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Gehört die Geschlechtsselektion verboten?

Parlamentarier wollen verhindern, dass Eltern ein Kind abtreiben können, weil ihnen dessen Geschlecht nicht passt. Ist das richtig?

Bis zur 12. Woche sind Schwangerschaftsabbrüche ohne Angabe von Gründen erlaubt: Ein Embryo in der 7. oder 8. Schwangerschaftswoche. Foto: Keystone
Bis zur 12. Woche sind Schwangerschaftsabbrüche ohne Angabe von Gründen erlaubt: Ein Embryo in der 7. oder 8. Schwangerschaftswoche. Foto: Keystone

Alain Zucker

Mitglied der Chefredaktion

Ja

Eine Selektion nach dem Geschlecht ist diskriminierend.

Wirds ein Mädchen oder ein Bub? Die ewige Frage verliert angesichts des medizinischen Fortschritts ihre Unschuld. Bereits ab der 9. Schwangerschaftswoche können Bluttests das Geschlecht des Embryos bestimmen. Glaubt man den Gynäkologen, ist die Gefahr real, dass Eltern einen Fötus abtreiben, weil er oder sie das falsche Geschlecht hat. Eine Mehrheit der Ständeräte will deshalb verordnen, dass Schwangere das Geschlecht ihres Kindes nicht mehr vor der 12. Woche erfahren – bis da erlaubt die Fristen­regelung Schwangerschaftsabbrüche ohne Angabe medizinischer Gründe.

Dass die vorgeburtliche Selektion diskriminierend ist, dürfte unbestritten sein. Angesichts fehlender Zahlen zum nicht alltäglichen Problem stellt sich aber die Frage: Macht es Sinn, das gleich gesetzlich zu regeln? Ja, denn die Regelung ist einfach, löst Probleme und hat kaum unerwünschte Nebenwirkungen.

Einfach ist die vorgeschlagene Massnahme, weil sie Labors und Ärzten nach pränatalen Bluttests nichts anderes vorschreibt, als den Eltern das Geschlecht erst nach der 12. Schwangerschaftswoche mitzuteilen – immer noch bevor die Eltern es per Ultraschall erfahren können.

Das Gesetz löst Probleme, indem es die vorgeburtliche Selektion erschwert. Es hilft aber auch den Ärzten in einem Tabubereich, wenn es um Familien aus anderen Kulturen geht, wo die Abtreibung von Mädchen verbreitet ist. Künftig müssen sich Ärzte keine Sorgen über die Tests machen, weil das Geschlecht nicht mehr den Ausschlag für Abtreibungen geben kann.

Schliesslich hat die Massnahme keine unbeabsichtigten Nebenwirkungen, ausser dass Unverbesserliche das Geschlecht mit Bluttests im Ausland ermitteln lassen werden. Ansonsten, sagt die Basler Gynäkologin Sevgi Tercanli, gibt es keinen «vernünftigen Grund, den Eltern das Geschlecht vor der 12. Woche mitzuteilen».

Alexandra Kedves

Kultur-Redaktorin

Nein

Die Fristenlösung ist ein hart erkämpftes Gut.

Gender Selection: In den USA soll das ein Big Business sein. Und Umfragen in Reproduktionskliniken zeigen, dass dort weiblicher Nachwuchs klar favorisiert wird. In Ländern wie Indien, China oder Nepal verhält es sich genau umgekehrt. Doch für die Frage, ob eine Schwangere in der Schweiz in der neunten Schwangerschaftswoche das Geschlecht ihres Kindes erfahren darf, sind diese Fakten irrelevant.

Zum einen ist der Schwangerschaftsabbruch in der Schweiz sehr selten, verglichen mit dem Rest der Welt. 2013 gab es 5,3 Abbrüche pro tausend in der Schweiz wohnhaften Frauen zwischen 15 und 49 Jahren; bei Teenagern gar nur 4 pro tausend. Und die Zahl sinkt kontinuierlich.

Über 70 Prozent der Abbrüche finden zudem in den ersten acht Wochen nach der letzten Periode statt – also bevor der Geschlechter-Bluttest überhaupt machbar ist. Dass bei besagten 5 Promille das Geschlecht irgendeine Rolle für den drastischen, aber ganz legalen Entscheid zur Abtreibung spielt, scheint völlig abwegig. Hätte tatsächlich eine Frau einen Kinderwunsch, der komplett vom Geschlecht des Sprösslings abhinge, gäbe es zumindest im Ausland Möglichkeiten, vorab steuernd einzugreifen (siehe USA), anstatt lange herumzupröbeln und unnötige Eingriffe zu erleiden.

Wer sich hierzulande gegen ein Kind entscheidet, hat typischerweise andere Gründe. Zum anderen, und grundsätzlich, darf in der Schweiz nun mal bis zur zwölften Schwangerschaftswoche abgetrieben werden – ohne Angabe detaillierter Gründe. Das ist Gesetz. Die Fristenlösung ist ein hart erkämpftes Gut; und es würde jedem Rechtsempfinden widerstreben, den Frauen vor einem solchen Entscheid den Zugang zu vollumfänglicher Information zu verwehren – ganz abgesehen davon, dass diese Information auch durch einen Bluttest im nahen Ausland beschaffbar wäre.

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