Geheimoperation «Friedhof»

Türkische Agenten wollten einen Landsmann gewaltsam aus der Schweiz entführen. Der wahre Thriller handelt von bündelweise Geld und einem Treffen zwischen Gräbern.

Die Türkei unter Recep Tayyip Erdogan ist nicht zimperlich, wenn es darum geht, echte oder vermutete Regierungsgegner in ihre Gewalt zu bringen. Foto: Fatih Saribas (Reuters)

Die Türkei unter Recep Tayyip Erdogan ist nicht zimperlich, wenn es darum geht, echte oder vermutete Regierungsgegner in ihre Gewalt zu bringen. Foto: Fatih Saribas (Reuters)

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Wenn gerade niemand beigesetzt wird, geht kaum jemand auf den kleinen Friedhof im Zürcher Oberland. Doch an diesem heissen Augustnachmittag 2016 versammeln sich ganz hinten unter einer Eiche vier ernste Männer. Sie sind nicht zum Trauern gekommen. Den Ort des Gedenkens haben sie gewählt, um ein Verbrechen zu planen. Eines, das in der Schweizer Nachkriegsgeschichte einzigartig wäre.

Drei türkische Agenten, welche Kenner der Vorgänge dem unzimperlichen Geheimdienst MIT zurechnen, haben einen Landsmann auf die schattige Friedhofsbank gelockt. Der Mann, den wir zu seinem Schutz Emre nennen, ist Familienvater. Er lebt schon lange im Zürcher Oberland. Die Vertreter seines Landes reden auf ihn ein. Das Trio appelliert an sein patriotisches Gewissen. Ein früherer Geschäftspartner Emres, so behaupten die Türken, sei ein gefährlicher Mann, der gegen das Vaterland agiere. Er unterstütze die Putschisten, die im Monat zuvor Präsident Recep Tayyip Erdogan stürzen wollten.

Das Anfixen

Die mutmasslichen MIT-Angehörigen verlangen, dass Emre Informationen über ihn preisgebe und beschaffe. Doch das ist nur der Auftakt, das Anfixen. Bald schon fordern die Agenten, dass Emre helfe, den Kollegen zu verschleppen.

Die letzten staatlichen Akteure, die eine solche Aktion in der Schweiz durchführten, waren die Nazis. 1935 entführte die Gestapo den Journalisten Berthold Jacob aus Basel. Jetzt also die Türken.

Sie haben ein Grossaufgebot ins Zürcher Oberland entsandt und überlassen nichts dem Zufall. Die Anwerbeaktion zwischen den Gräbern wird von zwei zusätzlichen Agenten abgesichert, die ­diskret im Hintergrund bleiben. Doch ihnen entgeht, dass sie ebenfalls beobachtet werden. Der Abwehr des Nachrichtendienstes des Bundes gelingt es, die Zusammenkunft zu observieren.

Die Schweizer Gegenspione können die türkische Geheimoperation «Friedhof» von Anfang an dokumentieren. Dank ihres Materials wird der Bundesrat ­etwas machen, was er in Nachrichtendienstfällen eher selten tut. Er ermächtigt die Bundesanwaltschaft zu einem Strafverfahren. Das kriminelle Vorgehen ist so krass, die Beweislage so eindeutig, dass keine diplomatische Zurückhaltung mehr nötig ist. Noch schlimmer macht die Sache, dass gleich zwei der höchsten Vertreter Ankaras in der Schweiz direkt in die Aktion involviert sind – und ertappt werden.

Ein Attaché, der keiner ist

Auf den Fotos lassen sich zwei Männer identifizieren. Der erste ist ein später abberufener Zweiter Sekretär der Botschaft in Bern namens Hakan Kamil Yerge. Noch hochrangiger ist ein anderer Friedhofgänger: ein stämmiger Herr mit grauem Haar und markantem Schnauz. Er heisst Haci Mehmet Gani. Unter Türken in der Schweiz ist er bekannt. Er sucht das Rampenlicht: Mal verleiht er Preise an einem Türkei-Filmfestival in Dietikon, mal eröffnet er einen Berner Halal-Supermarkt.

Gani war 2012 als Presseattaché nach Bern entsandt worden. Das gab in der damals noch regierungskritischen türkischen Presse einige Schlagzeilen. Ein Diplomat, der dürftig Englisch spricht und keine der Schweizer Landessprachen? Man ahnte, dass es nicht seine Hauptaufgabe sein würde, Kontakte zu den Schweizer Medien zu pflegen.

Seither hat sich die Türkei von einer fragilen Demokratie zu einem Unrechtsstaat gewandelt. Journalisten und viele andere sitzen im Gefängnis.

Längst hat der umtriebige Haci Mehmet Gani auch Emre kennen gelernt. Er weiss von Emres Problemen, dem Schuldenberg, der angeschlagenen Gesundheit, aber auch von den guten Kontakten des Familienvaters – insbesondere zum Mann, der nun Opfer der Spionage- und Entführungsaktion werden soll.

