Muttenz

Gutachten unter Beschuss

Die Sterbehelferin Erika Preisig ist wegen vorsätzlicher Tötung angeklagt. Am ersten Prozesstag versuchte die Verteidigung, das belastende Gutachten zu zerpflücken.

Erika Preisig wird vorgeworfen, Sterbehilfe für eine urteilunfähige Person geleistet zu haben.

Erika Preisig wird vorgeworfen, Sterbehilfe für eine urteilunfähige Person geleistet zu haben. Bild: Henry Muchenberger

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Als die Baselbieter Staatsanwaltschaft am 15. Juni 2016 im Sterbezimmer von Lifecircle in Liestal wie immer nach einer Freitodbegleitung auftauchte, lag ein entscheidendes Dokument nicht vor: ein psychiatrisches Fachgutachten, das diesen Namen verdient. Da war lediglich ein kurzer Bericht eines Arztes aus dem Nachbardorf, mit dem Erika Preisig zusammenarbeitet. Darin hatte der Kollege die 67-jährige Patientin als «urteilsfähig» bezeichnet. Das war der Auftakt einer Strafuntersuchung gegen Preisig, die gestern am Strafgericht in Muttenz verhandelt wurde.

Diesen Arztbericht disqualifizierte die Gutachter-Koryphäe Marc Graf, Direktor der Forensischen Klinik Basel, am gestrigen Prozessauftakt als «ergebnisorientiert»: «Ich will dem Arzt nicht zu nahe treten, aber der Bericht ist schon rein formell völlig ungenügend», sagte er. Eine Urteilsfähigkeit der psychisch erkrankten Frau ist die Voraussetzung für eine Freitodbegleitung. Diese sei aber nicht gegeben gewesen.

Zentrales Gutachten

Grafs Akten-Gutachten spricht in diesem Strafprozess gegen Erika Preisig, es ist der zentrale Baustein der Anklage. Und es geht um nichts weniger als die Existenz der Ärztin: Versuchte Tötung wirft ihr die Baselbieter Staatsanwaltschaft aufgrund von Grafs Ergebnissen vor.

Preisig habe «zwecks Realisierung ihrer persönlichen Absichten die Sterbebegleitung an Menschen mit rein psychischen Erkrankungen ohne die erforderliche psychiatrische Urteilsfähigkeitsabklärung durchgeführt», heisst es in der Anklageschrift.

Somatische Störungen

Nach Studium all der ihm vorliegender Krankenakten und Einvernahmen ist Graf zum Schluss gekommen, dass die sterbewillige Frau, die bei Erika Preisig anklopfte, um endgültig «von ihren Schmerzen erlöst zu werden», keine Erkenntnis über ihren Krankheitszustand haben konnte. Sie beklagte zwar Schmerzen, für die es aber meist keinen Befund gab. Mit der Diagnose «somatische Störungen», also Störungen ohne körperliche Ursachen, wollte sich die Patientin nie abfinden. Sie beklagte etwa «Brennen bis unter die Scheitel, weil ihrer saurer Magen aufstosse». Tatsächlich aber konnte kein Säureaufstoss festgestellt werden. Und bald verweigerte sie die dazu verordnete Medikamente.

Wer keine Erkenntnisse über den Krankheitszustand gewinnen kann, ist in der Folge nicht urteilsfähig in Bezug auf seinen Todeswunsch, geht sinngemäss aus dem Gutachten hervor. Und genau dies hätte Preisig abklären sollen, bevor sie die Sterbehelferin die Infusion setzte.

Hier setzte Gerichtspräsident Christoph Spindler ein: «In keinem Aktenstück ist zu erkennen, dass sie die psychiatrischen Diagnosen überprüft haben. Oder sie relativieren diese, ohne dass sie das kontrolliert haben», forderte er Preisig zur Stellungnahme heraus. Ihre Patientin habe viele körperliche Beschwerden gezeigt, wehrte sich Preisig. Die Schmerzen seien nicht einfach psychischer Natur gewesen.

Dass die Freitodbegleiterin bewusst auf ein erforderliches Fachgutachten verzichtet hat, geht aus einem Schreiben hervor, das ihr vor Gericht vorgehalten wurde. Sie schrieb: «Ich selber bedaure es, dass ich keinen Psychiater und keinen Neurologen finde, der unsere Mitglieder in Hinsicht der Urteilsfähigkeit bei Todeswunsch beurteilt. Ich bin aber nicht bereit, unseren Mitgliedern und Frau X die Freitodbegleitung nicht zu ermöglichen, weil Psychiater und Neurologen aus ethischen Gründen die Urteilsfähigkeit (...) nicht beurteilen wollen.»

Emotionale Momente

Unter Tränen brachte sie vor, dass indessen fünf Sterbewillige den harten Suizid gewählt haben und sie dies nicht durch eine menschenwürdige Freitodbegleitung habe verhindern können. Alternativ-Lösungen zum Suizid legte die fast missionarisch auftretende Preisig nicht vor.

Die Strategie der Verteidigung: Sie wollte das entscheidende Gutachten von Marc Graf möglichst lückenhaft erscheinen lassen: Warum ist dieser und jener Bericht nicht in ihr Gutachten eingeflossen? Warum haben Sie die Bezugspersonen der Sterbewilligen nicht befragt? Während Stunden hatte sich der forensische Psychiater am ersten Prozesstag zu erklären und musste an machen Stellen «Unschärfen» und «fehlender Detaillierungsgrad» eingestehen.

Urteil am Dienstag

Im Kern aber vermochten die Eingeständnisse das Bild, das sich Graf machte, nicht erschüttern: «Die Frau hat ihre Schmerzen wohl tatsächlich empfunden, aber kein Erklärungsmodell akzeptieren wollen, das nicht ihrem Bild entspricht. Die Frau hatte keine Erkenntnis über ihr Krankheitsbild», bestand Graf.

Die Plädoyers sind auf heute angesetzt. Das Urteil wird die Fünferkammer nächsten Dienstag sprechen.

Erstellt: 03.07.2019, 21:04 Uhr

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