Der Protest wirkt

Wer legt bei den Wahlen im Herbst zu? Die Resultate der neusten Tamedia-Umfrage.

Die Klimajugend hat die Politik und die Bevölkerung aufgerüttelt. Foto: Samuel Golay, Keystone

Die Klimajugend hat die Politik und die Bevölkerung aufgerüttelt. Foto: Samuel Golay, Keystone

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Die neuste Tamedia-Wahlumfrage zeigt, dass es am 20. Oktober tatsächlich zu einer Klimawahl kommen dürfte. Fünf Monate vor den eidgenössischen Wahlen steigen Grüne und Grünliberale in der Gunst der Wähler. Bedanken können sie sich bei den Schülerinnen und Schülern, welche die Sorge um das Klima in den letzten Monaten auf die Strasse getragen haben.

In besonderem Ausmass betrifft dies die Grünen. Lange konnten sie kaum neue Wähler von sich überzeugen. Dies belegt ein Blick auf die vier bisherigen Umfragen, die Tamedia seit dem Januar 2018 durchgeführt hat: So stagnierten die Grünen bis im vergangenen Herbst in der Wählergunst. Erst mit den Klima­demos änderte sich das.

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Würde heute gewählt, könnten die Grünen um beachtliche 2,8 Prozent zulegen und fast die 10-Prozent-Marke knacken. Die neue Liebe der Schweizerinnen und Schweizer für Umweltanliegen hat sich auch eindrücklich bei den letzten Wahlen in den Kantonen manifestiert: Die Grünen zogen Ende März mit Martin Neukom überraschend in die Zürcher Regierung, im Kantonsparlament gewannen sie 9 Sitze dazu. Wenige Tage später überrollte die grüne Welle auch Luzern (+7 Sitze) und Baselland (+6 Sitze).

Rytz betont Vorreiterrolle

Es sei ein gesellschaftlicher Umbruch im Gange, ist Regula Rytz, Präsidentin der Grünen, überzeugt. Die Klimajugend stelle alte Gewohnheiten auf den Kopf. «Zudem übernehmen Städte wie Zürich und Bern mit konkreten Umsetzungsvorschlägen eine Vorreiterrolle.» Das werde von den Wählerinnen und Wählern geschätzt, wie sich jetzt zeige. Sie geht davon aus, dass die neue Sensibilität für ökologische Anliegen auch nicht durch kurzfristige aktuelle Ereignisse getrübt werden könnte: «Die Situation bleibt ernst und der Handlungsdruck gross.»

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Zwar profitieren auch die Grünliberalen von den Streiks und Demos im Namen eines besseren Klimas. Aber bereits in der ersten Befragung vor anderthalb Jahren konnten sie mit plus 1,5 Prozentpunkten gegenüber den Wahlen 2015 klar zulegen. «Wir sind thematisch breiter aufgestellt als die Grünen und stehen beispielsweise an vorderster Front für ein Rahmenabkommen mit der EU ein», sagt GLP-Präsident Jürg Grossen.

In den Schlagzeilen wegen ihrer Klimapolitik und ihrer Suche nach einer neuen Strategie war indes eine andere Partei, die FDP. «Der ökopolitische Kantengang der FDP» (NZZ), «FDP macht Klimapolitik light» («Blick») oder «Die Hoffnung ist blassgrün» (Tamedia) lauteten die jüngsten, wenig schmeichelhaften Schlagzeilen. Seitdem die FDP die interne Diskussion losgetreten hat, sinken auch ihre Umfragewerte. Der neuste Tiefpunkt: ein prognostizierter Wählerverlust von 0,9 Prozent.

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Abgerechnet, sagt FDP-Fraktionspräsident Beat Walti, werde am 20. Oktober: «Wir versuchen in der Klimapolitik wie auch in anderen Bereichen eine glaubwürdige Linie zu fahren und uns nicht von überhitzten Diskussionen leiten zu lassen.» Zudem betont Walti, dass es zentral sei, wie eine Partei dann im Schlussspurt auch wirklich mobilisieren könne. An ihrem Wahlziel wolle die FDP indes nicht rütteln. Und dieses hat Parteipräsidentin Petra Gössi Anfang Februar formuliert: Sie will die SP überholen. Aktuell sind die Freisinnigen mit 16,4 Prozent die drittgrösste Partei hinter der SP (18,8 Prozent) und der SVP (29,4 Prozent). «Es braucht den Einsatz von uns allen», sagte sie. Die FDP setze auf einen datenbasierten Tür-zu-Tür Wahlkampf.