Das Opfer

Die Zielperson ist ein Geschäftsmann, in der Türkei aufgewachsen, in der Schweiz eingebürgert. Der Mittfünfziger hat es in seinen vielen Jahren im Kanton Zürich als Unternehmer zu Wohlstand gebracht. Er gehört der Bewegung des Predigers Fethullah Gülen an. Lange war er auch in seinem Herkunftsland angesehen. Zur türkischen Botschaft in Bern und zum Konsulat in Zürich pflegte er beste Kontakte. Doch nun ist alles anders.

Mitte Juli 2016 kam es in der Türkei zu einem Putschversuch gegen Erdogan. Gegen 300 Menschen starben. Die Suche nach Schuldigen und nach Hintermännern läuft. Unter Generalverdacht geraten die Gülenisten. Viele sitzen ­hinter Gittern. Manchen gelingt es zu ­fliehen. Die Strafverfolgung, die Rache, befeuert vom Präsidenten, macht nicht Halt an den türkischen Grenzen. Schnell erreicht die nationalistische Jagd auch die Schweiz. Die mutmass­lichen MIT-Agenten wollen von Emre ­alles wissen. Wer verkehrt bei seinem Kollegen? Welche Telefonanschlüsse benutzt der Geschäftsmann?

Das teuflische Angebot

Über den verschlüsselten Messenger-Dienst Viber bleibt Emre in Kontakt mit Gani. Der Presseattaché beordert ihn nur Tage nach dem Auftakttreffen auf den Parkplatz vor einer Autogarage in der Nähe des Friedhofs. Statt um Occasionsmodelle geht es erneut um Kontakte der Zielperson. Bei ihm im Kanton Zürich haben Exponenten der Gülen-­Bewegung übernachtet, die sich aus der Türkei abgesetzt haben. Für sie interessiert sich der Geheimdienst MIT.

Doch es bleibt nicht bei der Informationsbeschaffung. Beim dritten Treffen, wieder beim Gebrauchtwagenhändler, bekommt Emre ein teuflisches Angebot. Die Agenten öffnen den Kofferraum ihres Autos. Darin befindet sich eine ­Tasche und darin liegen bündelweise 500-Euro-Scheine.

Einer der Spione zeigt dem Familienvater ein kleines Fläschchen mit einer durchsichtigen Flüssigkeit. Das seien K.-o.-Tropfen, erklärt er. Hunderttausende Euro werden Emre versprochen, wenn er dem Kollegen ein wenig ins Essen oder in ein Getränk träufle. Sobald dieser ohnmächtig sei, solle er anrufen. Der Rest erledige sich von selbst. In Aussicht gestellt wird Emre zudem ein sorgen- und schuldenfreies Leben in der Türkei. So wird es Emre, von Loyalitätskonflikten zerrissen, bald schon engsten Vertrauten schildern. Sie raten ihm, auszusteigen. Emre taucht ab. Als die Agenten ihn zu Hause aufsuchen, wimmelt seine Frau den ungebetenen Besuch ab. Zum Entführungsversuch kommt es nie.

Der Bundesanwalt handelt

Im Frühjahr 2017 wird Emre von der Bundesanwaltschaft, die bereits gut dokumentiert ist, zu einer Befragung geladen. Bei Carlo Bulletti, dem Leiter der Staatsschutzabteilung, will er ebenfalls nichts verbergen. Doch zuvor sichert sich Emre auf alle Seiten ab. Am Morgen vor der Einvernahme in Bern sucht er gemäss einer Quelle, die anonym bleiben will, die türkische Botschaft auf. Dort informiert er über die Vorladung und seine Absicht, beim Leitenden Staatsanwalt des Bundes auszupacken.

Die Bundesanwaltschaft ermittelt darum nicht nur wegen politischen Nachrichtendienstes. Es geht auch um den Verdacht der Vorbereitung einer Entführung für einen fremden Staat ins Ausland. Das bestätigt Informationschef ­André Marty. Eine Einvernahme oder gar eine Verhaftung der verdächtigen Diplomaten Yerge und Gani ist nicht möglich. Sie dürften durch diplomatische Immunität geschützt sein. Zurzeit klärt das Aussendepartement EDA dies und weitere mögliche Schritte auf Bitte der Bundesanwaltschaft ab. Eine Aufhebung der Immunität könnte nur die Türkei vornehmen, was unwahrscheinlich ist.

Im vergangenen August ist Gani in der türkischen Botschaft in Bern feierlich verabschiedet worden. Botschafter ­Ilhan Saygili verdankte seine Dienste in der Schweiz mit warmen Worten. Im aktuellen Verzeichnis der akkreditierten Diplomaten ist Gani noch immer aufgeführt: als Nummer 2 der Türkei in der Schweiz. Für die Zürcher Polizei ist die Gefahr für den Geschäftsmann trotzdem nicht gebannt. Sie schützt ihn weiterhin.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.03.2018, 22:30 Uhr

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