«Manchmal haben die Leute Angst vor mir»

Er sieht sich als Draufgänger und ist Militär durch und durch. Doch wer ist der neue Chef des Nachrichtendienstes wirklich? Ein Porträt.

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Ein leises Leben, das führt Divisionär Jean-Philippe Gaudin nicht. Vor allem als Chef des Militärischen Nachrichtendienstes wurde er manchmal laut, sehr laut sogar. Wenn er einen Untergebenen zusammenstauchte, war das auch noch zwei, drei Büros weiter zu hören.

Im Berner Geheimdienst-Zentrum dürften sich am Mittwoch einige an die Stimme erinnert haben. An den Mann, der in jeder Sprache laut tönt. Auf Deutsch, auf Französisch. Denn gestern wurde bekannt, was einige befürchtet und andere erhofft hatten im hoch­gesicherten Gebäudekomplex: Jean- Philippe Gaudin wird zurückkehren. nicht mehr zum militärischen Dienst, sondern zu dessen grossem Bruder, dem zivilen Nachrichtendienst des Bundes (NDB). Der 56-jährige Waadtländer, zuletzt Schweizer Verteidigungsattaché in Paris, wird neuer NDB-Direktor.

Den Generalstabsoffizier erwartet eine grosse Aufgabe. Der Dienst, den er ab 1. Juli übernimmt, darf so viele heikle Dinge tun, wie noch nie – dank des neuen Nachrichtendienstgesetzes. Das Gesetz erlaubt den Einsatz von Trojanern, das Verwanzen von Schlafzimmern oder Hacking-Operationen.

Aufräumen

Der neue Arbeitgeber von Gaudin hat mehr Möglichkeiten – und einen etwas lädierten Ruf. In der Vergangenheit war der Dienst mit eher überschaubaren Operationen überfordert, zuletzt etwa beim Fall des in Deutschland verhafteten Schweizer Spions Daniel Moser.

Ein Aufsichtsbericht dazu hat kürzlich gezeigt, dass beim NDB einiges zu tun ist. Dass aufgeräumt werden muss. Doch ist Jean-Philippe Gaudin der Richtige dafür?

An der Vorstellung des Neuen gestern vor den Bundeshausmedien betonte Verteidigungsminister Guy Parmelin, dass es der Bundesrat «als grossen Vorteil» erachte, dass Gaudin von extern komme. Er lobte aber die grosse einschlägige Erfahrung und den politischen Riecher des Mannes, der wie er selbst aus der Waadt stammt.

«Manchmal haben die Leute Angst vor mir.»

Unbestritten ist, dass Gaudin einer ist, der zupackt. Unbestritten ist ebenso, dass er nicht unbedingt bescheiden auftritt. Sein Selbstverständnis zeigt sich etwa bei der Benennung seines Vorbilds. Es ist dies kein Geringerer als General Patton, der umstrittenste aller amerikanischen Generäle im Zweiten Weltkrieg.

«Wir ähneln uns im Charakter», vertraute Gaudin vor vier Jahren einer Westschweizer Lokalzeitung an. «Er war ein Draufgänger und nicht immer Diplomat.»

Das ist zeithistorisches Understatement: George S. Patton, einer der erfolgreichsten US-Befehlshaber überhaupt, war berühmt und berüchtigt für seine Unzimperlichkeit. Im Kampf gegen Hitler musste der General sein Kommando ausgerechnet in der Zeit der Normandie-Invasion für einige Monate abgeben – wegen eines Ohrfeigenskandals. Patton hatte traumatisierte Soldaten aus den eigenen Reihen geschlagen und mit einer Waffe bedroht.

Skandalfrei

Ähnliches ist von Gaudin nicht bekannt. Wenn ihm etwas missfällt, folgen deutliche Worte, nicht Ohrfeigen.

