Grosses Geschenk, schlechtes Geschäft

Der neue Gotthardtunnel ist ein Schweizer Monument. Für Europa ist er allerdings weit weniger bedeutend.

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Endlich ist es vollbracht. «Freude herrscht», 24 Jahre nach der denkwürdigen Volksabstimmung zur Neat. Nach vielen politischen Wehen und einem Beinaheabsturz Mitte der 90er-Jahre wird der Gotthard-Basistunnel, der heute eröffnet wird, als Vermächtnis der Bundesräte Adolf Ogi und Moritz Leuenberger in die Schweizer ­Geschichte eingehen.

Das war die Gottharderöffnung. Video: Lea Koch, Stefanie Hasler, Jan Derrer

Wie die künftigen Generationen das Werk beurteilen werden, wird sich zeigen. Geplant war es als Spitzenleistung Schweizer Ingenieurskunst für ein Projekt europäischer Dimension. Die Spitzenleistung der Ingenieure ist vollbracht. Seit der Bau endgültig beschlossen wurde und sich alle darauf geeinigt haben, was man denn nun wirklich realisieren will – das hat bis Ende des letzten Jahrhunderts Zeit gebraucht –, gab es keine ernsthaften Pannen mehr. Die Bauleute haben ihre Aufgabe sehr gut erfüllt.

Bleibt die Frage, ob es wirklich ein Projekt europäischen Ausmasses ist. Da sind Zweifel angebracht. Der erste Gotthard-Eisenbahntunnel aus dem 19. Jahrhundert war es bestimmt. Das zeigte sich schon an der Finanzierung. Vier Fünftel der Kosten hatten Deutschland und Italien übernommen. Für beide Länder blieb der Tunnel während Jahrzehnten von enormer Bedeutung. Das war nicht immer unproblematisch. Während des Zweiten Weltkriegs schlug Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler gar vor, man solle den Tunnel sprengen, denn er unterstütze die Achsenmächte über Gebühr.

Expansion nach Osten

Doch dann kam 1980 der Autotunnel und 1989 der Mauerfall, gefolgt von der deutschen Wiedervereinigung. Deren Bedeutung für die Handelsströme in Europa erfasste im September 1992 noch niemand richtig.

Seither hat die EU und mit ihr Exportweltmeister Deutschland nach Osten expandiert. Die meisten ehemaligen Ostblockstaaten sind der EU beigetreten. Damit einher ging nicht nur eine politisch oft schwierige Zusammenarbeit in Brüssel, sondern vor allem auch eine wirtschaftlich immer engere Verflechtung von Deutschland mit den ehemals handelspolitisch unwichtigen Nachbarn im Osten. So hat sich der Wert der deutschen Exporte nach Polen, im Kalten Krieg vergleichsweise unbedeutend, seit dem Jahr 2000 mehr als verdreifacht, während die deutschen Exporte nach Italien in den letzten Jahren gar zurückgingen. Heute sind die Handelsströme fast gleichwertig, und wenn man Ungarn, Tschechien und Russland dazunimmt, zeigt sich eine enorme Verschiebung der Gewichte. Fazit: War die Achse Deutschland–Italien noch vor 20 Jahren von zentraler Bedeutung, ist sie heute aus deutscher Sicht und nüchtern betrachtet ein wichtiger Nebenast.

Subventionen für die Nachbarn

Was das heisst, zeigt die offensichtliche Unlust der vermeintlichen Hauptprofiteure des Basistunnels im Norden und im Süden der Schweiz, sich an den Kosten des Jahrhundertbauwerks zu beteiligen. Ja, nicht einmal die Anschlüsse wollen sie rechtzeitig erstellen. Italien lässt sich die Zufahrtslinien direkt subventionieren, Deutschland kommt mit jahrelanger Verspätung. Beide erhalten künftig Subventionen über ein stark vergünstigtes Transportangebot durch die Schweiz. Das, was uns Adolf Ogi einst als grosses Geschäft angepriesen hat, wird aus Sicht der Schweiz eine teure Subventionsmaschine. Erst hat sie den SBB den Tunnel geschenkt, künftig wird sie die Beiträge an unsere Staatsbahnen erhöhen müssen, um den Betrieb zu finanzieren.

Aber lassen wir uns heute die Freude nicht verderben, feiern wir die Eröffnung des Jahrhundertwerks und hoffen, dass die Flachbahn wenigstens den innerschweizerischen Zusammenhalt fördert und dem Tourismus im Tessin ebenso Auftrieb verleiht, wie dies der Lötschbergtunnel im Wallis tat. Angesichts dessen, dass der neue Tunnel vor allem der Schweiz von Nutzen sein wird, lässt es sich auch verschmerzen, dass es die EU-Spitze nicht für nötig befand, in die Schweiz zu kommen und mitzufeiern.

Erstellt: 01.06.2016, 00:29 Uhr

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