Graubünden ist weltoffen, vernetzt, flexibel

Der Bergkanton ist erfolgreicher, als es dargestellt wird. Selbst im Vergleich zu Zürich steht er nicht schlecht da.

Unterländer wollen in Graubünden unberührte Natur: Wanderer beobachten im Nationalpark einen Steinadler.

Unterländer wollen in Graubünden unberührte Natur: Wanderer beobachten im Nationalpark einen Steinadler. Bild: Keystone

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Fabian Renz listet in seinem Artikel über Grau­bünden eine Reihe Hiobs­botschaften auf. Der «Sturz des Steinbocks» ­(wohin wohl?) wird heraufbeschworen. Der stolze Bündner soll am Verschwinden und, nicht zuletzt aufgrund der Nationalratswahl, mitleiderregend sein. Die Prämierung von Zeus Palma an den Braunvieh-Europameisterschaften soll der einzige Lichtblick in einer düsteren Bündner Wirtschaftskrise sein. Man finde nicht einmal mehr den Mut, eigene Politiker nach Bern zu schicken . . .

Doch wie steht es um Graubünden wirklich? Der wichtige Tourismus leidet unter dem Franken. Die Zweitwohnungsinitiative trifft die Branche und lässt die Bauaufträge einbrechen. Gerade die Zweitwohnungsinitiative zeigt die Problematik mit dem Unterland gut. Zu Hause im Dichtestress, mobil unterwegs, modernster Technologie frönend, sehnen sich die Unter­länder nach einer «intakten Natur». Diese Idylle realisieren sie dann nicht vor ihrer Haustür, sondern schreiben sie, oft ohne lokale Kenntnisse, den Bergregionen vor.

Arbeitsplätze interessieren den Unterländer weniger

So sollen keine neuen Bauten mehr entstehen, Nationalpärke vor Nutzung geschützt, der Wolf und der Bär am Leben gelassen werden. Die Täler sollen bevölkert bleiben und den Feriengast, wann immer der Lust hat, herzlich empfangen. Arbeitsplätze interessieren den Unterländer weniger. Günstigere Ferienangebote zieht er ohne schlechtes Gewissen den ein­heimischen vor. Mit tieferen Wasserzinsen soll Graubünden neuerdings auch noch für die miserable Energiepolitik des Mittellands bluten.

Hand aufs Herz: Könnten Sie sich einen Kanton Zürich vorstellen mit einer viermal so grossen Fläche, 150 Tälern und einer dreisprachigen Bevölkerung von nur 196'000 Einwohnern? Wie würde Zürich aussehen, wenn plötzlich kein Neubau mehr möglich wäre, ganze Dörfer und Städte «eingefroren» wären? Wer würde für die Infrastruktur aufkommen, wo wären die Arbeitsplätze, wenn der Flughafen, der Hauptbahnhof, die ETH und die Uni nicht da wären? Der Uetliberg, obwohl von einem innovativen Bündner betrieben, würde als Tourismusmagnet wohl kaum genügen . . .

Geringe Arbeitslosigkeit

Und trotzdem! Graubünden hat es immer wieder geschafft, den widrigen Umständen zu trotzen. Man nutzte das, was man hatte, vermarktete die einmalige Berglandschaft, den Rohstoff Holz und die Wasserkraft, baute die Pässe aus und pflegte Beziehungen ausserhalb des Kantons. Ausgewanderte Zuckerbäcker oder Feriengäste, mit der Bergregion verbunden, brachten und bringen heute noch neue Ideen und Geld. Die Landwirtschaft ist modern und vielfältig, die Prämierung von Zeus Palma wohl kein Zufall. Berührungsängste oder Angst vor Neuem kennt der Bündner nämlich nicht.

Trotz Rückgängen im Tourismus und im Bau verzeichnet Graubünden aktuell eine Arbeits­losigkeit von nur 1,7%. Der Kanton Zürich hat 3,9%. Die Bündner Rechnung schloss im schwierigen Jahr 2015 sogar mit einem Überschuss ab. Arbeitgeber, Ausbildner und Steuerzahler werden in Graubünden geschätzt. Bei nur fünf Nationalräten ist man auch da auf eine gute Wahl angewiesen. Im Kanton Zürich mit seinen 35 Sitzen kann man, wie mit der Wahl von Tim Guldimann bewiesen, diese sogar ins Ausland «auslagern».

Weg vom Grosskantonsdenken

Um neben der unbeschreiblichen Landschaft auch die kämpferischen, weltoffenen, auf eigenen Werten immer wieder neu aufbauenden Eigenschaften des Bündners zu sehen und zu verstehen, muss man sich wohl vom stereotypen Grosskantonsdenken lösen. Das lohnt sich wie jeder kürzere oder längere Aufenthalt in Graubünden!

Deshalb: Wenn Sie das nächste Mal bei Domat/Ems vorbeikommen, dann konzentrieren Sie sich nicht nur auf die stillgelegte Betonbrache und die Neuansiedlungen, sondern achten Sie auch auf den florierenden Betrieb dahinter, der sich in den letzten 80 Jahren viermal komplett neu erfinden musste und auch 2015 und 2016, trotz Frankenstärke, wiederum je über 35 Millionen Franken am Standort investiert. Solche und ähnliche unternehmerische Beispiele gibt es in Graubünden nämlich viele!

Denn: So kritisch berichten kann wirklich nur ein abgewanderter Bündner über das Bündnerland. Da fahren die Bündner wohl doch besser mit einer Zürcherin in Bern . . .

*Magdalena Martullo-Blocher ist SVP-Nationalrätin des Kantons Graubünden und CEO der Ems-Chemie.

Erstellt: 21.04.2016, 20:07 Uhr

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