Hilferuf aus der Prämienhölle: Arzt warnt vor Kollaps des Systems

Der Kanton Genf hat zusammen mit Basel-Stadt die höchsten Prämien der Schweiz. Bertrand Buchs glaubt nicht mehr an eine Gesundheitsreform.

Glaubt nicht mehr an eine Bundeslösung für Genfs Probleme: Bertrand Buchs, Arzt und CVP-Kantonalpolitiker. Foto: Oliver Vogelsang

Glaubt nicht mehr an eine Bundeslösung für Genfs Probleme: Bertrand Buchs, Arzt und CVP-Kantonalpolitiker. Foto: Oliver Vogelsang

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Für Bertrand Buchs herrscht in Genf ein sozialer Notstand. «Erstmals in meiner Karriere nenne ich den Patienten den Preis einer Behandlung», sagt der Rheumatologe. «Und manche verzichten darauf, wenn sie hören, dass eine Spritze gegen rheumatoide Arthritis 1000 Franken kostet.» Denn viele hätten die Franchise von 2500 Franken, weil sie ohne den Prämienrabatt die Krankenkasse nicht bezahlen könnten.

Werde eine Behandlung nötig, brächten sie das Geld für die Franchise nicht auf. Manche bezahlten auch die Prämien nicht mehr. Betroffen seien besonders Mittelstandsangehörige, die keine Verbilligung erhielten. Der Verzicht auf die rechtzeitige Behandlung der Polyarthritis könne fatal sein, sagt Buchs. Die chronische Entzündung der Gelenke führe zur Invalidität. Mit den neuen Medikamenten lasse sich die Krankheit aufhalten, gar heilen.

Als Buchs vor 23 Jahren im Stadtzentrum von Genf seine Praxis eröffnete, lag die Durchschnittsprämie im Kanton bei 266 Franken, heute bei 597 Franken im Monat. Im günstigsten Kanton, Appenzell Innerrhoden, beträgt die Durchschnittsprämie 356 Franken. Genf hat mit Basel-Stadt seit Jahren mit Abstand die höchsten Prämien der Schweiz. Manche Familien wenden mittlerweile ein Fünftel des Einkommens für die Krankenkasse auf, dazu kommen die rekordhohen Wohnungsmieten in Genf. Jeder dritte der 500'000 Einwohner bezieht Prämienverbilligung.

900 Millionen fürs Spital

Jeder weitere Prämienaufschlag verschärft das Problem. Mehr als fünf Jahre blieben nicht für eine Trendwende, warnt Buchs. In Genf kumulieren sich die Probleme des Gesundheitssystems: eine urbane Bevölkerung, die von immer mehr Spezialärzten versorgt wird, und ein zu grosses Universitätsspital.

Buchs sitzt für die CVP im Kantonsparlament und hat Einblick in die Gesundheitspolitik. Früher habe das Genfer Universitätsspital die führende Rolle in der Romandie eingenommen, heute habe Lausanne diese Position inne. Das Genfer Spital mit 8 Kliniken, 40 ambulanten Abteilungen und 11'000 Angestellten sei zu gross, eine Redimensionierung politisch aber nicht mehrheitsfähig. Deshalb zahlt der Kanton jährlich 900 Millionen für sein Spital, bei einem Budget von 8 Milliarden. Und der Kantonsbeitrag für die Prämienverbilligung wird 2020 um 170 auf über 500 Millionen aufgestockt.

«Das Angebot generiert die Nachfrage bei den Patienten», sagt der Genfer Gesundheitsdirektor Mauro Poggia, Mitglied der Bürgerbewegung MCG. Genf habe weltweit die grösste Dichte an Psychiatern, genügend Kardiologen und andere Spezialisten. Poggia hofft, dass das eidgenössische Parlament den Kantonen endlich wirkungsvolle Instrumente gibt, um die Zahl der Ärzte zu begrenzen. Als die Kantone 2012 vorübergehend die Möglichkeit verloren, die Zahl der Ärzte zu limitieren, explodierte in Genf die Zahl der neuen Praxen. Psychiater aus Frankreich brauchten nur einen Raum zu mieten, um zulasten der Schweizer Krankenversicherung abrechnen zu können. Buchs kennt einen Arzt, der wöchentlich für einen Tag von Paris nach Genf fliegt, um medizinische Gutachten zu verfassen.

«Lasst uns machen in Genf!»

Buchs glaubt nicht an eine grosse Gesundheitsreform. Radikale Änderungen, eine Einheitskasse oder einkommensabhängige Prämien seien in der Deutschschweiz nicht mehrheitsfähig. Buchs und Poggia fordern deshalb mehr Autonomie. Genf und andere Kantone der Romandie müssten eine Einheitskasse einführen können. «Was nützen uns 50 Kassen, die die gleichen Leistungen versichern?», fragt Poggia. Der Bund kontrolliere die Kassen zu wenig, diese bestimmten in Bern die Politik. Für 2020 könnten die Kassen in Genf auf eine Erhöhung verzichten, weil sie 2019 die Prämien zu hoch angesetzt hätten. Aber Poggia bezweifelt, dass die Versicherer den Genfern Geld zurückgeben.

Verärgert ist der Genfer Gesundheitsdirektor über die eidgenössischen Räte. «Schreibt die AHV Defizite, handeln die Politiker, bei der Krankenversicherung lassen sie es schlittern. Sind neue Kampfjets wirklich wichtiger als bezahlbare Prämien?» Falls Bundesbern sich dem Versuch mit der kantonalen Einheitskasse verweigere, sei das ein Bundesdiktat. «Lasst uns machen in Genf!», appelliert Poggia.

