Die Genfer Rohstoffhändler und ein heimlich gefilmtes Treffen

Kredite und Russland-Kontakte gegen Rohöl: Wie sich die Firma Gunvor Zugang zu kongolesischen Rohstoffen verschaffte.

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Der Rohstoffhandel ist eine verschwiegene Branche. Ihre Geschäftspraktiken halten Handelshäuser unter Verschluss. Mit gutem Grund. Wollen Händler an hochwertige Rohstoffe kommen, müssen sie gewiefte Strategien entwickeln, zu Regierungen und Produzenten vordringen, sie umschwärmen und an sich binden. Ethische Grundsätze können da schon mal zur Seite geschoben, Gesetze strapaziert oder gar gebrochen werden.

Wie kommen Händler mit Produzenten ins Geschäft? Die französische Investigativjournalistin Agathe Duparc und Rohstoffexperten der NGO Public Eye haben während zwei Jahren an einem exemplarischen Fall recherchiert. Der heute publizierte Bericht betrifft den Rohstoffkonzern Gunvor und seine Ölgeschäfte in der Republik Kongo, die zwischen Genf, Brazzaville und Moskau spielen. Seit 2012 interessiert sich auch die Bundesanwaltschaft (BA) in Bern für den Fall. Die BA eröffnete gegen einen ehemaligen Gunvor-Mitarbeiter ein Strafverfahren wegen Verdachts auf Betrug, Veruntreuung und Geldwäscherei.

Tagesanzeiger.ch/Newsnet konfrontierte Gunvor gestern mit einzelnen Ergebnissen der Recherche. Der Konzern verzichtete zunächst auf eine Stellungnahme, informierte dann aber die Nachrichtenagentur Reuters, die BA habe das ursprüngliche Verfahren gegen den Mitarbeiter auf das gesamte Unternehmen ausgeweitet. Gemäss Gunvor, «um mögliche organisatorische Mängel zu untersuchen, die der ehemaligen Mitarbeiter ausnützte, um gesetzeswidrig ausländische Beamte zu bestechen». Der Konzern betont, vom Vorgehen des Angestellten, nichts gewusst zu haben. Das von der BA neu eröffnete Strafverfahren betrifft nebst dem Standort in Genf auch den Gunvor-Hauptsitz in Holland.

Abhängig von russischem Öl

Die Public Eye-Recherche ist brisant. Im Zentrum stehen die Gunvor-Gründer: der Schwede Torbjörn Törnqvist und der Russe Gennadi Timtschenko, die 2003 den Genfer Sitz eröffneten. Dank Gennadi Timtschenko verfügte Gunvor über beste Kontakte zur russischen Staatsspitze. Als Russlands Präsident Wladimir Putin 2006 den Ölgiganten Yukos zerschlug und Teile in die staatliche Gesellschaft Rosneft integrierte, wurde Gunvor zu Rosnefts Lieblingshändler. Gunvor handelte zeitweise mit einem Drittel des von Russland exportierten Rohöls. Eine gefährliche Sache. Gunvor war zwar dominant am Markt, aber abhängig vom Öl des Kremls. «Gunvor wollte darum seine kreditgebenden Banken überzeugen, dass sie kein russischer Händler sind», sagt Oliver Classen, Sprecher von Public Eye. Also entschied Gunvor, seine Geschäfte zu diversifizieren. Nur wie, wohin und zu welchem Preis?

Gunvor schaute sich in Afrika nach Rohöl um, warb den Konkurrenten Total und Addax Afrika-Experten ab und zahlte ihne Millionensaläre. Das «Afrika-Desk» von Gunvor sondierte den Markt und fokussierte schliesslich auf die Republik Kongo, die seit Jahrzehnten der heute 73-jährige Autokrat Denis Sassou-Nguesso führt. Dessen Sohn Denis Christel «Kiki» Sassou-Nguesso ist Vize-Generaldirektor der nationalen Erdölgesellschaft und Geschäftsführer der staatlichen Raffinerie. Das kongolesische Volk lebt in grösster Armut, die Hälfte der 4,6 Millionen Kongolesen von weniger als zwei Dollar pro Tag. Transparency International führte die Republik Kongo in ihrem letztjährigen Korruptionsindex an 159. Stelle – von 171 Staaten.

