«Swiss Option» – Sterben in der Schweiz für 10'000 Franken

Kann man mit Sterbehilfe reich werden? Der Freitod des Australiers David Goodall in Basel wirft heikle Fragen auf.

Teurer Abschied: Heute verhandelt das Bezirksgericht Uster die Frage, ob Sterbehelfer Ludwig Minelli zu viel Geld für seine Dienste verlangte. Foto: Judith Haeusler (Gallery Stock)

Teurer Abschied: Heute verhandelt das Bezirksgericht Uster die Frage, ob Sterbehelfer Ludwig Minelli zu viel Geld für seine Dienste verlangte. Foto: Judith Haeusler (Gallery Stock)

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«Ich bin nicht glücklich, ich will sterben.» Mit diesem Satz betrat der australische Wissenschaftler David Goodall vor fünf Wochen die Weltbühne. Der 104-jährige Botaniker erklärte Journalisten, warum er zum Sterben in die Schweiz reist. Er liess die Kameras mitlaufen, als er am Flughafen Perth das letzte Mal seinen Enkel umarmte. Er sang für eine Medienschar in Basel ein letztes Mal eine Zeile von Beethoven und liess sich zuletzt noch filmen, als er an seinem Todestag den Mechanismus zu seiner tödlichen Infusion testete: eine Werbetour.

Seit acht Tagen ist Goodall tot. Seine Geschichte aber wirkt nach. Noch nie war die Nachfrage nach Suizidhilfe so gross. In Onlineforen auf der ganzen Welt wird über die einzelnen Sterbehilfeorganisationen und Details dieser «Swiss Option» diskutiert. Die australische Freitodorganisation Exit International, die Goodalls Reise in die Schweiz organisierte, wird mit Anrufen, Briefen, E-Mails und Social Media Posts bombardiert. «Die Anfragen an uns haben sich in den letzten drei Wochen verdoppelt», sagt Gründer Philip Nitschke. Einige hätten zum ersten Mal die Idee eines rationalen Suizids verstanden. Einige hätten mehr über die verschiedenen Optionen erfahren wollen, und viele wollten Informationen zu einer möglichen Reise in die Schweiz.

Fürs Sterben gibt es bei Exit bis Ende Mai erstmals eine Warteliste.

Auch Exit (Deutschschweiz und Tessin) hat in den vergangenen Tagen mehr Anrufe als üblich erhalten – mehrheitlich aus dem Ausland. «Wir wurden in mehreren Medienberichten mit Exit International verwechselt», sagt Muriel Düby von Exit. Doch stösst der Verein, der Schweizern vorbehalten ist, derzeit unabhängig vom Fall Goodall personell an seine Grenzen. Fürs Sterben gibt es eine Warteliste. Doch sei es nicht das erste Mal, dass es kurzfristig Wartelisten für Gesuche von Nichtmitgliedern gäbe. Exit hofft, diese Massnahme per Ende Mai 2018 wieder aufheben zu können.

Damit scheint sich ein Trend zu bestätigen. Nachdem 2016 weniger Menschen als im Vorjahr eine Freitodbegleitung der zwei bekanntesten Sterbehilfeorganisationen Exit und Dignitas in Anspruch genommen hatten, sind die Zahlen im vergangenen Jahr erneut gestiegen. Exit begleitete 734 Mitglieder in den Tod. Bei Dignitas waren es 222 Mitglieder – die Mehrheit aus dem Ausland.

Wucherpreise für den Tod?

In Australien dreht sich die Diskussion nach dem Fall Goodall auch um die Kosten einer solchen Begleitung. In einem Kommentar erklärt die Leserin einer Onlineplattform: «Ich könnte mir einen solchen Luxustod niemals leisten.»

Wie viel darf Sterben kosten? Sieben Suizidhilfeorganisationen gibt es in der Schweiz, und seit ihrer Gründung sind sie immer mit der gleichen Frage konfrontiert: Verdienen sie – illegalerweise – an ihrer Freitodbegleitung mit? Die gesetzliche Vorgabe ist klar: Beihilfe zum Suizid darf nicht aus Gewinnsucht geschehen. Doch wo genau beginnt die Bereicherung? Just heute behandelt das Bezirksgericht Uster diese Frage: Beim Prozess gegen den Dignitas-Gründer Ludwig Minelli strebt die Staatsanwaltschaft gemäss der «NZZ am Sonntag» ein Leiturteil an. In einem Musterprozess soll geklärt werden, welcher Betrag für die Suizidhilfe angemessen ist.

Die Zürcher Staatsanwaltschaft wirft Minelli laut Anklageschrift vor, aus selbstsüchtigen Motiven die Suizide von drei deutschen Frauen gefördert zu haben. Er und sein Verein hätten überhöhte Rechnungsbeträge gefordert und sich bereichern wollen. Konkret geht es einmal um den Fall eines assistierten Suizids einer 80-jährigen Deutschen im Jahr 2003 und um einen assistierten Doppelsuizid einer 84-jährigen Frau und ihrer 55-jährigen Tochter von 2010.

