«Herr und Frau Schweizer essen viel Gschwellti»

Ein Institut des Bundes hat die Bauern deutlich dazu aufgefordert, sich dem Klimawandel anzupassen. Nun kontert Verbandspräsident Markus Ritter.

Die Hitze setzt den Pflanzen zu: Vertrocknetes Feld in Dielsdorf. (17. Juli 2015)

Die Hitze setzt den Pflanzen zu: Vertrocknetes Feld in Dielsdorf. (17. Juli 2015) Bild: Keystone

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Herr Ritter, die Landwirtschaft müsse sich dem Klimawandel anpassen, fordert die Agrarforschungsanstalt Agroscope. Das verdeutliche die derzeitige Hitzewelle. Sind die Bauern gerüstet dafür?
Extreme Wetterereignisse nehmen zu, das stimmt. Aber sie treten auch sehr unregelmässig auf: Dieses Jahr haben wir einen heissen, trockenen Sommer. Der Frühling war jedoch eher kühl. Und letztes Jahr war der Sommer nass und kalt. Wir Bauern sind uns bewusst, dass der Klimawandel Realität ist und uns vor Herausforderungen stellt – nur ist diesen eben nicht einfach zu begegnen, weil das Wetter stark schwankt.

Trotz des unsteten Wetters müssten Bauern grundsätzlich unabhängiger vom Wasser werden. Wie kann das gelingen?
Indem sie zum Beispiel auf Kulturen setzen, die weniger Wasser brauchen. So erträgt etwa Getreide Trockenheit besser als Gemüse. Das kann aber keine flächendeckende Lösung sein, denn gleichzeitig wollen wir den Konsumenten eine ausgewogene Ernährung ermöglichen. Deshalb werden wir auch weiterhin auf empfindlichere Kulturen setzen müssen, sonst wird ein Teil der landwirtschaftlichen Produktionsvielfalt in der Schweiz verschwinden.

Bereits eine Umstellung auf effizientere Bewässerungsverfahren würde den Wasserverbrauch reduzieren.
Die Tropfbewässerung, die nahe an den Pflanzen und deren Wurzeln erfolgt, ist sicher effizienter als jene mit dem Sprinkler, bei der die Wasserverteilung weniger präzise erfolgt und auch mehr Wasser verdunstet.

Warum setzen denn nicht mehr Landwirte darauf?
Die Tropfbewässerung ist zeitlich sehr aufwendig, weil viel mehr Schläuche in den Feldern verlegt werden müssen. Zudem sind damit auch höhere Kosten verbunden. Jeder Bauer muss sich überlegen, bei welchen Kulturen eine solche Anlage Sinn macht und ob sie wirtschaftlich tragbar ist.

Mancherorts werden die Wasserentnahmen aus Flüssen und Bächen bereits begrenzt. Und in Zukunft wird es noch mehr Verhandlungen über die Gewässernutzung geben. Welche Lösung sehen Sie?
Das ist tatsächlich eine problematische Entwicklung. Es braucht daher Gesamtkonzepte, die den Wassertransport aus gesicherten Gewässern wie Seen regeln. Hier sind auch Bund und Kantone in der Pflicht.

Agroscope schlägt den Bauern auch vor, auf Pflanzen umzustellen, welche die Hitze besser vertragen. Werden in der Schweiz künftig Ananas und Mangos wachsen?
Das wäre ein schlechtes Zeichen: Wenn hierzulande Ananas angepflanzt würden, wären grosse Landstriche in südlicheren Ländern bereits Wüste. Daher hoffe ich, dass wir im Grossen und Ganzen bei unseren Kulturen bleiben können. Wir appellieren vielmehr an die Forschung, Sorten zu entwickeln, die den veränderten klimatischen Bedingungen in unseren Breitengraden standhalten. Denn für Bäume, an denen Südfrüchte wachsen, wäre es im Winter schlicht zu kalt bei uns. Die Jahreszeiten sind bei uns nach wie vor viel ausgeprägter als im Süden – einem heissen Sommer geht häufig ein eher kühler Frühling voraus.

Gerade Kartoffeln sind sehr heikel und arbeitsintensiv. Ab 25 Grad ist es ihnen zu heiss. Warum mühen sich dennoch so viele Bauern damit ab?
Kartoffeln sind in der Schweiz grundsätzlich eine attraktive Kultur, die zu unseren klimatischen Bedingungen passt. Zudem ist die Nachfrage gross: Herr und Frau Schweizer essen viel Gschwellti oder Pommes frites.

Dafür gibt es im Moment wegen der Hitze mehr Tomaten, als die Kunden verzehren können. Was geschieht mit der Überproduktion?
Ein Teil der Tomaten dürfte für die Industrieproduktion verwendet, ein anderer Teil über Aktionen abgesetzt werden. Das ist die Herausforderung unseres Berufs: Wir können das Wetter nicht beeinflussen. Dann gibt es eben in einem Sommer zu wenige Kartoffeln und saisonal zu viele Tomaten.

Der Anbau heikler Sorten sollte in höhere, kühlere Gebiete verlagert werden, findet die Forschungsanstalt. Für die Bergbauern wäre das doch eine willkommene Entwicklung.
Da bin ich skeptisch. Für den Ackerbau sind nicht nur die klimatischen, sondern auch die topografischen Bedingungen entscheidend. In steilem und unebenem Gelände macht das wenig Sinn.

