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Gymnasien fürchten sich vor einer Rangliste

Welche Gymnasien bereiten ihre Schüler gut aufs Studium vor? Aufklärung liefern Daten zum Studienerfolg der Abgänger. Erst zehn Kantone haben sie bislang veröffentlicht.

Bestimmt die Wahl des Gymnasiums schon über den künftigen Studienerfolg? Schüler an der Kanti Rämibühl in Zürich. Foto: Raisa Durandi

Bestimmt die Wahl des Gymnasiums schon über den künftigen Studienerfolg? Schüler an der Kanti Rämibühl in Zürich. Foto: Raisa Durandi Bild: Keystone

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In vielen Kantonen läuft in diesen Tagen die Anmeldefrist fürs Gymnasium ab. Die künftigen Gymnasiastinnen und Gymnasiasten müssen sich entscheiden, welche Mittelschule sie besuchen wollen. Gewählt wird nach Erreichbarkeit, Fächerangebot, Schulklima oder -grösse. Auch die Qualität ist ein Thema. Die Vermutung: Nicht alle Schulen bereiten ihre Maturanden gleich gut auf ein Studium vor.

Einen konkreten Hinweis liefert die Studienerfolgsquote. Mit ihr misst der Bund, wie viele Absolventen eines Gymnasiums später ein Hochschulstudium abschliessen. Das Bundesamt für Statistik (BFS) erfasst auch, wie viele Maturanden einer Schule ein Studium abbrechen oder das Fach wechseln.

Luzern hat diese Zahlen im Jahr 2018 erstmals veröffentlicht, letztes Jahr ist Zug nachgezogen.

Die Luzerner Auswertungen zeigen frappente Unterschiede zwischen den Kantonsschulen beim Bachelor-Studium, mit Quoten zwischen 75 (Kantonsschule Reussbühl) und 86 Prozent (Kanti Willisau). Das heisst, dass drei Viertel aller Absolventen des Gymis Reussbühl, die zwischen 2009 und 2011 ein Studium aufgenommen hatten, nach spätestens fünf Jahren einen Bachelor-Abschluss hatten; bei der ländlichen Kantonsschule Willisau waren es 86 Prozent.

Unter 70 Prozent ist der Wert der Privatschule St. Klemens, während die Maturitätsschule für Erwachsene noch deutlicher zurückliegt: Nicht einmal jeder zweite Maturand der MSE macht einen Bachelor. Das lasse sich damit erklären, dass die Abgänger in der Regel älter seien und schon einen Beruf hätten, und deshalb ein Studium eher abgebrochen werden könne, sagt Aldo Magno, Leiter der Luzerner Dienststelle für Gymnasialbildung.

Ein ähnliches Bild in Zug: Die beiden kantonalen Gymnasien weisen mit 83 respektive 86 Prozent eine gute Quote aus und sind relativ ausgeglichen. Das private Institut Montana in Zugerberg liegt deutlich zurück.

Haben Privatschulen ein Qualitätsproblem?

Der Befund wirft die Frage auf, ob Privatschulen ein Qualitätsproblem haben. Ralph Späni, Rektor des Instituts Montana, sieht den Grund darin, dass rund ein Drittel seiner internationalen Schülerschaft im Ausland studiert und somit in der Statistik nicht erfasst sei. «Zudem haben kostenpflichtige Privatschulen häufig Absolventen, die an den staatlichen Schulen nicht zugelassen wurden oder das Gymnasium abgebrochen hatten.» Mit anderen Worten sei es nicht klar, ob diese Maturanden mit einem Abschluss an einer kantonalen Schule (wenn sie diesen Abschluss geschafft hätten), dann im Studium erfolgreicher gewesen wären.

In Zug und Luzern ist die Diskussion solcher Fragen möglich, weil die Studienverläufe der Schulabgänger transparent sind. Auch die Hochschulabschlussquoten des Kollegiums St. Fidelis in Nidwalden, des Gymnasiums in Appenzell, des Kollegi Altdorf und der Kantonsschulen in Trogen, Glarus und Schaffhausen können diskutiert werden: Weil das BFS die Studienerfolgs- und Studienabbruchquoten der Kantone veröffentlicht, entspricht bei Kantonen mit nur einer Mittelschule der Wert präzis der Quote dieser Schule.