Am Rande der Medienkonferenz gestern räumte er allerdings ein: «Manchmal haben die Leute Angst vor mir, weil ich eine laute Stimme habe.» Er bezeichnete sich als «Patriot», dem es schwerfalle, die hochdekorierte Uniform gegen Zivilkleider einzutauschen.

Dreieinhalb Jahrzehnte steht Gaudin schon im Dienst der Eidgenossenschaft, skandalfrei. Das ist keine Petitesse bei Armee und Nachrichtendienst, wo andere Kaderleute über umstrittene Beschaffungen, Intrigen, überbordende Spesen und Geheimdienstaffären und -affärchen gestolpert sind.

Es spricht für Gaudin, dass sein Ruf unbefleckt geblieben ist. In entscheidenden Momenten ist der Temperamentvolle besonnen geblieben, obwohl er meist geradeheraus sagt, was er denkt, auch in seinen seltenen Interviews: So bezeichnete er die Attentäter auf «Charlie Hebdo» als «Amateure» (sie fanden den Eingang zur Redaktion zuerst nicht), jene im Pariser Club Bataclan aber als Profis. «Für mich», hat Gaudin dem Portal «Sept.info» nach der Attacke gesagt, «ist das Krieg.» Der Interviewer fragte danach, was denn unserem Land von Rückkehrern aus Syrien und dem Irak drohe. «Weniger, als man sagt», antwortete Gaudin, der im islamistischen Terror die Hauptbedrohung für die Schweiz sieht. Es gebe nicht viele solche Zurückgekehrte, und die Integration sei besser als in Belgien oder Frankreich.

Achtung!

52 Jahre alt war Gaudin, als er vor drei Jahren nach Paris versetzt wurde, zu jung, als dass der schöne Attaché-Posten in seiner geliebten Stadt sein Letzter sein würde. Das Haus in Payerne VD, in dem er mit seiner Frau die drei Töchter grossgezogen hatte, hat er behalten.

Frankreichs Hauptstadt ist für einen wie Gaudin interessant, nett sogar. Aber es ist kein Aufstieg mehr. Vorher war es stetig aufwärtsgegangen für ihn, seit dem Studium an der Militärakademie an der ETH in Zürich Mitte 80er-Jahre. Mehr als ein Jahrzehnt war Gaudin nach dem Studium Instruktor der Mechanisierten und Leichten Truppen gewesen und an einer Offiziersschule, meist in der Deutschschweiz. Den Lehrer- folgten die Wanderjahre. Im Jahr 2000 übernahm Gaudin für acht Monate das Kommando der Schweizer Gelbmützen in Bosnien. Als Journalisten die OSZE-Unterstützungsmission besuchten, erzählte er ihnen, dass man in seinem Bataillon auf das militärische Salutieren verzichte und alle sich duzen würden, doch er betonte: «Aber Achtung! Ich lege grossen Wert auf Disziplin.»

Für Gaudin war der Aufenthalt auf dem Balkan prägend. «Es gibt für mich die Zeit vor Sarajevo und nach Sarajevo», sagte er gestern. Gaudin wollte nach seinem Auslandseinsatz nicht mehr lehren, sondern operativ tätig sein. Vorerst folgte etwas, was bei Schweizer Sicherheitskadern verbreitet ist, ehe sie ganz oben anlangen: die Westbindung, durch praktische Studien. 2003 bildete sich Gaudin am Defence College der Nato in Rom weiter. Solche Programme dienen immer auch dazu, die Absolventen für die Aktivitäten des Militärbündnisses zu begeistern. Doch Gaudin, seit jungen Jahren ein Befürworter schweizerischer Auslandseinsätze, steht der Nato und der US-Dominanz darin bis heute skeptisch gegenüber. Zurück in der Schweiz, machte er beim Militärischen Nachrichtendienst Karriere. 2005 wurde er stellvertretender Leiter. Ganz nach oben kam er zweieinhalb Jahre und zwei Weiterbildungen in England und Frankreich später.