Türe nach Moskau geöffnet

Klar ist: Um an kongolesisches Öl zu kommen, muss man zur Präsidentenfamilie vordringen. Gunvors Vorgehen zeigt die NGO Public Eye in einem heute publizierten Bericht präzise auf. Gunvor schickte ihren von Addax abgeworbenen Business Developer Pascal C. vor. Dieser setzte 2010 wiederum zwei externe Vermittler als Türöffner ein, die aufgrund ihrer Kontakte in den Kongo dem Genfer Rohstoffhändler Öllieferungen beschaffen sollten. Die Männer weibelten bei Ministern, aber auch im Präsidentenpalast.

Als die Kontakte standen, machte die Gunvor-Spitze ein besonderes Angebot. Sie offerierte der kongolesischen Regierung einen direkten Zugang zur russischen Führung – sofern man ins Geschäft komme. Die Rede war von Abkommen zur wirtschaftlichen Kooperation mit Russland und davon, dass sich Moskau in UNO-Institutionen für den Kongo einsetzte. Mit diesem geopolitischen Ansatz wollte Gunvor die Konkurrenz ausstechen. Um ihn direkt in Brazzaville vorzutragen, setzten sich die Gunvor-Eigentümer Timtschenko und Törnqvist 2009 gemäss Public Eye ins Flugzeug und trafen Kongos Präsidenten Sassou-Nguesso. 2010 nahm Timtschenko Präsidentensohn Kiki in seinem Privatjet mit nach Moskau.

 Gunvor schlug vor, sie verschaffe Kredite, die der Kongo dann mit Öl begleichen soll.

Am 31. August 2011 unterschrieben die Regierungen Russlands und des Kongos ein Abkommen zur wirtschaftlichen Kooperation. Doch Gunvor ging noch weiter. Als solventes Handelshaus hatte sie keine Probleme, zu günstigen Bankkrediten zu kommen, die Republik Kongo wegen ihrer schwachen Wirtschaftsleistung und der grassierenden Korruption jedoch schon. Also schlug Gunvor vor, sie verschaffe Kredite, die der Kongo dann mit Öl begleichen soll. In der Rohstoffbranche sind sogenannte «Vorauszahlungen» ein gängiges Mittel, um in Märkte vorzudringen.

Das Angebot wirkte. Am 3. Juni 2010 schloss Gunvor mit Kongos Erdölgesellschaft einen ersten Liefervertrag ab. Gemäss Public Eye, die das Papier einsehen konnte, unterschrieb Präsidentensohn Kiki den Vertrag. Im Januar 2011 einigten sich die Parteien auf 19 zusätzliche Tankerladungen. Der Gesamtwert der Lieferungen: 2,2 Milliarden Dollar.

Bank und Vermittlerin

Einige Hundert Millionen Dollar für Vorauszahlungen beschaffte sich Gunvor bei der Bank BNP Paribas und schoss eigenes Vermögen ein. Gunvor wurde somit zum Finanzinstitut, ohne Bankenregulierungen unterworfen zu sein. Mit der Geldleihe bei BNP Parisbas macht Gunvor keine Gewinne. Sie lieh dem Kongo das Geld zum selben Zinssatz, wie ihn BNP Parisbas erhoben hatte. Millionengewinne machte sie mit Provisionen, im Händlerjargon «arrangement fees» genannt. Dazu kommt: In der Rohstoffbranche ist bekannt, dass die kongolesische Elite Ölkäufern grosszügige Rabatte gewährt, wobei sie ein Teil dieser Rabatte zurückverlangt und der Grossteil in die eigene Tasche fliesst. Rabatte betragen üblicherweise zwischen 30 und 40 US-Cents pro Barrel Öl, im Kongo sind es 80 US-Cents bis 1,5 Dollar. Auch davon profitierte Gunvor gemäss Public Eye.

Die NGO hat nachgerechnet: Allein 2011 soll Gunvor am Kongo-Deal als Handelsfirma knapp 17 Millionen Dollar und als Finanzinstitut 25 Millionen Dollar verdient haben. Damit nicht genug: Weitere 31 Millionen Dollar soll der Rohstoffkonzern für «Vermittlungsleistungen» eingestrichen haben. Gunvor lobbyierte bei den kongolesischen Behörden für Bauaufträge, bis diese an die brasilianische Firma Asperbras gingen. Mit dem Ölgeschäft hatte dies nichts zu tun. Asperbras baute Industriekomplexe, Spitäler und Bewässerungssysteme. 7,5 Prozent vom Volumen jedes Auftrags flossen nach Genf.

