Genf hat endlich seine S-Bahn

Nach acht Jahren Bauzeit weiht der Kanton den 1,5 Milliarden Franken teuren Léman Express ein. Die S-Bahn gilt als Jahrhundertbauwerk.

Dieses Genfer Weihnachtsgeschenk soll zu weniger Autos und besseren Verbindungen zwischen den Genfern und den Franzosen führen: Léman Express. Foto: Valentin Flauraud (Keystone)

Dieses Genfer Weihnachtsgeschenk soll zu weniger Autos und besseren Verbindungen zwischen den Genfern und den Franzosen führen: Léman Express. Foto: Valentin Flauraud (Keystone)

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Genf erhält dieses Wochenende sein schönstes Weihnachtsgeschenk seit Jahrzehnten. Der Kanton beschenkt sich mit einer S-Bahn, an die auch der Bund und Frankreich erhebliche Mittel leisteten. Die offizielle Einweihungsfeier hat am Donnerstagmittag im Beisein von Verkehrsministerin Simonetta Sommaruga, der Waadtländer Staatsrätin Nuria Gorrite und des Genfer Staatsrats Serge Dal Busco stattgefunden.

Damit geht für den Stadtkanton eine lange Zeit des Wartens zu Ende, die man zunehmend als Schmach empfand. Denn während die Wirtschaftsmetropole Zürich vor drei Jahrzehnten ihre S-Bahn bekam und dann später gar noch die Durchmesserlinie dazu, geriet Genf beim Ausbau des öffentlichen Verkehrs ins Hintertreffen und fühlte sich auch von den Bundesbehörden zunehmend im Stich gelassen. Das ist nun Geschichte.

Léman Express zwischen Ländern

Léman Express heisst das neue S-Bahn-Netz. Die Züge zirkulieren hauptsächlich zwischen dem waadtländischen Dorf Coppet und dem französischen Städtchen Annemasse, aber fahren auch nach Evian-les-Bains und St-Gervais-les-Bains-LeFayet. Ans Netz angebunden sind zudem Züge bis nach Annecy.

Kurzum: Die S-Bahn verbindet die 200’000 Einwohner zählende Stadt mit ihrer gesamten Peripherie, dem sogenannten Grand Genève, das in den letzten Jahren enorm gewachsen ist. Im Ballungszentrum leben heute eine Million Menschen. Auch die Zahlen für den Léman Express sind eindrücklich. Sein Schienennetz ist 230 Kilometer lang, die Züge halten an 45 Bahnhöfen. Die Baukosten betrugen über 1,5 Milliarden Franken.

Bundesrätin Simonetta Sommaruga an der Eröffnungsfeier am Donnerstag 12. Dezember am Bahnhof in Coppet am Genfersee. Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

Der Bund übernahm 56 Prozent des Betrags.Frankreich zahlte für die Arbeiten auf französischem Boden seinerseits 234 Millionen Euro. Allein die Beschaffung des Rollmaterials verschlang 400 Millionen Franken. Brücken mussten erstellt, Tunnel gebohrt und Viadukte renoviert werden.

Spital leicht erreichbar

Baubeginn war am 15. November 2011. Bis zum Bauende wurden gegen 1700 Einsprachen behandelt und schliesslich beseitigt.Längst nicht alle Schienenstränge und Bahnhöfe wurden neu gebaut, sonst wären die Baukosten naturgemäss um ein Vielfaches höher ausgefallen. Lediglich sechs Bahnhöfe sind Neubauten. Doch unter diesen gibt es architektonisch höchst reizvolle Gebäude.

Noch nie waren die Unispitäler mit den öffentlichen Verkehrsmitteln so gut erreichbar.

Zum Beispiel der drei Stockwerke zählende Tiefbahnhof Genève-Champel, der ursprünglich den Namen Champel-Hôpitaux trug, weil er unterirdisch direkt in die Genfer Universitätsspitäler führt. Die Passanten spazieren nun direkt durch einen ehemaligen Keller, in dem Käse lagerte, zu den Kliniken. Der Bahnhof ist ein Herzstück der S-Bahn. Noch nie waren die Unispitäler mit den öffentlichen Verkehrsmitteln so gut erreichbar. Das ist auch für die Spitalangestellten ein Vorteil, von denen 60 Prozent im französischen Grenzgebiet wohnen.

Dank S-Bahn weniger Autos erhofft

Viele Grenzgänger, aber nicht nur sie, fahren heute mit dem Auto zur Arbeit nach Genf. Lärm und Staus sind die Folge. Sind die Bilder ständig verstopfter Strassen dank des Léman Express bald passé? Verkehrsdirektor Serge dal Busco (CVP) sagt: «Ich träume davon.» Dal Busco geht von einem raschen Rückgang des Autoverkehrs um 12 Prozent aus. Der Léman Express dürfte täglich 50’000 Passagiere befördern.

Aber auch Serge dal Busco weiss: Genf ist von Frankreich beeinflusst. Dort hat das Auto und damit der Individualverkehr einen hohen kulturellen Stellenwert. Die Betreiberfirma des Léman Express, sie heisst Lemanis, versucht die Leute mit attraktiven Abopreisen zum Umstieg zu animieren. Es gibt Firmen, darunter die Detailhändlerin Migros, die für ihre Angestellten einen Teil der Abokosten übernehmen. Andere Unternehmen wiederum haben kurzerhand die Mieten ihrer Firmenparkplätze erhöht, damit die Angestellten ihre Autos zu Hause lassen und den Léman Express benützen.

Streik könnte Strich durch die Rechnung machen

Seit September befährt der Léman Express das neue Schienennetz probehalber. Mit dem Fahrplanwechsel am Sonntag geht die S-Bahn definitiv in Betrieb. Das ganze Wochenende über feiern die Genferinnen und Genfer die Eröffnung des Jahrhundertbauwerks in den Bahnhöfen mit einem grossen Fest. Doch die Nervosität ist gross, denn es gibt eine Unbekannte.

Streiken aber auch Zugführer und Billetkontrolleure, bliebe der Bahnbetrieb wohl auf das Schweizer Streckennetz beschränkt.

Der derzeitige französische Bahnstreik könnte die Eröffnung stören. Auf französischem Boden fahren üblicherweise einheimische Lokführer. Streiken lediglich die französischen Lokführer, könnte der gesamte S-Bahn-Betrieb aber wohl aufrechterhalten werden. Streiken aber auch Zugführer und Billettkontrolleure, bliebe der Bahnbetrieb wohl auf das Schweizer Streckennetz beschränkt. Die erste Polemik um den Léman Express wäre unvermeidlich, und das Geschenk würde zumindest während einiger Tage nicht mehr so strahlend glänzen.

Erstellt: 12.12.2019, 17:34 Uhr

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