Vor der Attacke in Frankfurt gab es Warnsignale

Der mutmassliche Täter aus der Schweiz fühlte sich von Zugpassagieren verfolgt. Ein Arzt diagnostizierte schon vor Monaten Paranoia.

Litt womöglich an Verfolgungswahn: Habte A. im Frankfurter Amtsgericht.

Litt womöglich an Verfolgungswahn: Habte A. im Frankfurter Amtsgericht. Bild: Keystone

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Was brachte einen eritreischen Familienvater aus dem Kanton Zürich dazu, in Deutschland Menschen vor einen einfahrenden ICE zu stossen? Diese Frage beschäftigt die Öffentlichkeit in beiden Ländern stark, seit am Montag durch die schreckliche Tat in Frankfurt ein achtjähriger Bub starb. Schweizerische und deutsche Ermittler versuchen sie unter Hochdruck zu beantworten.

Aufschlussreich dürften dabei Akten aus der psychiatrischen Behandlung des 40-jährigen Mordverdächtigen sein, welche die Zürcher Staatsanwaltschaft angefordert hat. Denn schon seit einiger Zeit fühlte Habte A. sich verfolgt – unter anderem von Zugpassagieren, wie sich nun zeigt.

Panik vor Handystrahlen

Der Eritreer, der 2006 in der Schweiz um Asyl ersucht hatte, war bereits vor mehreren Monaten von seinem Hausarzt an einen Psychologen überwiesen worden. Der Allgemeinmediziner hatte bei ihm Anzeichen auf eine psychische Störung mit Wahnbildung festgestellt, im Jargon: Paranoia.

Der dreifache Familienvater, der bis Januar 2019 bei den Zürcher Verkehrsbetrieben (VBZ) gearbeitet hatte, sprach damals davon, dass Zugpassagiere und Arbeitskollegen seine Gedanken lesen könnten. Gemäss der ärztlichen Überweisung glaubte er auch, dass andere Menschen ihn manipulierten und sein Leben kaputt machten. A. fühlte sich zudem durch Handystrahlen und elektromagnetische Wellen durch MRI (Magnetresonanztomografie) beeinflusst und gesteuert.

Einzelne Flüchtlinge wirken nach aussen angepasst, psychisch sind sie aber verletzlich oder krank.

Dazu passt, was ein Vertrauter der Familie des mutmasslichen Mörders preisgibt: Ein Verwandter von Habte A. habe vor rund einem Monat bei ihm Rat gesucht. Dieser Verwandte habe ihm erzählt, dass A. während einer paranoiden Episode bei ihm übernachtet und ihm seine psychischen Probleme geschildert habe: A. habe sich verfolgt gefühlt, glaubte, dass er nicht weiter in der Schweiz leben könne.

«Hier ist die Erste Welt»

Noch 2017 war der Eritreer des Lobes voll gewesen für das Land, das ihm, dem christlich-orthodoxen Flüchtling, zuerst Asyl gewährt und nach fünf Jahren die Niederlassung bewilligt hatte. «Mir gefällt, dass hier jeder Hilfe bekommt, egal, ob er arm oder reich ist», liess er sich in einem Porträt in einer Hilfswerk-Publikation zitieren. Als sich A. in einem Integrationsprogramm für Sozialhilfebezüger in den Werkstätten der Zürcher Verkehrsbetriebe eine Chance bot, nutzte er sie. Der Schlosser zeigte in der Karosserie so gute Leistungen, dass er auf Frühling 2018 eine feste Stelle bekam.

Bereits kurz danach könnte sich der Flüchtling, der gut Deutsch spricht, aber so gewandelt haben, dass dies Bekannte bemerkten. Das deutsche Nachrichtenmagazin «Focus» zitiert nun einen Landsmann, der sagt, dass sich A. bereits im vergangenen Sommer zu verändern begonnen habe. A. habe offenbar unter Verfolgungswahn gelitten und Stimmen gehört. «Wenn wir irgendwo allein sassen, drehte er sich plötzlich um und sagte: ‹Wer redet da über mich?›», wird diese Person zitiert. Solche Phänomene seien bei seinen Landsleuten keine Seltenheit. Er kenne andere Eritreer, die im Exil ebenfalls psychische Probleme entwickelt hätten – und erklärt das mit schlimmen Erfahrungen in der Heimat.

Angepasst, aber verletzlich

Im autoritär regierten Eritrea herrscht Armut. Viele Menschen nehmen grosse Risiken in Kauf, um nach Europa zu gelangen. Auf der Flucht – zum Beispiel in den berüchtigten Flüchtlingslagern in Libyen oder bei der illegalen Überfahrt nach Italien – erleben sie oft schlimmste Vorfälle und Todesangst. Die Erfahrungen sind oft traumatisch.

Erklären oder gar entschuldigen lässt sich so keine Einzeltat. Zudem ist bislang unbekannt, unter welchen Umständen A. vor 13 Jahren in die Schweiz und vor 12 Jahren nach Wädenswil gelangte. Die Frankfurter Staatsanwaltschaft hat einen Experten eingesetzt, der den Verhafteten im Anschluss an die Tat psychiatrisch begutachtet.

