Ökoabgabe auf Flugtickets: Nur einer von 100 Passagieren bezahlt

In Umfragen erhält die Abgabe 70 Prozent Zustimmung, in der Praxis sieht es aber anders aus. Nun fordern die Grünen obligatorische Abgaben.

Fliegen ist die klimaschädlichste Art, sich fortzubewegen. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Fliegen ist die klimaschädlichste Art, sich fortzubewegen. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

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Der Anstieg ist frappant. Im letzten Jahr haben Flugreisende via Myclimate freiwillig Flugemissionen im Umfang von 32'000 Tonnen kompensiert, wie die Stiftung mit Sitz in Zürich bestätigt. Im Vergleich zu 2017 ist das ein Plus von 13'000 Tonnen respektive 68 Prozent, gegenüber 2014 mehr als eine Verdreifachung. Den Zuwachs erklärt Myclimate mit dem Hitzesommer 2018, dem 1,5-Grad-Bericht des Weltklimarats IPPC vom letzten Herbst sowie der CO2-Debatte im Nationalrat in der Wintersession. «Der öffentliche Fokus hat vor allem im zweiten Halbjahr stark auf den Klimathemen gelegen», sagt Kai Landwehr, Sprecher von Myclimate. Eine Rolle spiele auch, dass mittlerweile mehr Leute über die Kompensation Bescheid wüssten.

Nur jeder hundertste Flug

So gut das Ergebnis ist: Selbst so wird nur etwa jeder hundertste Flug aus der Schweiz über Myclimate CO2-kompensiert, wie Landwehr sagt. Zwar gibt es noch andere Anbieter, doch sind diese in der Schweiz im Vergleich zu Myclimate kleiner. An der Tendenz ändert sich daher nichts: In der grossen Mehrheit wollen Flugpassagiere ihre Reise des Klimaschutzes wegen nicht verteuern. Zur Einordnung: Ein Flug Zürich–London retour in der Economy Class kostet bei optimaler Suche und Vorlaufzeit schnell einmal bloss 40 Franken. Entscheidet sich der Reisende dafür, seine Flugemissionen mindestens zur Hälfte mit einem Klimaschutzprojekt in der Schweiz zu kompensieren, zahlt er für diese Strecke 35 Franken zusätzlich; bei einer reinen Auslandkompensation sind es 11 Franken mehr.

Die geringe Zahlungsbereitschaft kontrastiert mit dem Ergebnis einer repräsentativen Tamedia-Umfrage, über welche die «SonntagsZeitung» Ende Dezember berichtet hat. Demnach befürworten 70 Prozent der Bevölkerung eine Flugticketabgabe, die je nach Länge des Flugs zwischen 12 und 50 Franken kosten würde. Zu einem ähnlichen Ergebnis ist eine repräsentative Umfrage des Forschungsinstituts GFS Zürich gekommen.

Als Reaktion auf die Tamedia-Umfrage sagte damals SVP-Nationalrat Christian Imark, es überrasche ihn nicht, dass eine Flugticketabgabe vielen auf den ersten Blick adäquat erscheine. Mit den neuen Zahlen von Myclimate konfrontiert, sieht er sich bestätigt: «Umfrageergebnisse sind nicht mit einer Volksabstimmung zu verwechseln.» Das Resultat eines Urnengangs widerspiegle eine mehrwöchige kontroverse Auseinandersetzung zu einem Thema. Imark verweist auf die Fair-Food-Initiative, die wenige Wochen vor der Abstimmung gemäss Umfragen eine Zustimmung von fast 80 Prozent genoss, danach aber deutlich scheiterte.

