Hauptsache speziell

Die reformierten Pfarrer – Nachfahren Zwinglis – pflegen lieber ihr eigenes Profil als die Gemeinschaft der Gläubigen.

Alles geht: Reformierter Gottesdienst für Haustiere in Lausanne. Foto: Jean-Chirstophe Bott (Keystone)

Alles geht: Reformierter Gottesdienst für Haustiere in Lausanne. Foto: Jean-Chirstophe Bott (Keystone)

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Die katholische Kirche versteht es, Zusammenhalt zu stiften: mit immer gleicher Liturgie, eindeutigem Glaubensbekenntnis und unverrückbarer Hierarchie. Das alles fehlt der reformierten Kirche. Sie hat kein klares Profil und beschwört es deswegen dauernd, zumal während des laufenden Reformationsjubiläums. Das ist ein frommer Wunsch. Denn das aktuell dominierende Erbe der Reformation heisst Individualismus.

Das zeigt sich daran, dass es Zürichs Kirche nicht schafft, aus eigener Kraft das Zwingli-Jubiläum auszurichten. Den Hauptteil der Projekte hat sie an die Kulturmanager Martin Heller und Barbara Weber delegiert. Dabei verfügt die Zürcher Kirche in der Pfarrerschaft und an der theologischen Fakultät über gegen 600 studierte Theologen und Theologinnen. Statt aber eine gemeinsame Identität zu entwickeln, verstehen sich diese als Individualisten.

Jeder kocht seine eigene Suppe, jeder schärft das eigene Profil. Zwar huldigen viele Zürcher Pfarrer gut reformatorisch dem Wort. Bekannte Prediger wie Fraumünster-Pfarrer Niklaus Peter oder der Bubiker Pfarrer Thomas Muggli, Träger des deutschen Predigtpreises, sind allerdings Ausnahmen.

Seit den 80er-Jahren heisst die Devise: besser alles selber erfinden als auf Vorgegebenes zurückgreifen.

Dafür fühlen sich immer mehr Pfarrer zur Schriftstellerei berufen. Gab es früher einzelne literarische Leuchttürme wie Jeremias Gotthelf oder Kurt Marti, so gehört es heute zum guten Ton, sich als Pfarrer schreibend zu profilieren. Christoph Sigrist vom Grossmünster hat eine Romanbiografie über Zwinglis Frau verfasst, St.-Peter-Pfarrer Ueli Greminger Bücher über Humanisten und Aufklärer. Ulrich Knellwolf und Achim Kuhn tun sich als Krimi-Pfarrer hervor, die Volketswiler Pfarrerin Gina Schibler mit Öko-Romanen. Der Pfäffiker Pfarrer Peter Schulthess legt zur Pensionierung ein Buch über Engel im Alltag vor. In «Flughafengeschichten» blickt der frühere Flughafenpfarrer Walter Meier auf seine Arbeit zurück. Die Rüschliker Pfarrerin Anne-Carolin Hopmann stellte ihr Buch mit dem Titel «Die Kirchenglocken läuten und der Hamster ist tot» im TeleZüri vor, wo man ebenfalls erfuhr, dass sie gerne Golf spielt.

Hauptsache, originell oder schräg: Der Sihlfelder Pfarrer Thomas Schüpbach hat es mit seinem knallroten Fiat Cinquecento und als nebenberuflicher Feuerwehrmann ebenfalls ins TeleZüri geschafft. Der Berner Pfarrer Christian Walti trat sogar in der Primetime bei SRF auf, weil er Smartphone-Gottesdienste veranstaltet oder als Gassenpfarrer sein Büro auf die Strasse verlegt. Spartenpfarrer passen bestens zum reformierten Individualismus. Neben dem Gassen- oder Obdachlosenpfarrer gibt es den Kunstpfarrer, den Heavy-Metal-Pfarrer, den Internetpfarrer, die Zirkuspfarrerin ...

In roten Gewändern übers Feuer

Den Aids-Pfarrer hat die Zürcher Kirche bereits wieder weggespart. Wie so viele andere tragende Initiativen auch. Die 2012 geschaffene Stabstelle Gottesdienst und Musik, die den liturgischen Wildwuchs hätte zähmen sollen, überlebte knapp zwei Jahre. So bleibt die reformierte Liturgie eine Spielwiese individueller Kreativität.

Seit den 80er-Jahren heisst die Devise: besser alles selber erfinden als auf Vorgegebenes zurückgreifen. Damals verdrängten Gitarre und Pop die Orgel, heute sind es Didgeridoo oder Elektromusik. Von Sofa- bis zum Salbungsgottesdienst gibt es alles. Kirchenrat Andrea Marco Bianca hat ein Scheidungsritual entwickelt. Schamanenpfarrerin Renate von Ballmoos von der Prediger-Kirche fliegt in der Walpurgisnacht zwar nicht mit dem Besen durch die Luft, aber in roten Gewändern übers Feuer. Überzeugende liturgische Initiativen wie der von Pfarrer Gerhard Traxel initiierte ökumenische Kreuzweg, der am Karfreitag durch Zürichs Innenstadt führt, sind rar.

Gross in reformierter Mode sind derzeit die sogenannten Fresh Expressions. Dazu gehören christliche Tattoo-Studios, Kirchencafés oder Kletterkirchen – ein bunter Strauss von zeitgeistigen Einfällen, geschenkt vom Heiligen Geist. Im Klima des «anything goes» hat jedoch die Debatte über das bleibend Reformatorische noch kaum stattgefunden. Auch aus der theologischen Fakultät vernimmt man dazu wenig. Bleibt zu hoffen, dass die Kirche 2019 mit ihren eigenen Zwingli-Projekten den reformierten Geist profilstiftend vermitteln wird.

Erstellt: 28.03.2018, 20:00 Uhr

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