Geld für Schlepper kam aus der Schweiz

Menschenschmuggler erhalten Zahlungen aus Zürich, der Waadt oder Neuenburg. Das zeigen Untersuchungsakten.

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Andemeskel Y. sitzt im Gefängnis in Sizilien. Es droht ihm jahrelange Haft wegen organisierter Kriminalität und Schlepperei. Aus seinen abgehörten Telefongesprächen wird deutlich, dass er wohl Hunderte Flüchtlinge gegen Geld nach Norditalien und in die Schweiz schleuste. Er gehörte zu einer der grössten Schlepperbanden Europas. Bezahlt wurde er regelmässig aus der Schweiz.

Eine Dame aus dem Kanton Zürich erinnert sich, wie sie eines Tages einen Anruf eines Verwandten aus Mailand erhielt. Er sei in Not, er brauche dringend Geld. «Der Verwandte gab mit die Angaben von Herrn Andemeskel Y. durch, weil er selber kein Geld empfangen konnte», sagt die Dame. «Ich wusste nicht, wer das ist, doch ich wollte ­helfen. Ich löste die Zahlung via das Internetbanking der Postfinance aus.» Gesendet wurde das Geld via Western Union.

Ein Afrikaner aus La-Chaux-de-Fonds bezahlte für einen Verwandten in Not via Moneygram. «Ich sagte ­sogar, dass es für einen Schlepper namens Mouhamed H. sei», erzählt er.

Bande verdiente Gelder in Millionenhöhe

Ein Eritreer aus dem Kanton Waadt schliesslich erzählt, wie seine Frau eines Tages einen Anruf erhielt von ihrem Cousin. «Er war gerade nach einer Horrorfahrt übers Mittelmeer in Sizilien gelandet. Er hatte Hunger, ihm war kalt, und er hatte kein Dach über dem Kopf.» Sie wurden angewiesen 200 Euro an eine Frau namens Afomia E. zu bezahlen. Dafür gingen sie zu einem Schalter von Western Union.

Afomia E. sitzt inzwischen ebenfalls hinter Gittern. Sie überwachte ein Haus in Catania, in dem die Schlepperbande bis zu 117 Flüchtlinge einpferchte und um Geld erpresste. Die Menschen mussten teils im Stehen schlafen. Bezahlt wurde Afomia E. in diesem Fall sogar indirekt von der Schweizer Sozialhilfe, denn die eritreische Familie im Kanton Waadt sparte sich die 200 Euro von ihren 1800 Franken Sozialhilfe ab.

Erhielten Geld aus der Schweiz: Afomia E., Mouhamed H. und Andemeskel Y. (von links).

In den vergangenen Monaten untersuchten italienische Ermittler die Konten von 47 mutmasslichen Schleppern, die inzwischen alle im Gefängnis sitzen. Es stellte sich heraus: Die Asylbewerber verdienten im Millionenbereich. Innert weniger Monate erhielten sie erwiesenermassen 1'075' 400 Euro. Davon kamen 131'000 via den Transferdienst Money­gram und 86'000 via Western Union.

«Das ist aber nur ein Teil ihrer Einkünfte», sagt Calogero Ferrara, stellvertretender Staatsanwalt von Palermo. «Sie verdienen noch wesentlich mehr.» In der Regel verlangen die Schlepper Beträge von 150 bis 300 Euro von einer Person, um sie zum Beispiel illegal von Sizilien nach Rom zu verfrachten. Doch die Flüchtlinge tragen normalerweise kein Geld auf sich.

Sie bitten also Freunde und Verwandte im Norden Europas, das Geld direkt an ihren Schlepper zu bezahlen. Fliesst kein Geld, stecken sie fest. Das kann schnell zu dramatischen Situationen führen, entsprechend sind viele Eritreer in der Schweiz bereit, den Hilferufen aus Italien zu folgen.

Kriminell wird das Geld erst nach der Überweisung

Die Hundertausende Euros, welche die Schlepper einnehmen, setzen sich also aus zahllosen kleinen Einzelzahlungen zusammen, die vor allem von Verwandten aus Nord- und Mitteleuropa kommen. Um aufzuzeigen, wie dieses Geld zusammenfliesst, veröffentlichten die Staatsanwälte in Palermo exemplarisch 188 solcher Mikro-Zahlungen über 200 bis 300 Euro, 17 davon kamen von Afrikanern in der Schweiz, darunter die beiden Überweisungen an Andemeskel Y. und Afomia E. Wie viel insgesamt aus der Schweiz in die Taschen der Schlepper fliesst, lässt sich kaum schätzen.

