Geri Müller will bleiben

Als Stadtpräsident von Baden wurde der Grüne Geri Müller zu einem der umstrittensten Politiker der Schweiz. Nun kämpft er um seine Wiederwahl.

«Ich war nie der Liebling aller»: Geri Müller (57) sagt, er wolle sich nicht aus dem Amt des Stadtammanns jagen lassen. Foto: Reto Oeschger

«Ich war nie der Liebling aller»: Geri Müller (57) sagt, er wolle sich nicht aus dem Amt des Stadtammanns jagen lassen. Foto: Reto Oeschger

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Geri Müller zieht die Herrenschuhe aus. Er legt sie unter die Garderobe, dort, wo schon ziemlich viele andere Schuhe stehen, Sneakers die meisten. Sie gehören den acht jungen Männern, die an diesem Abend in einer Wohnung bei Lenzburg in Socken an einem Tisch ­sitzen. Vor ihnen stehen Gläser mit Himbeersirup und Teller mit Chips, auf einem Sideboard liegt ein Raumschiff-Modell aus «Star Wars». Einmal im Monat trifft sich die Runde zu einer Debatte über Politik. Das Thema heute: der Nahe Osten. Der Gast: Geri Müller, Stadtammann von Baden, Grüner, ehemaliger Präsident der Aussenpolitischen Kommission des Nationalrats. Er schaut in die Runde und sagt: «Ich bi de Geri.»

Ein Mitglied der Lenzburger Grünen hat Müller eingeladen, er übernimmt auch die Vorstellung. Man freue sich, einen ausgewiesenen Kenner der Aussenpolitik begrüssen zu dürfen, man sei gespannt, was er zu erzählen habe. Und Müller, grauer Anzug, weisses Hemd, erzählt. Nicht als Stadtrat von Baden, betont er, sondern als früherer Aussenpolitiker.

Zweieinhalb Stunden geht es um Israel und Palästina, um die Mullahs im Iran und die Interventionen der Grossmächte, allen voran der USA, die er als verantwortlich für viele Fehlentwicklungen ausmacht. Einmal steht Müller auf und zeigt auf der Weltkarte an der Wand, wo sich in der Region die Ölreserven befinden. Auf die Frage, was all das mit seinem Amt als Stadtpräsident zu tun habe, wird er später sagen: «Die Politik im Nahen Osten hat Folgen für uns alle. Es ist wichtig, dass man die Zusammenhänge begreift.»

«Pröschtli, Geri»

Nach einiger Zeit bringt der Gastgeber einige Flaschen Bier, einer der Diskutanten sagt: «Pröschtli, Geri!», die Diskussion geht weiter. Einen Abend lang scheint Müller gedanklich wieder dort, wo er bis zu seinem Rücktritt aus dem Parlament am liebsten war: in der Weltpolitik. Dort, wo die grossen Linien gezeichnet werden. Dabei entscheidet sich seine Zukunft woanders. Im September sind in Baden Wahlen, und Müller, 2013 als erster Grüner zum Stadtpräsidenten gewählt, kämpft um seinen Sitz.

Der Wahlkampf steht noch am Anfang, und die Ausgangslage für Müller ist schwierig. Er wird von zwei ernsthaften Konkurrenten bedrängt. Die Bürgerlichen haben sich auf den CVP-Mann Markus Schneider geeinigt, bisher Vizestadtammann. Stadtrat Erich Obrist, bis vor wenigen Jahren in der SP, kandidiert als Parteiloser. Die SP entschied sich dagegen, einen Kandidaten zur Wahl zu empfehlen – sie beschloss Stimmfreigabe, nachdem sie sich noch vor vier Jahren für Geri Müller ausgesprochen hatte. Unterstützt wird er damit nur von den Grünen und vom linksliberalen Team Baden. Er tritt an gegen alte Kritiker und gegen solche, die neu dazugekommen sind. Es sind ziemlich viele. Wegen der Affäre um die Selfies natürlich, aber auch wegen anderem.

Müllers Liste

Ein warmer Morgen in der Altstadt von Baden. Durch das offene Fenster im getäferten Büro des Stadtammanns scheint die Sonne, manchmal hört man den Lärm eines Presslufthammers von der Baustelle nebenan. Geri Müller sitzt in einem tiefen Ledersofa, die Füsse ­stecken jetzt in Mokassins. Bald vier Jahre sind seit seiner Wahl vergangen, und Müller, 57 Jahre, dessen politischer Weg als Anti-AKW-Demonstrant begann, zieht Bilanz. Vor sich auf dem Clubtisch hat er eine Liste, auf der steht, was der Stadtrat in seiner Amtszeit alles erreicht hat.

