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Graubünden und die Räuber

Der Kanton muss handeln, nicht beleidigt sein.

Gebüsst: Eine Baustelle der Firmen Bezzola Denoth und Foffa Conrad am 26. April 2018 in Scuol.
Gebüsst: Eine Baustelle der Firmen Bezzola Denoth und Foffa Conrad am 26. April 2018 in Scuol.
Gian Ehrenzeller, Keystone

Angesichts der Schlagzeilen aus Graubünden kam Daniel Foppa in seinem Kommentar «Schlimmer als jedes Klischee» in dieser Zeitung vergangene Woche der berühmte Schluss des folgenden Zitates aus Friedrich Schillers «Die Räuber» von 1781 in den Sinn: «Zu einem Spitzbuben will’s Grütz – auch gehört dazu ein eigenes Nationalgenie, ein gewisses, dass ich so sage, ‹Spitzbubenklima›, und da rath’ ich dir, reis’ in’s Graubündner-Land, das ist das Athen der heutigen Gauner.»

Diese Aussage kam zu Schillers Zeiten auch den Bündnern zu Ohren. Sie löste einen energischen diplomatischen Protest der Häupter des bündnerischen 3-Bünde-Staates (der damaligen Kantonsregierung) beim Landesherzog von Württemberg aus, der Heimat des Dichters. Der Herzog zwang Schiller, den Passus in den folgenden Ausgaben seines Dramas abzuändern. An die Stelle des Graubündnerlandes traten die böhmischen Wälder.

Bereits dieser Ersatz zeigt, dass Schiller nicht die Bündner als Gauner verunglimpfen wollte, wie er denn auch gegenüber seinem Landesherrn beteuerte. Der Ratschlag des Räuberhauptmanns Spiegelberg an den Räuber Razmann war nichts anderes als ein ehrlicher. Wenn dieser ein richtiger Räuber werden wolle, solle er sich dorthin begeben, wo sich viele Räuberbanden aufhielten, was zu Schillers Zeit in Graubünden bekanntermassen der Fall war, wie in den böhmischen Wäldern, die so auch als Ersatz dienen konnten.

Sicher ist, dass der Dichter nicht die Graubündner als Gauner betrachtete, wie damals angenommen wurde und auch heute noch – trotz vieler auch bereits früher Aufklärungsversuche – weiter angenommen wird.

Schillers Kritik war berechtigt

Die streitbare Aussage enthielt aber – gewollt oder ungewollt – eine Kritik an den obersten bündnerischen Instanzen. Nämlich jene, dass die Behörden nichts gegen das bei ihnen grassierende Bandenunwesen unternähmen. Und diese Kritik war berechtigt: Noch Ende des 18. Jahrhunderts kannte Graubünden weder eine kantonale Polizei noch ein kantonales Strafgericht, das dieser Plage hätte Herr werden können.

Der Kanton schaute weg und überliess das Problem den Gerichtsgemeinden, die gefasste Missetäter nur an die Nachbargemeinde weiterschoben, bis sie dann bestenfalls über die Tardisbrücke ausser Landes geschafft waren.

Diese Kritik in Schillers Zitat wurde übergangen, indem man sich in einer Protestnote beleidigt dagegen wehrte, als Gauner bezeichnet zu werden. Erst spät kam es dann aber doch zur Einrichtung eines ersten kantonalen Gerichts, das für Vaganten zuständig war.

Gegen das entstandene Image der Bündner als «Gauner» kann nur erfolgreich angetreten werden.

Angesichts des aktuellen Baukartellskandals in Graubünden verbietet sich heute – wenn sich viele an den berüchtigten Ausspruch im Theaterstück Schillers erinnern – wie damals ein Wegschauen und auch eine simple, empörte Abwehrhaltung der verantwortlichen Instanzen gegenüber den laut gewordenen Vorwürfen. Es muss nun rasch aufgezeigt werden, dass die berechtigte Kritik daran, dass niemand bei den wettbewerbsgesetzwidrigen Preisabsprachen bündnerischer Baumeister hinschauen wollte, ernst genommen wird.

Gegen das entstandene Image der Bündner als «Gauner» kann nur erfolgreich angetreten werden, wenn gezeigt wird, dass dort, wo «Räuber» ihr Unwesen treiben, die erkannten Probleme schonungslos angegangen werden.

Soll das wirklich gelingen, erscheint ein zusätzlicher Aspekt ebenfalls wichtig. Da kommt die Bibel ins Spiel – und zwar dort, wo sie von einem unter die Räuber gefallenen, arg Verletzten am Strassenrand berichtet. Auch seiner hat sich nicht nur ein vorbeigekommener guter Samariter anzunehmen.

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