Wie Amherd in einer Geheimaktion den Armeechef auswählte

Die Verteidigungsministerin übergab dem Bundesrat am Dienstagabend einen streng geheimen Umschlag. Und: Auch eine Frau war im Rennen.

Viola Amherd wies den Bundesrat an, auch engste Mitarbeiter nicht über ihren Vorschlag zu infomieren, um Lecks zu verhindern. Foto: Keystone

Viola Amherd wies den Bundesrat an, auch engste Mitarbeiter nicht über ihren Vorschlag zu infomieren, um Lecks zu verhindern. Foto: Keystone

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Die verwaltungsinternen Umstände zur Wahl des neuen Chefs der Armee durch den Bundesrat waren aussergewöhnlich. Verteidigungsministerin Viola Amherd (CVP) klassifizierte das Personalgeschäft auf maximaler Stufe als «geheim». Dass an der gestrigen Bundesratssitzung überhaupt ein neuer Chef der Armee bestimmt werden sollte, wussten nur wenige. Um wen genau es sich auf Vorschlag Amherds handeln soll, das erfuhren sogar die sechs Bundesratskolleginnen und -kollegen Amherds erst am Dienstagabend, nachdem ihnen ein Weibel einen geheimen Umschlag übergeben hatte. Die anderen Bundesrätinnen und Bundesräte hielten sich offensichtlich an Amherds Anweisung, auch engste Mitarbeiter im persönlichen Umfeld nicht über die Beförderungsabsichten der Verteidigungsministerin zu informieren. Lecks gab es so für einmal keine – bis nach der Bundesratssitzung.

Amherd verzichtete auf Frau

In der Sitzung war der Gesamtbundesrat Amherds Vorschlag gefolgt. So ist der öffentlich unbekannte und bisher nicht auf höchster Stufe operierende Divisionär Thomas Süssli seit gestern neuer Chef der Armee. Süssli, 52 Jahre alt, wurde zwar während der vergangenen Wochen vor und hinter den Kulissen als valabler Kandidat genannt; er figurierte dort aber bezüglich Wahlchancen klar hinter dem anerkannten Chef des Armeestabs, Claude Meier, «Air2030»-Verantwortlicher, und auch hinter dem erfahrenen Kommandanten der Territorialdivision 2, Hans-Peter Walser. Zufriedene Gesichter: Bundesrätin Viola Amherd und Thomas Süssli kurz vor der Medienkonferenz in Bern. Foto: Peter Klauzner (Keystone)

Mit den Ausführungen von Bundesrätin Viola Amherd vor den Medien wurde gestern auch klar, dass sich unter den letzten verbliebenen vier Kandidierenden auch die Oberwalliser Frau Brigadier Germaine Seewer befand. Seewer führt als Direktunterstellte Süsslis die Kommunikations- und Führungsinfrastruktur-Brigade sowie die elektronische Kriegsführung zugunsten der Armee. Amherd entschied sich letztlich – trotz angekündigter Frauenförderung in der Armee – gegen Seewer. In der Endrunde seien Süsslis Qualifikationen ausschlaggebend gewesen, begründete Amherd ihren Entscheid. Alle vier Kandidaten seien sehr gut gewesen, sie habe sich nicht gegen jemanden entschieden, sondern für Süssli. Entscheidend gewesen seien dessen erfolgreich gemanagte Grossprojekte in der Privatwirtschaft und Erfahrungen im zunehmend wichtigen Bereich Cyber-Krieg beziehungsweise Cyber-Abwehr.

Gelernter Informatiker

Der neue Chef der Armee ist verheiratet und Vater zweier Kinder. Er wuchs in Küsnacht am Zürichsee auf und bezeichnete sich gestern auf Nachfrage selbst als Zürcher. Nach einer Lehre als Chemielaborant bei der Ciba-Geigy in Basel wechselte er in die Informatik beim Bankverein in Basel. Er absolvierte Weiterbildungen, machte Abschlüsse zum Programmierer und Analytiker, wurde eidgenössisch diplomierter Wirtschaftsinformatiker sowie Finanzanalytiker. 2010 schloss er den Executive Master of Business Administration an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Chur ab.

Süssli arbeitete ab 1989 in verschiedenen Funktionen bei der UBS in Basel, Zürich und London. Von 2001 bis 2007 führte er als Unternehmer und Mitbesitzer die Firma IFBS AG in Zürich. Von 2008 bis 2014 war er in verschiedenen leitenden Funktionen bei der Bank Vontobel und der Credit Suisse in Zürich tätig. Ab Oktober 2014 führte er als Chef die Vontobel Financial Products in Singapur und war für den Markteintritt und das Produktgeschäft in Asien verantwortlich.

Nach einer Milizlaufbahn als Offizier bei der Sanität und bei der Logistik wurde Süssli Mitte 2015 vom Bundesrat zum Kommandanten einer Logistikbrigade ernannt. Berufsoffizier zu werden, sei ein «Herzensentscheid» gewesen, sagte Süssli gestern zu dieser Zeitung. Seit 2018 ist Süssli Chef der Führungsunterstützungsbasis. Er baute dort neu gefragte Cyber-Fähigkeiten der Armee auf.

Erstellt: 04.09.2019, 23:33 Uhr

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