Habakuk statt Wissenschaft

Gewöhnlich hält die SVP ja viel von Autoritäten. Aber nicht, wenn es um wissenschaftliche Erkenntnisse geht.

Welchen Einfluss hat der Mensch auf den Klimawandel? Blick auf eine Industriezone in Deutschland. Foto: Dirk Meister (Getty Images)

Welchen Einfluss hat der Mensch auf den Klimawandel? Blick auf eine Industriezone in Deutschland. Foto: Dirk Meister (Getty Images)

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Unter dem Titel «Vernunft statt Ideologie» hat die SVP ein Extrablatt zum Klimawandel an sämtliche Schweizer Haushalte verschickt. Reto Knutti, Klimatologe und Professor an der ETH Zürich, hat die Schrift einem Faktencheck unterzogen und als «Sammelsurium von teils in sich nicht konsistenten Argumenten» bezeichnet. Neben Knutti haben auch schon andere Experten (etwa Nicolas Gruber, ETH-Professor für Umweltphysik; oder Stefan Brönnimann, Geograf, Klimatologe und Atmosphärenchemiker an der Universität Bern) dargelegt, was von den klimatologischen Wortmeldungen der SVP zu halten ist.

Die Professoren würden es nicht so drastisch formulieren, aber darauf läuft es hinaus: Die Behauptungen der SVP sind eine Ansammlung von pseudowissenschaftlichem Unsinn, haltloser Polemik, faktenwidrigem Habakuk und demokratiepolitisch bedenklicher Irreführung der Bevölkerung. Das ist auch kein Wunder. Denn schaut man sich an, wer bei der SVP, in deren parteinahem Propagandamagazin und auf Twitter Volksverblödung zu betreiben versucht, finden sich keine Fachleute, sondern ein studierter Philosoph, ein Agronom, ein abgewählter Nationalrat und Medizin­historiker, ein Jurist, ein Hochbauzeichner, ein Studienabbrecher.

Fürwahr eine naturwissenschaftlich illustre Truppe also, deren klimatologische Kompetenz verglichen mit jener von Knutti & Co. daherkommt wie ein Mexikanischer Nackthund neben einem Bernhardiner. Obwohl die Fachleute den Hobbyklimatologen ihre Fehler und Lügen schon vor der Publikation des angeblich vernünf­tigen SVP-Extrablattes anhand von Fakten, Daten und Grafiken nachgewiesen und erläutert hatten, schwafeln die Rechten unverdrossen weiter.

An der Grenze zwischen Rebellen- und Narrentum

Diese Faktenresistenz ist nicht nur irrational, sondern auch verlogen. Denn im Weltbild, das die SVP ansonsten vertritt, spielen Autorität, Wissen, Bildung, Fleiss, Erfahrung und Reputation eine tragende Rolle. Die konservative Kritik an der 68er- Bewegung und deren Folgen zielt darauf, dass die damaligen Aktivisten mit angeblich übertriebenem Furor an sozialen Autoritäten und akademischen Hierarchien gerüttelt und sie teilweise gestürzt haben. Diese Kritik ist notabene genauso legitim, wie es jene der 68er war, weil gesellschaftlicher Status, politischer Einfluss, öffentliche und familiäre Macht von Individuen, Berufsgruppen, ökonomischen Schichten und Unternehmen in einer offenen Gesellschaft Verhandlungssache sind. Wissenschaftliche Erkenntnisse sind es nicht. Man kann sich darüber streiten, ob ein Tabakkonzern Werbung für Zigaretten machen darf, aber nicht, ob Rauchen gesundheitsschädigend ist.

Die Heuchelei rechtskonservativer Leugner des vom Menschen verursachten Klimawandels besteht darin, politisch-soziale Autoritäten hochzuhalten, aber akademische Autoritären als weltfremde Eiferer zu diffamieren, weil deren Erkenntnisse den Rechten ideologisch nicht in den Kram passen.

Um diese Widersprüchlichkeit szenisch darzustellen: Ein Dozent tritt vor seine Studenten. Ein Teil von ihnen lehnt es ab, ehrerbietig aufzustehen. Andere erheben sich zwar gehorsamst, wobei sie die Aufmüpfigen kritisieren. Doch wenn der Professor 2+2 = 4 an die Tafel schreibt, brechen die Braven plötzlich in Protestgeheul aus und fordern, er solle 5 hinschreiben. Genau auf dieser Linie verläuft die Grenze zwischen Rebellen- und Narrentum.

Erstellt: 18.06.2019, 20:52 Uhr

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