«Ich suche keine Schuldigen, sondern nach Lösungen.»Bertrand Buchs, Rheumatologe

Buchs glaubt, dass im Gesundheitssystem ohne Qualitätsverluste 20 bis 30 Prozent der Kosten eingespart werden können. Allerdings müsse jeder einzelne Arzt ein Kostenbewusstsein entwickeln und sich fragen, was wirklich nötig sei. Der Gesundheitscheck vor einer Gelenkoperation sei oft unnötig, werde aber meistens gemacht. Teuer seien nicht Gespräche mit den Patienten, sondern der Einsatz von Technik und Diagnostik.

In der benachbarten französischen Provinz müssten die Patienten zwei Monate auf ein MRI warten, in Genf einige Tage. Neben dem Überangebot böten auch die Tarife Fehlanreize. Das Punktieren des Knies, die Entnahme von Gelenkflüssigkeit, daure drei Minuten. Dafür erhalte er 60 Franken, gleich viel wie für ein 20-minütiges Patientengespräch.

Die Ungeduld der Patienten

Die Behandlung mit den neuesten Medikamenten gegen rheumatoide Arthritis kostet 30'000 bis 50'000 Franken im Jahr. Dennoch will Buchs nicht die Pharmaindustrie allein verantwortlich machen für die hohen Gesundheitskosten. «Ich suche keine Schuldigen, sondern nach pragmatischen Lösungen.» Vielleicht müsse man den Pharmafirmen einen längeren Patentschutz geben als die heutige Frist von zehn Jahren. Im Gegenzug müssten die Firmen neue Therapien günstiger anbieten.

Buchs konstatiert auch Ungeduld bei den Patienten. Diese wollten beim Auftreten erster Krankheitszeichen nicht abwarten. Rate er Patienten am Donnerstag, sich in ein paar Tagen nochmals zu melden, suchten sie am Wochenende ein Ambulatorium oder den Notfall auf. Aber viele Menschen in Genf lebten allein, und das Leben in der Stadt löse schnell Ängste aus, wenn man sich krank fühle.

Erstellt: 13.07.2019, 12:05 Uhr

Lösungsvorschläge der Parteien

SVP

Wettbewerb: Die SVP sieht im 1996 eingeführten Krankenversicherungsgesetz die Ursache für die Kostenexplosion. Das Gesundheitswesen sei ein Selbstbedienungsladen. Die Partei fordert mehr Wettbewerb und Eigenverantwortung der Versicherten. Für Asylbewerber und vorläufig Aufgenommene verlangt die SVP eine Versicherung mit reduziertem Leistungskatalog.

SP

Prämieninitiative: Die SP will mit einer Volksinitiative erreichen, dass kein Haushalt mehr als 10 Prozent des verfügbaren Einkommens für die Prämien aufwenden muss. Das Ziel soll durch einen Ausbau der Prämienverbilligung erreicht werden. Die SP fordert eine Stärkung des öffentlichen Gesundheitsangebots anstelle von Wettbewerb und Privatisierung.

FDP

Eigenverantwortung: Die FDP will den Patienten durch höhere Franchisen mehr Eigenverantwortung übertragen. Langfristig soll die obligatorische Versicherung nur noch Grossrisiken tragen. Die Kosten für harmlose Erkrankungen und kurze Spitalaufenthalte sollen mit einem Gesundheitskonto finanziert werden, das freiwillig ist und analog zur 3. Säule funktioniert.

CVP

Kostenbremse: Die CVP will mit einer Volksinitiative eine Kostenbremse einführen. Sobald die Gesundheitskosten einen bestimmten Wert überschreiten, müsste der Bundesrat Massnahmen wie Tarifkürzungen ergreifen. Zudem sollen ambulante und stationäre Behandlungen mit einem einheitlichen Kantonsbeitrag finanziert werden, um Fehlanreize zu beseitigen.

Grüne

Solidarität: Die Grünen verlangen einen Ausbau der Prämienverbilligung für Menschen mit kleinen und mittleren Einkommen, damit die Gesundheitsversorgung erschwinglich bleibt. Die Grünen sehen im Wettbewerb eine Gefahr für ärmere, betagte, psychisch und chronisch kranke Menschen. Sie fordern mehr Prävention und gesunde Lebensbedingungen für alle.

GLP

Koordination: Die GLP will Eigenverantwortung und Prävention fördern und so die medizinische Versorgung für alle sicherstellen. Die Partei hinterfragt den Zwang für die Kassen, alle Leistungserbringer unter Vertrag zu nehmen. Spitzenmedizin soll stärker zentralisiert und das medizinische Angebot unter den Kantonen besser koordiniert werden.

BDP

Hausarztmedizin: Die BDP will die Hausärzte fördern und dazu die Rahmenbedingungen für die Grundversorger verbessern. Zudem fordert die Partei mehr Kosten- und Qualitätstransparenz bei den Spitälern. Die hoch spezialisierte Medizin soll auf weniger Standorte als heute verteilt werden, um Kosten zu senken und die Qualität zu erhöhen.

(br)

Serie


Teil 1: Die hohen Gesundheitskosten

Am 20. Oktober wird in der Schweiz gewählt. In diesem Sommer reisen wir deshalb an Orte, die sinnbildlich sind für die grössten Sorgen der Bevölkerung. Als drängendstes Problem empfindet eine Mehrheit der Bevölkerung die steigenden Gesundheitskosten, wie eine Umfrage von Tamedia zeigt. Die Prämien haben sich seit Einführung des Krankenversicherungsgesetzes von 1996 mehr als verdoppelt. Für das laufende und das kommende Jahr wird erneut mit einem Kostenanstieg von jeweils rund drei Prozent gerechnet. Für viele Versicherte hat die Prämienbelastung mittlerweile die Grenze des Tragbaren erreicht, obwohl ein Viertel der Bevölkerung eine Prämienverbilligung erhält. (br)

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