Einen Schlepper aus der Schweiz zu bezahlen, ist nicht per se illegal. «Das Geld stammt in diesem Fall nicht aus einem Verbrechen, sondern aus dem normalen Guthaben der hiesigen Afrikaner», erklärt David Zollinger, Anwalt und Compliance-Experte. Er analysierte in seiner früheren Tätigkeit als Wirtschaftsstaatsanwalt in Zürich zahlreiche Fälle von heiklen Zahlungen via Western Union und Money­gram. «Die kriminelle Aktivität folgt hier erst nach der Geldüberweisung in Italien und oft ohne konkretes Wissen der Absender, damit erfüllen die Zahlungen aus der Schweiz den Tatbestand der Geldwäscherei nicht.»

Die Transfers von derart kleinen Summen sind nicht nur legal, sie finden auch komplett unter dem Radar der Überwachung statt. Die SBB nehmen als Agent von Western Union an 180 Bahnhöfen Geldtransfers entgegen. «Wir identifizieren den Sender des Geldes mit einer Ausweiskopie und prüfen, ob das Geld einen illegalen Ursprung haben könnte», erklärt Monika Selinger, zuständig für Recht und Compliance bei der SBB. «Die Computersysteme schlagen Alarm bei verdächtigen Zahlungsmustern, und die 1800 Mitarbeiter werden jährlich geschult.»

Das Problem: Die Geldwäschereiverordnung sieht überhaupt erst eine Abklärungspflicht bei Transfers ab 5000 Franken vor. Prüfungen unter diesem Betrag werden nur vorgenommen, wenn Anhaltspunkte bestehen, dass das Geld aus einer illegalen Quelle stammen könnte. Doch im Falle der Schlepper hat weder das Geld einen kriminellen Ursprung, noch ist der Sender verdächtig. So laufen die Zahlungen an die Schlepper aus der Schweiz komplett ungehindert, und praktisch niemand kann dagegen vorgehen.

Die Folgen sind gravierend. Die ­Gelder aus der Schweiz dienen nicht nur zur Finanzierung der organisierten Kriminalität, sie sorgen unweigerlich auch dafür, dass mehr Asylbewerber ­illegal in die Schweiz gelangen – mit enormen finanziellen Folgen für das Schweizer Asylwesen und später für die Sozialhilfe.

Die Post zog sich aus dem Bargeldgeschäft zurück

Western Union betont, dass sie rigoros vorgehen gegen den Missbrauch ihrer Dienstleistungen durch Schlepper und Menschenhändler. «Jeder fünfte Angestellte bei uns arbeitet in der Überwachung von Transaktionen», schreibt das Unternehmen auf Anfrage. «Wir investieren umfangreich in Programme, die helfen, die Machenschaften der Menschenschmuggler zu enttarnen.» Ferner arbeite man mit der Polizei zusammen. Moneygram reagierte nicht auf unsere Anfragen.

Pikiert reagieren die Geldinstitute auch, weil sie durch den Missbrauch ihres Service an den Zahlungen für die Schlepper sogar aufgrund von Provisionen mitverdienen. Dasselbe gilt für ihre Agenten in der Schweiz wie die SBB oder das Unternehmen ­Valora, das Gelder für Moneygram am Kiosk entgegennimmt. Valora betont, alles Menschenmögliche gegen solche Missbräuche zu unternehmen.

Die Post bietet Schalterüberweisungen via Western Union bereits seit 2008 aus Risikoüberlegungen gar nicht mehr an. Bei Überweisungen aus dem Online-Banking würden Sender und Empfänger noch einmal separat überprüft, richtet das Unternehmen aus. Bei Unregelmässigkeiten werde die Transaktion abgelehnt. Das hat bei der Bezahlung an Andemeskel Y. allerdings nicht geholfen.

recherchedesk@sonntagszeitung.ch (SonntagsZeitung)

Erstellt: 18.09.2016, 11:34 Uhr

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