Die letzte Chance für den neuen Raiffeisen-Chef

Tamedia-Chefredaktor Arthur Rutishauser über die neuste Entwicklung im Fall Pierin Vincenz.

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Der Fall von Pierin Vincenz ist tief. Vom gefeierten Starbanker, der seine Raiffeisen unbeschadet durch die Finanzkrise führte, der Präsident der Versicherung Helvetia wurde, zum Festgenommenen, der die Nacht in Justizgewahrsam verbringen musste. Nachdem die Verantwortlichen für die Skandale bei den Grossbanken in der Schweiz ungeschoren davon kamen, die Finanzmarktaufsicht (Finma) ihre Untersuchungen gegen Vincenz einstellte, macht die Staatsanwaltschaft Ernst und zeigt ihre Unabhängigkeit. Innert kürzester Zeit gelang es ihr, starke Hinweise auf ein mögliches kriminelles Vorgehen von Vincenz während seiner Zeit als CEO der Raiffeisen zu finden.

Es scheint so, als habe sich Vincenz in zwei Fällen an Firmen beteiligt, die er nachher für seine Arbeit­geber kaufte, und damit viel Geld verdient. Ob das zu einer strafrechtlichen Verurteilung führt, ist offen. Es gilt die Unschuldsvermutung. Doch das Vorgehen der Staatsanwälte hebt sich wohltuend von dem ab, was Raiffeisen-CEO Patrik Gisel und die Finma in diesem Fall bisher zeigten.

Gisel hat es lange verpasst, sich von seinem Vorgänger zu distanzieren.

Die Finma brach die Untersuchung gegen Vincenz ab, als dieser bei der Helvetia zurücktrat. Weder beendete sie die Untersuchung, noch reichte sie Strafanzeige ein. Der Fall sollte im Sande verlaufen, wie so oft, wenn es um grosse Namen geht.

Gisel hat es lange verpasst, sich von seinem Vorgänger zu distanzieren. Im Gegenteil, noch vor einem Monat verteidigte er ihn in einem Interview mit der «SonntagsZeitung». Trotz Finma-Untersuchung und immer neuen Details über fragwürdiges Geschäfts­gebaren, die an die Öffentlichkeit drangen. Nun muss er sich gegen den Eindruck wehren, nicht ernsthaft versucht zu haben, mögliches Fehlverhalten seines Vorgängers aufzuklären, ja mitgegangen zu sein. In seinem eigenen Interesse sollte er jetzt den Bruch machen, sagen, was er weiss, alle Geschäftsbeziehungen der Raiffeisen zu Vincenz abbrechen und eine un­abhängige Untersuchung einleiten, die in Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft herausfindet, was alles in der Ära Vinzenz passierte. Wenn er das jetzt nicht endlich tut, ist er spätestens in zwei Monaten nicht mehr Chef der drittgrössten Schweizer Bank.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.02.2018, 23:45 Uhr

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