Er zählt auf: Man habe, nachdem die Steuerzahlungen der Industrieriesen Axpo und ABB weggebrochen waren, die öffentlichen Ausgaben nachhaltig gesenkt. Die Verwaltung von 23 auf 12 Abteilungen reduziert. Endlich den Neubau des historischen Bäderquartiers ermöglicht. Eine Strategie für den Umgang mit den Gesellschaften im Stadtbesitz gefunden. Ein neues Energiekonzept für die Stadt erarbeitet. Und, das ist Müller wichtig: Man habe jede Volksabstimmung mit Mehrheiten von über 75 Prozent gewonnen und dazu fast jede Abstimmung im Parlament.

Müllers Liste enthält noch weitere Punkte, aber seine Botschaft versteht man auch so: Mit ihm als Stadtpräsident ist die Stadt besser dran. «Baden ist attraktiv», sagt er, «Baden ist lebendig wie kaum eine andere Stadt dieser Grösse.»

Überleben im Mediensturm

Nichts sagt Müllers Liste über die Dinge, die nicht so gut liefen. Die ausgebliebene Fusion mit den Nachbargemeinden zum Beispiel. Die Streitereien in der Stadtregierung, in der Kampfabstimmungen häufiger geworden sind. Und natürlich: die Affäre mit den Selfies, die Müller aus seinem Büro an eine Frau verschickt hatte. Ihren Abschluss fand die Geschichte im vergangenen Sommer, als ein Gericht die Frau wegen versuchter Nötigung, übler Nachrede und unbefugter Aufnahmen eines Gesprächs verurteilte – und der Presserat in einer ungewöhnlich scharfen Rüge zum Schluss kam, dass die «Schweiz am Sonntag» der AZ Medien Müllers Intimsphäre «in schwerer Weise» verletzt habe, als sie über die Bilder berichtete.

Nie zuvor in der Schweiz war ein Politiker wegen einer privaten Geschichte derart angegriffen worden, und niemand hätte es überrascht, wenn sich Müller aus Politik und Öffentlichkeit zurückgezogen hätte. Er aber blieb. Und er will bleiben. Den Mediensturm, der damals über ihn hereinbrach, versteht er auch heute noch nicht.

Mit grosser Lust stürzten sich die Zeitungen auf Müller, der «Grüsel-Geri» war er für den «Blick». «Zeitweise hatte ich das Gefühl, da waren Journalisten überzeugt: Der Müller ist ein total krankhafter Typ. Suchen wir also möglichst viele Argumente, die das irgendwie belegen.» Es habe viel gebraucht, um an einen Punkt zu kommen, wo er sich gesagt habe: «Du weisst, dass das falsch ist, was da abläuft. Wie man versucht, dich kaputtzumachen. Du musst dein Selbstbewusstsein wiederfinden.»

Müller liess sich krankschreiben, er war körperlich und seelisch am Ende. Geholfen hätten ihm in dieser Zeit Familie und Freunde. «Mein engstes Umfeld ist zu mir gestanden, in jeder Minute dieser Katastrophe. Ich brauchte Leute, die mir sagten: Gopf Geri, das kann doch nicht sein, dass das dein Fehler sein soll. Und dieser Kreis von Leuten wurde immer grösser.» Nach drei Wochen kehrte Müller zurück an die Arbeit, obwohl selbst aus der eigenen Partei heftige Kritik laut geworden war. Und obwohl ihm der Stadtrat wichtige Dossiers entzogen hatte. Müller war entschlossen, weiterzumachen.

Um seinen Ruf sei es ihm nicht gegangen, auch nicht um den Lohn. Er habe auch auf dem Höhepunkt der Affäre viel Zuspruch erhalten von Leuten, die ihm gesagt hätten: Ein gewählter Politiker, der sich nichts habe zuschulden kommen lassen, dürfe doch nicht von einer Medienkampagne aus dem Amt gejagt werden. «Diese Leute wollte ich nicht enttäuschen.» Heute interessiere ihn die Zukunft, nicht die Vergangenheit. Die ganze Affäre, sagt Müller, sei längst «gegessen». Doch welcher Schaden bleibt davon? «In den Begegnungen mit den Leuten spüre ich das nicht mehr», sagt er. «Es gibt sicher solche, die distanziert sind, aber das waren sie auch schon vorher. Ich war nie ein Liebling aller. Ich ecke nun einmal an.»

Anecken, das tut Müller als Stadtammann selbst bei seinen eigenen, linksgrünen Wählern. An einem regnerischen Abend ist Müller unterwegs an die Delegiertenversammlung der örtlichen Vereinigung von Pro Velo. Mit dem Schirm in der einen Hand und der Zigarette in der anderen geht Müller über das Areal der Kantonsschule. Er lobt die neuen Elementbauten, ein Beispiel für Pragmatismus, das sich auch die Stadt zum Vorbild nehme. Er schwärmt vom langjährigen Stadtförster, den er eben verabschiedet hat, und erzählt schliesslich vom Bluesfestival, an dessen Eröffnung er am Abend zuvor feierte. Müller auf Dauerwerbesendung für Baden.

