Hanfjakob greift ein

Unterdessen in Niederhelfenschwil SG: Die St. Galler Strafbehörden gehen rigoros gegen Hanfproduzenten vor – und schiessen dabei regelmässig übers Ziel hinaus.

Den THC-Gehalt sieht man einer Hanfpflanze nicht an. Foto: Guido Rösli (Keystone)

Den THC-Gehalt sieht man einer Hanfpflanze nicht an. Foto: Guido Rösli (Keystone)

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An einem Freitagmorgen Ende Januar bringen zwei Beamte der St. Galler Kantonspolizei Patrik Lichtensteigers beschlagnahmte Geräte zurück: Aktivkohlefilter, Lüftungskomponenten und 37 Lampen. Damit hat sich die Angelegenheit für den Bauern schlussendlich noch zum Guten gewendet. Oder?

September 2016, der Weiler Enkhüseren bei Niederhelfenschwil. Ein gutes Dutzend Häuser steht hier, etwas oberhalb der Thur, umgeben von Obstbäumen, Äckern und Weiden. Auf dem Hof des Obstbauern Patrik Lichtensteiger haben Polizisten eine Indoor-Hanfanlage entdeckt. Der Sichtschutz und die Lüftung mit Aktivkohlefilter machten die Beamten stutzig: Da produziert doch einer Drogenhanf!

Tatsächlich aber stellt Lichtensteiger Industriehanf her, den er einer Thurgauer Firma für medizinische Produkte verkauft. Doch die Beamten lassen sich weder von Beteuerungen noch von Lieferverträgen überzeugen – Lichtensteigers Anlage ist nicht pflichtgemäss beim Landwirtschaftsamt gemeldet. Also beschlagnahmen sie Pflanzen und Geräte. Den Bauern führen sie in Handschellen ab. Einen Tag verbringt er in Haft.

Razzien sorgen für Kritik

Das neue Jahr ist noch jung, als die Staatsanwaltschaft St. Gallen etwas zerknirscht ihre Untersuchungsergebnisse im Fall mitteilt: Der THC-Gehalt von Lichtensteigers Pflanzen lag unter einem Prozent, es war eben doch kein Drogenhanf. Unverhältnismässig nennt ein Teil der Bevölkerung nun das Vorgehen der Behörden – einmal mehr. Denn bereits 2012 sorgte eine Razzia für Kritik: Polizisten beschlagnahmten ein Hanflager und rodeten eine Pflanzung, obwohl der Hersteller beim Bundesamt für Gesundheit ein Gesuch hängig hatte.

Im Zentrum von allem: St. Gallens Staatsanwalt Thomas Hansjakob. 2004 liess er das Gros der Hanfläden schliessen, später führte er das Schnellverfahren für Kiffer ein. Im Kanton nennt man ihn seither «Hanfjakob». Dabei sieht Hansjakob die Sache mit dem Hanf eigentlich recht pragmatisch. Ihm gehe es um den Jugendschutz, betont er in Interviews und plädiert dann gleich für die Legalisierung von Cannabis. Aber solange der Gesetz­geber das anders sehe, habe er als Staatsanwalt nun mal seinen Job zu tun.

Für Bauer Lichtensteiger ist die Sache noch nicht gegessen. Gegenüber dem «St. Galler Tagblatt» nennt er einen sechsstelligen Schadensbetrag. Eine Ernte sei rund 120'000 Franken wert, mehrere seien ihm seit der Razzia im September durch die Lappen gegangen. Und damit nicht genug. Von den 37 Lampen, welche die Polizei zurückbrachte, seien nur noch 5 intakt. «Ich bin nicht wütend auf die Polizei, aber enttäuscht», sagt Lichtensteiger – und hofft nun auf Schadenersatz.

Erstellt: 17.02.2017, 23:33 Uhr

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