Widerstand gegen eine zentrale Publikation

Insgesamt sind so derzeit die Daten von fast 20 Gymnasien in acht Kantonen offengelegt. Die der restlichen Schulen hält der Bund unter Verschluss. Das gefällt nicht allen: Andrea Gmür, heute Luzerner Ständerätin (CVP), hatte noch als Nationalrätin deren Publikation verlangt, die Motion wurde im letzten Juni aber von der kleinen Kammer abgelehnt.

Das Argument der Bildungskommission und des Bundesrates: Wenn die Zahlen zentral publiziert würden, käme es zu einer Rangliste der Gymnasien, die nichts aussagte, weil nicht Vergleichbares miteinander verglichen würde. Zudem sagten Erfolgs- und Studienabbruchzahlen allein nichts aus über die Qualität eines Bildungsinstituts. Zusätzlich spielten Faktoren wie Herkunft oder die Wahl des Studienfachs mit. Deshalb bleibt es den Kantonen überlassen, ob sie die Rohdaten anfordern und publizieren wollen.

Auch der Zuger Amtsleiter für Mittelschulen und Pädagogische Hochschule Michael Truniger und Aldo Magno, Leiter der Luzerner Dienststelle für Gymnasialbildung, sind sich dieser Problematik bewusst: «Es wäre ein eklatanter Fehlschluss, einen kausalen Zusammenhang zwischen der Qualität einer Schule und den Studienverläufen herstellen zu wollen», sagt Magno. Beide haben in der Kommunikation deshalb speziell darauf hingewiesen, dass etwa das Einzugsgebiet, also der sozioökonomische Hintergrund der Familien, einer Schule ebenso einen Einfluss auf den Studienverlauf haben könne. Magno: «Entsprechend sollte sich die Frage des Wettbewerbs unter den Schulen kaum stellen.»

Angst vor einem Ranking unbegründet

Tatsächlich hat sich gezeigt, dass die verbreitete Angst vor einer Rangliste unbegründet ist. In beiden Kantonen habe die Veröffentlichung der Quoten kaum Reaktionen ausgelöst. Truniger: «Der Bericht ist in Fachgremien auf Interesse gestossen, darüber hinaus habe er aber nicht zu verstärkten Rückfragen geführt». Es ist auch nicht zu einem verschärften Wettbewerb zwischen den Schulen gekommen, noch habe man eine Veränderung der Anmeldezahlen bemerkt. Das bestätigt eine stichprobenartige Umfrage unter den Gymnasien.

Zug wie Luzern geben an, die Daten fürs interne Monitoring und die Qualitätssicherung angefordert, aufbereitet und mit den Rektoren diskutiert zu haben: «Wir finden die Daten auch «publikationswürdig», weil die öffentliche Hand brutto 130 Millionen Franken jährlich in die Luzerner Mittelschulen investiert. Entsprechend ist es von öffentlichem Interesse, zu wissen, ob die Zielsetzungen des Gymnasiums erreicht werden», sagt der Luzerner Magno. Zudem helfe Transparenz, Spekulationen und Gerüchten vorzubeugen.

So sehen es lange nicht alle Kantone. Die Hälfte interessiert sich schlicht nicht für die Quoten. Eine Nachfrage beim BFS hat ergeben, dass lediglich 13 Kantone die Rohdaten überhaupt bestellt haben: Aargau, Appenzell Ausserrhoden, Basel-Landschaft, Basel-Stadt, Freiburg, Graubünden, Luzern, Nidwalden, Obwalden, Solothurn, Thurgau, Zug und Zürich. Das Tessin gibt an, die Daten verlangt, aber noch nicht erhalten zu haben.

Economiesuisse kritisiert Kantone

Andere haben die Analyse der Rohdaten noch nicht abgeschlossen. Kleinere Kantone wie Schwyz, Appenzell Ausserrhoden oder Glarus sind überfordert mit der Aufbereitung mangels statistischer Ressourcen. Lediglich der Aargau, wo ein Postulat es verlangt, und Zürich haben eine Publikation ins Auge gefasst, halten sich bezüglich eines Termins aber bedeckt. Die meisten Kantone aber denken nicht daran, zu publizieren, und argumentieren wie der Bund.