Chef des militärischen Dienstes blieb er fast acht Jahr lang, bis zur Versetzung nach Paris. Den Betrieb mit nur einigen Handvoll Profis, aber Hunderten Milizoffizieren baute er aus. Zusätzlich erhielten der Dienst und Gaudin 2010 zusätzliche Aufgaben und Kompetenzen in der Schweiz.

Dank des reformierten Militärgesetzes durfte der militärische Dienst fortan auch Informationen «insbesondere im Hinblick auf die Verteidigung des Landes, den Friedensförderungsdienst und den Assistenzdienst im ­Ausland» beschaffen und auswerten. Dabei spielt der «Dienst für präventiven Schutz der Armee» eine wichtige Rolle, für den auch Ex-Polizisten Observationen und Operationen im In- und Ausland durchführen.

International gut vernetzt

Die Militärgeheimdienstler arbeiten mit ihren zivilen Büronachbarn im Berner Pentagon zusammen – allerdings betrachtete die NDB-Führung die militärischen Kollegen bisweilen von oben herab. Zwischen der Deutschschweizer Spitze des NDB und dem Romand Gaudin kam es bisweilen zu Verstimmungen. Teilweise hat sich der künftige Direktor schlecht informiert gefühlt, wie er Vertrauten damals sagte. Dies könnte sich nun rächen, zumal in der Teppichetage des NDB im Fall Daniel Moser einige Fehler passiert sind.

Gaudin sagte am Mittwoch, dass er den zurückgetretenen Direktor Markus Seiler, der neu als Generalsekretär für Aussenminister Ignazio Cassis arbeitet, sehr schätze. In Auftritt und Ausrichtung ist er aber die Antithese zu seinem Vorgänger. Staatswissenschaftler Seiler ist der freisinnige Thinktank-Typ. Kein Draufgänger, eher leise im Auftritt. Als NDB-Chef hatte er beste Kontakte nach Deutschland und in die USA. Sein Nachfolger, Militär durch und durch, ist international ebenfalls gut vernetzt, gerade mit kleineren Diensten. Am nächsten steht er aber dem grossen Frankreich. Zuletzt in Paris ist die Nähe zum französischen Auslandsdienst DGSE sicher nicht kleiner geworden. Befürchtet wird beim NDB nicht nur eine zu starke Anbindung an das westliche Nachbarland, sondern auch eine Militarisierung des zivilen Dienstes.

Bürgerlich

Politisch ist Gaudin – kaum überraschend für einen hohen Berufsoffizier – durch und durch bürgerlich und in vielen Fragen einig mit Verteidigungsminister Guy Parmelin, der ihn im Bundesrat durchgeboxt hat. Der hohe Offizier, der bewusst keiner Partei angehört, würde gut in die Waadtländer SVP passen, in der Parmelin gross geworden ist.

Die beiden sind sich überhaupt in vielem ähnlich. Gaudin ist in Montreux aufgewachsen, wo er mit Regiearbeiten am Jazzfestival sein erstes Geld verdiente, Parmelin, zwei Jahre älter, in einem kleinen Dorf 50 Kilometer entfernt. Kennen gelernt haben sie sich erst in Bern, bei einem Waadtländer Anlass.

Gaudin, der sich selber als «Bonvivant» bezeichnet, blieb mit dem hoffnungsvollen Nationalrat und Weinbauern von damals in Kontakt. Sie seien zwar per Du, aber Freunde seien sie keine, sagte Parmelin gestern.

Doch als der Bundesrat einen Nachfolger für Seiler suchte, war Gaudin die erste Wahl. Auch eine kleine Schlammschlacht aus dem Umfeld seiner Mitbewerber wegen angeblicher Gesundheitsprobleme konnte ihn nicht bremsen. Das Schwerwiegendste, was gegen ihn vorgebracht wurde, war eine Fussballverletzung. Draufgänger halt.

Erstellt: 12.04.2018, 06:33 Uhr

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