
Eure fromme Seele ahnt
Eure fromme Seele ahnt
Gott im hehren Vaterland,
Gott, den Herrn, im hehren Vaterland.

Zweite Strophe
Kommst im Abendglühn daher,
Find'ich dich im Sternenheer,
Dich, du Menschenfreundlicher, Liebender!
In des Himmels lichten Räumen
Kann ich froh und selig träumen!
Denn die fromme Seele ahnt
Denn die fromme Seele ahnt
Gott im hehren Vaterland,
Gott, den Herrn, im hehren Vaterland.

Dritte Strophe
Ziehst im Nebelflor daher,
Such'ich dich im Wolkenmeer,
Dich, du Unergründlicher, Ewiger!
Aus dem grauen Luftgebilde
Tritt die Sonne klar und milde,
Und die fromme Seele ahnt
Und die fromme Seele ahnt
Gott im hehren Vaterland,
Gott, den Herrn, im hehren Vaterland.

Vierte Strophe
Fährst im wilden Sturm daher,
Bist du selbst uns Hort und Wehr,
Du, allmächtig Waltender, Rettender!
In Gewitternacht und Grauen
Lasst uns kindlich ihm vertrauen!
Ja, die fromme Seele ahnt,
Ja, die fromme Seele ahnt,
Gott im hehren Vaterland,
Gott, den Herrn, im hehren Vaterland.

Text des «Vorschlags für
eine neue Nationalhymne»

Deutschsprachige Version
Weisses Kreuz auf rotem Grund,
unser Zeichen für den Bund:
Freiheit, Unabhängigkeit, Frieden.
Offen für die Welt, in der wir leben,
woll'n wir nach Gerechtigkeit streben.
Frei, wer seine Freiheit nützt,
stark ein Volk, das Schwache stützt.
Weisses Kreuz auf rotem Grund,
singen alle wie aus einem Mund.

Mehrsprachige Version
Weisses Kreuz auf rotem Grund,
unser Zeichen für den Bund:
Freiheit, Unabhängigkeit, Frieden.
Ouvrons notre coeur à l’équité
et respectons nos diversités.
Per mintgin la libertad
e per tuts la gistadad.
croce bianca: unità,
campo rosso: libertà, equità.

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