Gemäss Public Eye machte Gunvor 2011 allein im Kongo 73 Millionen Dollar Profit – ein Fünftel des Konzerngewinns in diesem Jahr. Im selben Jahr bekam die Republik von der Weltbank 88,9 Millionen Dollar Entwicklungshilfe.

Delikates Treffen in Paris

Am 20. Dezember 2011 erfuhr die Bundesanwaltschaft (BA) von dem Fall. Die Bank Clariden Leu hatte sich wegen verdächtigen Bewegungen auf diverse Konten an die Meldestelle für Geldwäscherei gewandt. Eines der betroffenen Konten gehörte Pascal C., Business Developer bei Gunvor. Weitere Konten lauteten auf Personen, die direkt oder indirekt mit Gunvor in Kontakt standen und Gesellschaften, die an Orten wie Belize, den Jungferninseln oder Malta registriert waren.

Die BA eröffnete wegen Verdachts auf Geldwäscherei zunächst ein Strafverfahren gegen unbekannt und schickte die Bundespolizei für eine Hausdurchsuchung an den Gunvor-Hauptsitz an der Genfer Rue du Rhône. Gunvor trennte sich von Pascal C. und verklagte diesen und einen Vermittler wegen Geldwäscherei, Betrug, Veruntreuung und Misswirtschaft. C. reagierte und reichte im März 2013 eine Gegenklage wegen falscher Anschuldigungen ein. Die BA sagt, sie führe derzeit mehrere Verfahren und habe diverse Staaten um Rechtshilfe ersucht. Die Ermittlungen betreffen nun auch Gunvor selbst.

Pikant ist: Die BA ist in Besitz eines 2014 in einem Pariser Restaurant mit versteckter Kamera gedrehten Videos, das Public Eye gesehen hat und verdeutlichen soll, welche Mittel Gunvor einsetzte, um an kongolesisches Rohöl zu kommen. Am Tisch sitzt ein Business Developer von Gunvor, ein Vermittler und ein Vertreter Kongos. Der Kongolese moniert, Geldzahlungen seien nicht angekommen.

Für Public Eye-Sprecher Classen ist klar: Das Video zeigt, wie eine Struktur aufgebaut werden sollte, um kongolesischen Offiziellen Schmiergelder zu zahlen. Gunvor warf dem Angestellten «unangemessenes, unabhängiges Handeln in Bezug zum Kongo vor», entliess ihn, meldete den Fall der BA an und ordnete eine interne Untersuchung an. Gegenüber der Zeitung «Financial Times» sagte Gunvor, der Mitarbeiter habe gegenüber der BA zugegeben, aus eigenem Antrieb gehandelt zu haben. Man habe im übrigen entscheidende Schritte eingeleitet, um eine «Weltklasse-Abteilung für Richtlinien» und eine «Richtlinien-Kultur» zu etablieren, die Besitzer Thorbjörn Thörnqvist überwache.

Kongo liefert kein Öl mehr

Gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet wollte Gunvor weder Detailfragen zum Public-Eye-Bericht beantworten noch Inhalte bestätigen. Gunvor-Sprecher Seth Thomas Pietras teilte mit: «Bei der Lektüre des Berichts wird klar, dass sogenannte ‹journalistische Quellen› diese Tribüne für ihre Eigeninteressen nutzen. Gunvor vertraut seinen Aussagen und gibt keinen weiteren Kommentar ab.»

Gennadi Timtschenko kümmert der Fall nicht mehr. Er trennte sich im März 2014 von einem 43,9 Prozent-Anteil an Gunvor, weil die US-Administration ihn als Folge der Ukraine-Krise als Putins-Freund auf ihre Sanktionsliste setzte. 2016 liess sich Thorbjörn Thornqvist eine Dividende von einer Milliarde Dollar auszahlen, wohl um seinen Geschäftspartner auszahlen zu können. Kongo hat seine Öllieferungen an Gunvor längst eingestellt. Public Eye geht davon aus, dass es wegen der Strafuntersuchung zum Lieferstopp kam. Sein Afrika-Desk hat Gunvor nach Dubai verlegt und damit aus dem Sichtfeld der Bundesanwaltschaft.

Erstellt: 12.09.2017, 07:58 Uhr

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