Kein Verständnis für dieses Desinteresse der Stände hat Rudolf Minsch, der Chefökonom des Wirtschaftsdachverbands Economiesuisse. Diese Informationen gäben wertvolle Rückschlüsse auf die Qualität der Ausbildung an den Gymnasien: «Dass die Hälfte der Kantone die Daten nicht heranziehen, vermittelt den Eindruck, dass sie gar nicht wissen wollen, wie gut ihre Schülerinnen und Schüler an den Hochschulen abschneiden. Die Kantone weichen der Qualitätsdiskussion aus.» Dabei könnten die Informationen zu einer Steigerung der Qualität beitragen, ist der Wirtschaftsprofessor überzeugt, und gehörten deshalb veröffentlicht.

Der Widerstand gegen eine Offenlegung beim Bund ist indes enorm. Diese Zeitung hat gestützt auf das Öffentlichkeitsgesetz, laut dem alle Personen grundsätzlich Zugang zu jeder Information und jedem Dokument der Bundesverwaltung haben, beim BFS eine Anfrage auf Herausgabe der Studienerfolgsquoten der Mittelschulen gemacht – sie wurde abgelehnt.

Datenschutz verbietet Veröffentlichung

Mit der Begründung, dass die Zahlen zu rein statistischen Zwecken erhoben worden seien und deshalb das Statistikgeheimnis zur Anwendung gelange und dem Öffentlichkeitsgesetz in diesem Fall vorgehe. Zudem verbiete es das Datenschutzgesetz, Daten zu veröffentlichen, die Rückschlüsse auf Personen, Unternehmen oder auch einzelne Schulen erlaube.

Diese Argumentation steht indes im Widerspruch zur Tatsache, dass das BFS wie erwähnt schon heute mit der Öffnung der Abbruch- und Erfolgsdaten nach Kantonen Rückschlüsse auf einzelne Gymnasien erlaubt. Der Durchschnitt aller Kantone liegt bei 10 Prozent. Wenn Schaffhausen die kleinste Abbruchquote von 5,5 Prozent aufweist, entspricht das dem Wert der einzigen Kanti im Kanton. Wenn Genf mit 15 Prozent die meisten Abbrecher stellt, verstecken sich hinter der Zahl 14 Gymnasien. Die Unterschiede hier zu kennen, wäre interessant.

Der Wohnkanton scheint Einfluss auf den Studienverlauf zu haben. Interessant ist in diesem Zusammenhang die kantonale Maturitätsquote beizuziehen, also den Anteil der Schüler eines Kantons, die ein Gymnasium abschliessen. Vieles deutet in unserer groben Analyse darauf hin, dass – vor allem in der Westschweiz und im Tessin – mit der Maturaquote auch die Abbrüche zunehmen. Das heisst, dass in Kantonen wie Genf oder Tessin, wo mehr als jeder oder jede Dritte das Gymi absolviert, später auch viele das Unistudium schmeissen. Interessant wäre es, diese Zahlen für die Mittelschulen zu kennen: Gibt es Schulen, die das Maturazeugnis zu grosszügig vergeben?

Antworten auf solche Fragen bleiben mangels Transparenz weitgehend im Dunkeln, die Angst vor einer Rangliste ist zu gross. Sie lässt Bund und Kantone bei der Datenaufbereitung auch je andere Methodiken anwenden. Sie rechnen mit einer unterschiedlichen Anzahl Jahre bis zum Bachelor oder mit drei, vier oder neun Studieneintritts-Jahrgängen. Mit dem Resultat, dass die Quoten überkantonal nicht präzis miteinander verglichen werden können.

Eine zentrale Auswertung und Publikation durch den Bund könnten Abhilfe und schweizweit Transparenz schaffen. Rudolf Minsch vom Wirtschaftsverband Economiesuisse rechnet damit, dass eine solche Veröffentlichung Staub aufwirbeln würde, wie es eine ETH-Studie vor gut zehn Jahren getan hat: «Aber nur im ersten Jahr. Schon bald würde man die Zahlen als das interpretieren, was sie sind: ein wichtiger – aber nicht der einzige – Indikator für die Qualität an Schweizer Gymnasien.» Einen Indikator mehr, den Eltern und Schüler bei der Wahl des Gymis miteinbeziehen könnten.



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Erstellt: 01.02.2020, 17:40 Uhr

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