Genf, das Mekka der Autokraten

Ein Journalist veröffentlicht die Flüge von autoritären Regierungen nach Genf – und vermutet, dass diese nicht nur den UNO-Hauptsitz besuchen.

Sind beide auf der Liste: Teodoro Obiang Nguema, Präsident von Äquatorialguinea, und Gabuns Präsident Omar Bongo, 2006 am UNO-Hauptsitz.

Sind beide auf der Liste: Teodoro Obiang Nguema, Präsident von Äquatorialguinea, und Gabuns Präsident Omar Bongo, 2006 am UNO-Hauptsitz. Bild: Salvatore Di Nolfi/Keystone

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32 Flugzeuge von Autokraten landeten im letzten halben Jahr auf dem internationalen Flughafen in Genf. Dies besagt der GVA Dictator Alert – ein Computerprogramm, das automatisch Flüge von und nach Genf zurückverfolgt, die autoritären Regierungen zugeordnet werden. Es greift auf eine Liste zurück, die der Westschweizer Journalist François Pilet zusammengestellt hat und mittlerweile 80 verschiedene Flieger umfasst.

«Die Schweiz ist ein sicherer Hafen für einflussreiche Personen aus Drittweltländern, die Geld verstecken wollen.»François Pilet zum US-Magazin «Newsweek»

Mit diesem sogenannten Twitter-Bot, den er im April dieses Jahres startete, will Pilet mehr Transparenz in «eine sehr geheime Welt» bringen, wie er verschiedenen Medien erzählt hat. Dem Westschweizer ist bewusst, dass die von ihm als Diktatoren bezeichneten Politiker und Regierungen aus berechtigten Gründen nach Genf kommen könnten. Die Rhonestadt ist schliesslich Sitz der Vereinten Nationen und mehrerer anderer internationaler Organisationen.

Er glaubt aber auch, dass die zahlreichen Besuche ein Hinweis auf krumme Geschäfte oder Steuerhinterziehung sein könnten. «Ist dieser Politiker aus diplomatischen Gründen hier oder kommt er nur, um Geld zu verstecken?» Das müsse man sich bei jedem dieser Flüge fragen, sagte Pilet der amerikanischen Newssite «The Verge». Im US-Magazin «Newsweek» präzisierte er: «Die Schweiz ist ein sicherer Hafen für einflussreiche Personen aus Drittweltländern, für Personen, die das Geld verstecken wollen, das sie von ihrem Volk gestohlen haben.»

Auffällig sind beispielsweise die 26 Flugzeuge der Regierung von Äquatorialguinea, die innerhalb des letzten halben Jahres in Genf landeten. Die Idee für den GVA Dictator Alert kam Pilet denn auch während einer Story für seine Zeitung «L’Hebdo» über Teodoro Obiang Nguema Mbasogo, den seit 1979 diktatorisch regierenden Staatspräsidenten von Äquatorialguinea. Der Bericht deckte auf, dass Obiang regelmässig nach Genf reiste, obwohl seine Airline eigentlich aus dem europäischen Luftraum verbannt worden war.

Pilet hofft, dass er mit seinem Twitter-Bot bald noch mehr Missstände aufdecken kann. Die Veröffentlichung der Flüge der Diktatoren ermögliche Journalisten, deren Reisegewohnheiten zu verfolgen und vielleicht weitergehende Recherchen voranzutreiben, so der Westschweizer. Vor knapp einer Woche hat er seine Liste um 27 Flugzeuge von autoritären Staaten erweitert.

Das Computerprogramm sammelt Daten von Flugzeugbeobachtern, sogenannten Planespottern, rund um Genf. Diese verwenden Ausrüstungen mit ADS-B-Signalen, welche die Kennnummer und den Standort jedes Flugzeugs erfassen, das landet oder abhebt. Der Twitter-Bot filtert aus den Daten automatisch diejenigen Flugzeuge heraus, die öffentlich als Besitz von Regierungen registriert sind, die Pilet als diktatorisch einstuft.

Dem Journalisten ist klar, dass die Registrierung der Flüge allein noch nicht viel über das Verhalten der Diktatoren und Regimes in Genf sagt. Ihnen aber zu zeigen, dass sie ihre «Schweiz-Geschäfte» nicht einfach im Geheimen abwickeln könnten, sei ein erster Schritt Richtung mehr Transparenz. Geht es nach dem Westschweizer, soll sein Projekt dereinst auf andere europäische Flughäfen ausgeweitet werden.

Erstellt: 14.10.2016, 17:39 Uhr

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