Die Velofreunde treffen sich in einem Foyer hinter der Schule, ein langer Sitzungstisch, jemand hat Muffins mitgebracht. Müller ist auch hier mit allen per Du. Mit hochgekrempelten Ärmeln redet der Stadtammann über das Planungsleitbild der Regierung. 20'000 Pendler kämen täglich nach Baden, die Beizendichte sei so hoch wie kaum sonst wo, und für die Velos mache man ja viel, sehr viel! Er erklärt jetzt, wie der Stadtrat den Veloverkehr künftig ins Zentrum leiten will: mit einer neuen Überführung. Das ist manchen hier zu wenig. Eine Anwesende kritisiert, dass «man immer noch für Autos plant und nicht für Menschen», und Müller muss beschwichtigen: Baden sei nun einmal nicht Berlin oder Kopenhagen, wo man einfach Velo-Highways durch ehemalige Prachtalleen ziehen könne.

Als Stadtammann, sagt Müller auf dem Heimweg, könne er keine Politik für einzelne Interessengruppen machen, «ich arbeite für die ganze Stadt». Er weiss aber auch, dass die Velolobby in Baden sein kleinstes Problem ist. Es waren wenige Dutzend Stimmen, die 2013 über Müllers Wahl entschieden. Die zerstrittenen Bürgerlichen hatten sich nicht auf einen Kandidaten einigen können, das links-grüne Lager stimmte geschlossen für Müller.

Klage über den Stillstand

Diesen Herbst wird das anders. Das hat mit der Selfie-Affäre zu tun, aber nicht nur. Da sind die alten Diskussionen um Müllers umstrittene aussenpolitische Engagements. Da ist die Debatte um seinen Lohn, 270'000 Franken bekommt er pro Jahr, «mehr als der Bürgermeister von Paris», wie die «Aargauer Zeitung» kürzlich titelte. Und da ist die Klage über den «Stillstand», der die Stadt seit Müllers Wahl lähme. Man hört sie oft.

Viele Badener haben sich noch immer nicht davon erholt, dass Müllers Wahl vor vier Jahren mit einem Machtwechsel einherging: Die Bürgerlichen verloren ihre traditionelle Mehrheit in der Regierung an Rot-Grün. Am lautesten klagt das Gewerbe. Für die Konjunktur könne der Stadtammann ja nichts, sagt der Geschäftsführer des lokalen Gewerbeverbands, Michael Wicki. «Aber viele in Baden haben das Gefühl, dass die Stadt in seiner Amtszeit stehen geblieben ist. Die Stadt ist nicht mehr der Leuchtturm, der sie immer war und sein sollte.» Die Kritik an Müller bleibt stets ein bisschen diffus, denn einen groben Fehler in der Amtsführung, das räumen auch seine Gegner ein, könne man ihm nicht nachweisen.

Es scheint, dass Müller in Baden geblieben ist, was er in seiner politischen Karriere immer war: ein Aussenseiter. Einer, der ins Gefängnis ging, weil er den Militärdienst verweigerte, und seine Zelle dort für eine kurze Zeit mit einem Mörder teilte. Ein Linker, der von sich sagt, er sympathisiere mit dem alten Freisinn der Staatsgründerzeit, mit dessen «Kampf gegen althergebrachte Autoritäten». Müller hat sich auch nach bald vier Jahrzehnten in der Politik etwas Unangepasstes behalten.

«Darf ich ein Selfie machen?»

Und das ist ein Problem in einer Kleinstadt, die zwar stolz ist auf ihre Offenheit, auf ihre Geschichte und auf die Industrie, die von hier aus die Weltmärkte eroberte – die aber in vielem noch funktioniert wie ein Dorf, mit alten Seilschaften und einer politischen Tradition, in der Harmonie und Ausgleich wichtiger sind als alles andere. Einer wie Müller stört da. Sein Vorteil ist, dass heute auch in Baden viele Zuzüger leben, die von alldem nicht viel mitbekommen. Die Markus Schneiders und Erich Obrists dieser Stadt sagen ihnen nichts, den Müller aber, den kennen sie alle aus den Medien. Und manche mögen an ihm das Unangepasste.

Auf dem Rückweg von der kleinen Debatte mit den jungen Männern bei Lenzburg, der Regionalzug fährt durchs Aargauer Hinterland. Ein ziviler Kontrolleur der SBB schreitet durch den Gang, die Umhängetasche an der Seite, ein Ausweis an der Brust. Vor dem Abteil bleibt er stehen: «Geri Müller? Darf ich ein Selfie mit Ihnen machen?» Müller zögert erst, die Situation scheint ihm unangenehm. Er entspannt sich erst, als der Kontrolleur ihm Mut und Glück wünscht für die Wahlen: «Machen Sie weiter, meine Unterstützung haben Sie!» Dann fragt er Müller nochmals, ob er ein Selfie mit ihm machen dürfe.

Er darf.

Erstellt: 06.07.2017, 18:59 Uhr

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