Grüne mit einer Initiative

Dass die Bevölkerung in einem Urnengang eine Flugticketabgabe ablehnen würde, ist damit nicht gesagt. Möglicherweise kommt es in den nächsten Jahren zum Praxistest. Sollte das Parlament die Ticketabgabe nicht ins neue CO2-Gesetz aufnehmen, wollen ihr die Grünen mit einer Volksinitiative zum Durchbruch verhelfen. Am Samstag haben die Delegierten der Partei einen entsprechenden Antrag gutheissen. Die Geschäftsleitung der Partei wird nun einen Verfassungstext ausarbeiten und andere Organisationen kontaktieren, um gemeinsam die Lancierung einer Volksinitiative vorzubereiten.

Noch ist nicht entschieden, wie diese Abgabe ausgestaltet wäre: als Lenkungsabgabe, die wie die CO2-Abgabe auf Brennstoff an Bevölkerung und Wirtschaft (mehrheitlich) rückverteilt wird? Im Vordergrund steht bei den Grünen eine andere Variante: das Geld aus der Abgabe direkt für Klimaschutzprojekte einzusetzen – wie bei Myclimate. «Das würde die Akzeptanz für die Abgabe erhöhen», zeigt sich Nationalrat Bastien Girod (Grüne) überzeugt. Er räumt ein, dass eine solche Abgabe die Zahl der Flüge «nur wenig» senken würde. «Doch immerhin wäre so gewährleistet, dass die CO2-Emissionen kompensiert würden.»

Preisgestaltung ist noch zu erarbeiten

Doch wäre die Akzeptanz für eine solche Abgabe im Volk genug hoch? Die aktuell geringe Zahlungsbereitschaft spricht nicht dafür, zumal die Kompensationskosten bei Überseeflügen deutlich höher sind als bei Europaflügen. Ein Hin- und Rückflug nach New York in der Economy Class verteuert sich je nach Wahl des CO2-Kompensationsprojekts bei Myclimate um bis zu 209 Franken, im Falle von Manila und Buenos Aires sind es bis zu 359 respektive 393 Franken. Zu teuer für das Gros der Bevölkerung? Girod sagt dazu, die genaue Preisgestaltung und die Anforderungen an die Kompensation müsse das Initiativkomitee erst noch festlegen. Präsidentin Regula Rytz ergänzt: «Viele Leute sagen mir, sie würden schon kompensieren, aber nur, wenn es alle anderen auch machten. Sie alleine könnten ja ohnehin nichts bewirken, es müsse eine faire Regel für alle geben.»


Kompensation wird vereinfacht

Die Lufthansa und ihr Tochterunternehmen Swiss arbeiten seit 2007 mit der Non-Profit-Organisation Myclimate als Partner für freiwillige Klimaspenden zusammen. Passagiere, die online eine Flugreise gekauft haben, werden nach Abschluss der Buchung gefragt, ob sie CO2-Emissionen, die sie verursachen, berechnen und kompensieren wollen. Falls der Kunde dies möchte, wird er auf eine neue Seite weitergeleitet. Entscheidet er sich für die Klimaschutzzahlung, muss er einen weiteren Zahlungsvorgang auslösen. Dieser Mehraufwand ist nach Einschätzung von Myclimate ein wichtiger Grund, dass die grosse Mehrheit der Fluggäste nach wie vor auf eine Kompensation ihrer Flugemissionen verzichtet. «Eine vollständige Integration in den Buchungsprozess würde dies ändern», zeigt sich Myclimate-Sprecher Kai Landwehr überzeugt und spricht von einem «riesigen Schritt» hin zu mehr Klimaschutz.

Ob diese Einschätzung zutrifft, wird sich demnächst zeigen: Wie die Swiss bestätigt, werden Kunden der Lufthansa-Gruppe, zu der auch die Swiss gehört, die Myclimate-Kompensation künftig wie andere Angebote zum Flug hinzubuchen und in einem einzigen Schritt abrechnen können. Die Lufthansa-Gruppe will die Neuerung in den nächsten Monaten einführen. Bei allen anderen Fluggesellschaften müssen die Passagiere, die ihre Emissionen kompensieren wollen, weiterhin den Umweg über die Website von Myclimate nehmen. (sth)

Erstellt: 14.01.2019, 09:08 Uhr

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