Leichter Linksrutsch

Aufwärts geht es laut der jüngsten Umfrage bei der CVP. Während sie bei der ersten Welle mit einem Minus von 2,5 Prozent auf 9,1 Prozent Wähleranteil absackte, beträgt der Verlust jetzt noch 1,3 Prozent.

Umgekehrt verhält es sich bei der SVP: Sie gehörte im Januar 2018 mit einem Zuwachs von 1,4 Prozent noch zu den Gewinnern. Seitdem verliert sie kon­stant und müsste heute einen Wählerverlust von einem halben Prozentpunkt hinnehmen, wäre aber mit einem Wähleranteil von 28,9 Prozent immer noch mit Abstand die stärkste Partei. Laut der jüngsten Befragung käme es zu einem leichten Linksrutsch.

Erstellt: 29.05.2019, 06:39 Uhr

Gesundheitskosten machen Schweizern am meisten Sorgen

Der Klimawandel nähert sich den Top 3 des Sorgenrankings.

Zu nass, zu kalt, zu heiss, zu trocken. Klimawandel, Klimastreik, Klimanotstand. Das Thema Klima dominiert seit Monaten die Schlagzeilen. Und doch machen sich viele Schweizerinnen und Schweizer in erster Linie über zwei andere Themen Sorgen: die Gesundheitskosten und die Altersvorsorge.

Die beiden Bereiche führen das Sorgenranking seit der ersten Tamedia-Umfrage vom ­Januar 2018 konstant an. Bei der aktuellen, fünften Befragung im Vorfeld der eidgenössischen Wahlen sehen 67 Prozent der fast 20'000 Teilnehmenden die drängendsten Probleme bei den Gesundheitskosten und 61 Prozent beim Thema Altersvorsorge.

An dritter Stelle mit 48 Prozent steht das Verhältnis zur EU. Und mit einem Prozent weniger folgen die Themen Klimawandel und Umweltzerstörung auf dem 4. Platz. Wobei dieses eine Prozent Unterschied noch im Fehlerbereich liegt. Seit der ersten Umfrage ist bei den Teilnehmern die Sorge um das Klima stetig gewachsen. Anfang 2018 erreichte das Thema erst einen Wert von 37 Prozent.

Schwierig aufzugreifen

Dass die Debatte um den Klimawandel die breite Bevölkerung bei weitem noch nicht so stark bewegt, wie das bei den Gesundheitskosten und der Altersvorsorge der Fall ist, kommt für den Politikwissenschaftler Fabio Wasserfallen nicht überraschend: «Die Themen Gesundheit und Altersvorsorge sind über das gesamte politische Spektrum vorne mit dabei.» Abstimmungen wie die jüngste über die Steuerreform und AHV-Finanzierung würden die Diskussionen über die Thematik weiter befeuern.

Zwar haben die beiden Themen in der breiten Bevölkerung einen hohen Stellenwert – für die Parteien seien sie aber schwierig aufzugreifen, sagt Wasserfallen. Diese Themen würden nicht direkt mit einer Partei in Verbindung gebracht. Im Gegensatz etwa zur Migration mit der SVP oder dem Klima mit den grünen Parteien. Gerade diese beiden Bereiche liessen sich politisch milieuspezifisch verordnen. Tatsächlich erachten 85 Prozent der Grünen-Wähler den Klimawandel und die Umweltzerstörung als das aktuell drängendste Problem. Bei der GLP sind es noch 76 und bei der SP 71 Prozent.

Bei den SVP-Anhängern schafft es das Thema dagegen nicht einmal in die Top 5: Lediglich 22 Prozent gibt der Klimawandel zu denken. 4 von 5 SVP-Wählern machen sich heute ­deswegen also keine Sorgen.

Sie beschäftigen weiterhin am meisten die Migration und das Asylwesen.

Béatrice Beyeler

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