Für Fana Asefaw ist der Fall A. aus einem anderen Grund bezeichnend. Die deutsch-eritreische Ärztin, die in Winterthur eine Traumasprechstunde für Migranten anbietet, beobachtet immer wieder, dass einzelne Flüchtlinge nach aussen angepasst wirken, psychisch aber sehr verletzlich oder gar krank sind. Typisch seien Psychosen oder Wahnerkrankungen sowie paranoides Erleben. Auch wenn Erkrankte – wie A. – gut integriert scheinen, lebten einige von ihnen sehr isoliert. Insbesondere Eritreer hätten betreffend psychiatrische Erkrankungen eine negative Einstellung.

Asefaw erzählt von eritreischen Patienten im jungen Erwachsenenalter, die wegen wahnhaften oder paranoiden Erlebens akut bei ihr landen, aber schon mehrere Monate oder gar Jahre daran erkrankt seien. Aufgrund sprachlicher und kultureller Barrieren hätten sie mit der psychiatrischen Behandlung nicht kooperiert, also Medikamente nicht eingenommen und nur unregelmässig die Therapie besucht. Einige bevorzugten gar religiöse Behandlungen durch Heilwässerchen von eritreischen Pfarrern. Zielführender sei für Asefaw eine nachhaltige psychosoziale Begleitung für die betreffenden Personen, etwa Hausbesuche und den Einsatz von Kulturvermittlern.

Alarmzeichen unterschätzt

A. galt im Bekanntenkreis als arbeitsam und gänzlich unauffällig. Der Polizei war er nur wegen eines geringfügigen Verkehrsdelikts bekannt. Am Donnerstag vergangener Woche musste sie dann aber zu seinem Wohnort in Wädenswil ausrücken. Alarm geschlagen hatte die Ehefrau. Sie war von A. zusammen mit den drei gemeinsamen Kleinkindern und einer Nachbarin in der Wohnung eingesperrt worden. Zuvor hatte A. die Nachbarin mit einem Messer bedroht, sie aber nicht verletzt. Die beiden Frauen zeigten sich über sein Verhalten überrascht, wie sie laut der Kantonspolizei aussagten.

Der flüchtige A. wurde national zur Fahndung ausgeschrieben, aber nicht international. Er tauchte vier Tage später wieder auf. Auf Gleis 7 des Frankfurter Bahnhofs griff er Bahnpassagiere an.

Gemäss dem Basler Polizeirechtsexperten Markus Mohler hat sich die Polizei angemessen verhalten: «Die Strafverfolgungsbehörden können nicht jeden Tatverdächtigen im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt international ausschreiben, selbst wenn er mit einem Messer hantierte.» Frank Urbaniok kennt den Fall A. nur aus den Medien. Der Zürcher Gutachter und Professor für Forensische Psychiatrie nimmt darum nur allgemein Stellung. Die oben beschriebenen Handlungen deuten auch für ihn auf eine Paranoia hin, möglicherweise als Folge einer Schizophrenie. In solchen Fällen, erklärt Urbaniok, seien Inhalte des Verfolgungswahns Realität. Erkrankte würden der verzerrten Wahrnehmung entsprechend handeln, zum Beispiel in vermeintlicher Notwehr oder auf Befehl innerer Stimmen. Falls sie nicht medikamentös und therapeutisch behandelt würden, könne sich bei einem Teil der Menschen mit einem Verfolgungswahn eine starke aggressive Anspannung entwickeln, die dann auch zu schwersten Gewalttaten führen kann. Eine «verrückte» Tat wie jene in Frankfurt würde zur verschobenen Realität passen.

Situation spitzte sich zu

Laut Urbaniok muss das nicht heissen, dass A. nicht schon eine längere Zeit paranoide Vorstellungen oder andere Symptome hatte. Bei Tötungsdelikten gebe es oft über Wochen und Monate – manchmal sogar Jahre – eine sich zuspitzende Entwicklung, die dem Umfeld zu Beginn vielleicht gar nicht auffalle. Immer wenn es bei Verfolgungswahn aber zu Drohungen oder gar Gewalt komme, sei das ein Alarmzeichen.

«Wenn jemand Wahnideen hat und dann ein Interesse für Waffen entwickelt, sich sogar eine beschafft, ist das ein eindeutiges Warnzeichen», sagt der Aargauer Psychiatrische Gutachter Josef Sachs. Auch das Einschliessen sei «Ausdruck davon, dass sich jemand bedroht fühlt». Gerichtspsychiater Peter Winckler aus Tübingen findet: «In diesem Fall sollte spätestens nach den aggressiven Auffälligkeiten gegen die Familie eine Krisensituation angesagt sein.»

Nach Wädenswil war das offensichtlich nicht der Fall.

Erstellt: 01.08.2019, 09:10 Uhr

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