Die Hitze wirkt sich auch auf die Tiere aus: Kühe geben weniger Milch, Hühner legen kleinere Eier und Schweine bleiben dünner. Werden künftig weniger Tiere im Flachland zu sehen sein?
Nein. Die Tierhaltung wird im Flachland nach wie vor sehr wichtig sein, weil die Verarbeitungsbetriebe näher liegen. Was aber mit dem Klimawandel noch zentraler wird, ist eine angepasste Tierhaltung: Gut belüftete Ställe, Nacht- anstatt Tagweide, genügend Schattenplätze und grosszügige Wasseraufnahmemöglichkeiten sind wichtige Voraussetzungen, um den Tieren die Hitze erträglicher zu machen.

Exotischere Tierarten vertragen die Hitze besser. Müssten die Bauern vermehrt darauf setzen?
Schon heute sind Wasserbüffel, Bisons oder Strausse auf Schweizer Höfen zu sehen. Aber auch unsere traditionellen Viehrassen sind sich an wechselnde Klimata gewohnt. Hierzulande müssen die Tiere schliesslich nicht nur mit einer Hitze von 35 Grad umgehen können, sondern auch mit tiefen Temperaturen bis minus 10 Grad.

Die Anpassungen der Bauern an die Klimaveränderungen kosten. Wie sollen sie finanziert werden?
Es ist schwierig, die Kosten zu beziffern. Für den Bund ergeben sich sicherlich Investitionen in die Forschung und Entwicklung neuer Sorten. In die Erneuerung der Bewässerungsanlagen werden die Bauern selbst investieren müssen. Für Gesamtkonzepte braucht es aber die Mitfinanzierung durch Bund und Kantone. Auch in der EU werden solche Projekte finanziell durch die Gemeinschaft unterstützt.

Und wie werden sich die Veränderungen auf die Agrarpolitik auswirken?
Der Bund muss die zentralen Herausforderungen in einem Gesamtkonzept analysieren, denn wir brauchen Antworten auf diese neue Problemstellung. Dazu müssen wir die Agrarpolitik aber nicht umkrempeln. Es gilt aber, im Interesse kommender Generationen in die Ernährungssicherheit zu investieren und gewisse Anpassungen auf Gesetzes- und Verordnungsstufe zu prüfen.

Erstellt: 24.07.2015, 17:36 Uhr

«Wir Bauern sind uns bewusst, dass der Klimawandel Realität ist und uns vor Herausforderungen stellt»: Bauernverbandspräsident und CVP-Nationalrat Markus Ritter.

Rat an die Bauern

Der heisse und trockene Juli hat manchen Bauer in Bedrängnis gebracht. Wegen des Klimawandels dürften Hitzewellen künftig aber noch häufiger werden. Die Bauern müssten sich anpassen, folgert die Agrarforschungsanstalt Agroscope.

Zum einen müsse die Bewässerungsinfrastruktur verbessert werden, schreibt die Forschungsanstalt des Bundes in einer Mitteilung vom Donnerstag. Es brauche ausgiebige Wasserreservoire und effiziente Bewässerungsverfahren.

Die Bauern müssten sich andererseits unabhängiger vom Wasser machen: Beispielsweise durch eine schonende Bodenbearbeitung. Diese bewirkt, dass weniger Wasser versickert und verdunstet.

Weiter schlägt Agroscope vor, früher auszusäen, um die Pflanzen in der kühleren Jahreszeit wachsen und reifen zu lassen. Auch eine Verlagerung des Anbaus in Gebiete mit günstigeren Klima- und Bodenverhältnissen wird als Option genannt.

Zudem sei eine Umstellung angezeigt auf Pflanzen, die weniger Wasser verbrauchen und die Hitze besser vertragen, schreibt Agroscope. Kartoffeln beispielsweise wachsen bereits ab 25 Grad kaum mehr. Zuckerrüben ab 30 Grad. Ganz anders Tomaten: Sie sind wegen der Hitze und des vielen Sonnenlichts im Schnelltempo gereift und müssen nun früher geerntet werden als geplant.

Es habe daher im Moment sehr viele Schweizer Tomaten auf dem Markt, teilte der Verband Schweizer Gemüseproduzenten am Donnerstag mit. Für die Bauern ist das ungünstig, denn jetzt in der Ferienzeit sind viele Leute weg. Die Grossverteiler haben daher Aktionen geplant, um die Tomaten an die Leute zu bringen.

Auch für die Tiere müssen die Bauern gemäss Agroscope vorsorgen: In Hitzewellen müsse Schatten angeboten werden können. Zudem brauche es genügend Tränkewasser und Berieselungsanlagen zur Kühlung. Allenfalls müssten die Bauern die Weidehaltung sogar in höhere Gebiete verlagern. So könnten Hitzestress und Leistungseinbussen vermieden werden.

Wenn sich die Bauern nicht anpassten, drohten Ernteverluste und Futtermangel, geht aus dem Communiqué hervor. Dies würde auch wirtschaftliche Verluste bringen. Agroscope erinnert an den Hitzesommer 2003. Damals habe die Schweizer Landwirtschaft wirtschaftliche Einbussen von rund 500 Millionen Franken hinnehmen müssen. (sda)

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