Ausländer zahlen mehr für den Tod

Bereits im vergangenen November wies Minelli, für den die Unschuldsvermutung gilt, die gegen ihn erhobenen Vorwürfe als «haltlos und nicht nachvollziehbar» zurück.

Was also kostet eine Freitodbegleitung wirklich? Derzeit unterscheiden sich die zu bezahlenden Beträge stark. Am günstigsten ist das Sterben mit Exit. Die Organisation verlangt zwischen 1100 und 3700 Franken, je nachdem wie lange eine Person bereits Vereinsmitglied ist. Wer länger als drei Jahre dabei ist, für den ist die Sterbebegleitung kostenlos. Die Vollkosten von durchschnittlich 7000 Franken werden solidarisch von allen Mitgliedern durch einen Jahresbeitrag getragen. «Die Beträge im Einzelfall unterscheiden sich jedoch stark», sagt Muriel Düby von Exit. Denn jede Freitodbegleitung liege medizinisch und menschlich anders. So gebe es beispielsweise Fälle, die nach einer Reihe ärztlicher Gutachten verlangten oder bei denen ein erhöhter administrativer Aufwand vorliege, während beispielsweise bei langjährigen Exit-Mitgliedern die erforderlichen Unterlagen schon bereit­liegen würden.

Bei Dignitas und Eternal Spirit belaufen sich die Kosten für Ausländer auf rund 10'000 Franken, für Schweizer auf rund 4000 Franken, sofern der Hausarzt für seine Beurteilung keine Rechnung stellt. Eternal Spirit, die auch ­David Goodall begleitete, schätzt ihre durchschnittlichen Kosten für das Vorprüfungsverfahren auf 500 bis 1000 Franken für Personen mit Wohnsitz in der Schweiz und auf 1500 bis 3000 Franken für Personen mit Wohnsitz im Ausland. Das Hauptprüfungsverfahren, die medizinische Begutachtung und die Suizidbegleitung würden 3240 Franken, die Bestattung zudem 2800 Franken kosten. Dies führe zu einem Total von 7040 Franken für Schweizer und 9040 Franken für Ausländer, sofern keine weiteren Kosten für Übersetzungen und psychiatrische Gutachten anfallen. Allfällige Überschüsse würden primär für Personen verwendet, welche die Begleitung nicht selbst finanzieren können, gibt Eternal Spirit an.

Sterbehelfer unter Druck

Die Geschichte Goodalls und der Fall ­Minelli wird auch von Politikern und Experten interessiert verfolgt – mit unterschiedlichem Fazit: Der ehemalige Oberstaatsanwalt des Kanton Zürichs, Andreas Brunner, sieht vor allem bei der Transparenz Handlungsbedarf: «Es ist notwendig, dass die Suizidhilfeorganisationen gesetzlich verpflichtet werden, ihre Kostenstrukturen offenzulegen und zugänglich zu machen.» Dieser Meinung ist auch CVP-Nationalrätin Ida Glanzmann. Bereits 2015 hatte sie per Vorstoss gefordert, dass Freitodbegleiter ihre Rechnungen dem Bund zugänglich machen müssten. «Der Fall Minelli zeigt, dass es gegenüber der Öffentlichkeit eine Kostentransparenz braucht», sagt Glanzmann. Sie überlegt sich jetzt, die Thematik erneut aufzugreifen.

SVP-Nationalrätin Sylvia Flückiger hingegen stört sich besonders daran, dass die Inspektionen, die nach einem aussergewöhnlichen Todesfall von der Polizei, dem Arzt und der Staatsanwaltschaft durchgeführt werden, von der Öffentlichkeit bezahlt werden müssen – auch bei ausländischen Sterbewilligen. SP-Ständerätin Anita Fetz, selbst Exit-Mitglied, will derweilen verhindern, dass es einen kommerziellen Sterbetourismus in die Schweiz gibt. «Das Problem ist, dass zu viele Länder nicht realisieren, dass die Menschen sich beim Sterben Selbstbestimmung wünschen», so Fetz. Je mehr die Suizidbeihilfe in der Öffentlichkeit zelebriert werde, desto mehr verändere sich das gesellschaftliche Klima, gibt die Ethikerin Ruth Bau­mann-Hölzle zu bedenken: «Dies führt dazu, dass sich die Suizidbeihilfe als Selbstverständlichkeit portiert und der Druck auf Personen wachsen kann, sich für ihre Existenz rechtfertigen zu müssen», sagt Baumann-Hölzle.

Bei allen Kosten: Die Hinterbliebenen David Goodalls werden die Rechnung um seinen Tod nicht fürchten müssen. Dank eines Crowdfundings kamen in den vergangenen 24 Tagen rund 30'000 Franken zusammen – das reichte gar für einen Flug erster Klasse in die Schweiz. – «Mein Leben war im letzten Jahr ziemlich schlecht. Und ich bin sehr froh, es zu beenden», sagte Goodall in Liestal. Und starb.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.05.2018, 07:07 Uhr

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