Hinter der barmherzigen Fassade

Der Papst kommt in die Schweiz. Franziskus wird sich progressiv und menschenfreundlich geben, doch man darf ihn nicht beim Wort nehmen.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Morgen – am 21. Juni 2018 – feiert die Schweiz Papst Franziskus. Er besucht den internationalen Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) in Genf. Dieser Papst ist überall gerne gesehen. Der Ruf des guten Hirten eilt ihm voraus, auch des Reformers, der verkrustete Strukturen aufbricht. Wirklich, tut er das? Der sich just vor dem Besuch zuspitzende «Kommunionstreit» unter den deutschen Bischöfen sagt etwas anderes. Doch die Festlaune am Genfer Gipfel wird er nicht verderben.

Als jüngst eine Dreiviertelmehrheit der deutschen Bischöfe eine Handreichung zum Kommunionempfang für nicht-katholische Ehepartner guthiess, liess Franziskus das Dokument nicht gelten. Er, der die nationalen Bischofskonferenzen sonst auffordert, eigenständig zu handeln, meinte jetzt, das könne eine Bischofskonferenz nicht entscheiden, gehe es doch um ein gesamtkirchliches Problem.

Noch im November 2015 hatte er in der lutherischen Kirche in Rom einer evangelischen Frau auf die Frage, ob sie ihren katholischen Ehemann zur Kommunion begleiten dürfe, geantwortet: «Folgen Sie Ihrem Gewissen!»

Wer liest schon seine Lehrschreiben?

Das ist das Problem bei Franziskus: Er lässt sich vom Heiligen Geist leiten, wie er sagt, das heisst konkret: vom Bauchgefühl. Mit dem Resultat, dass er den Juden ein Jude, den Griechen ein Grieche ist und zum gleichen Thema mal dies, mal jenes sagt. Wie oft wurde seine homofreundliche Aussage zitiert: «Wer bin ich, ihn zu verurteilen?» Hingegen haben die Medien kaum über seine neueste Anweisung an die italienischen Bischöfe berichtet, «Männer mit tief sitzenden homosexuellen Neigungen» nicht als Priester zuzulassen. Und wer hat schon seine lehramtliche Verurteilung der Homo-Ehe gelesen?

Bei den Frauen hält er es wie der saudische Kronprinz Muhammad bin Salman: Kosmetik ja,
aber keine Reform.

In der persönlichen Begegnung gibt Franziskus gerne den Seelsorger, nach der Devise: Barmherzigkeit vor Dogma. In den Lehrschreiben bekräftigt er das Dogma dann doch. Nur lesen die Massen diese Dokumente nicht und sehen am TV stets den menschenfreundlichen Papst. Darum sind ihm Pressekonferenzen und Interviews so lieb, weil er dort salopp und unverbindlich sprechen kann. Nur darf man ihn dann nicht beim Wort nehmen.

Bei der zentralen Frauenfrage agiert er nicht anders: Mediengerecht lässt er erstmalig im Vatikan Fussballerinnen gegeneinander antreten, hievt Frauen in administrative Chefposten, etwa der Vatikanmuseen, oder lässt eine Kommission die historische Rolle von Diakoninnen untersuchen. Der erste Schritt hin zur Frauenweihe? Aber nein! Um die geweckten Erwartungen zu dämpfen, lässt er seinen neuen Glaubenspräfekten im «Osservatore Romano» erklären, der Ausschluss der Frau vom Priesteramt sei unfehlbare Lehre und nicht diskutierbar. Bei den Frauen hält er es wie der saudische Kronprinz Muhammad bin Salman: Kosmetik ja, aber keine Reform.

Eigentlich wäre die Schweiz kein Reiseziel für ihn

Zweischneidig ist auch die Personalpolitik. Seit er Papst ist, soll der Kardinalsrat mit neun Purpurträgern aus allen Kontinenten die Kurie reformieren. Ein Resultat ist nicht sichtbar. Der Rat ist gelähmt, weil gleich drei seiner Mitglieder, darunter der Vorsitzende, in Missbrauchs- und Korruptionsskandale verwickelt sind. Gewiss, Franziskus hat das Kardinalskollegium internationaler gemacht: weg von Europa hin zur Dritten Welt. Doch wie viel Gewicht haben Kardinäle der Peripherie, etwa in Pakistan oder Japan, wo höchstens zwei Prozent der Bevölkerung katholisch sind?

So zeigt er sich am liebsten: Papst Franziskus segnet ein Kind auf dem Petersplatz. Foto: Tony Gentile (Reuters)

Die Vorliebe für die Peripherie ist der rote Faden im Pontifikat von Franziskus: Sein Herz schlägt für die Armen, Entrechteten und Flüchtlinge. Das macht ihn zum politischen Papst, der sich nicht fürchtet, in Konfliktgebiete zu reisen. Wie Deutschland oder Frankreich ist für ihn die reiche Schweiz eigentlich kein Reiseziel, wenn da nicht der ÖRK in Genf wäre. Der ist heute eine multireligiöse Gemeinschaft mit mehrheitlich afrikanischen, asiatischen und lateinamerikanischen Kirchen. Genauso bunt, wie sich Franziskus seine eigene katholische Kirche wünscht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.06.2018, 20:42 Uhr

Artikel zum Thema

Drei Bundesräte wollen den Papst in Genf treffen

Franziskus wird am 21. Juni in der Schweiz erwartet. Das Programm steht – auch das mit der Landesregierung. Mehr...

Den Schweizer Papst-Groupies auf der Spur

Er kommt! Der Papst. Am Donnerstag. Was junge Gläubige von ihm erwarten – in Zeiten, in denen die Kirchen sich leeren. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Blogs

Tingler Der Stau
Geldblog Nestlés Umbau zeigt ­Wirkung

Paid Post

Gewinnen Sie eine geführte Bergbesteigung

Mit ein bisschen Glück können zwei begnadete Outdoor-Liebhaberinnen bald ihren ersten Gipfel in 4000 Metern Höhe erklimmen.

Die Welt in Bildern

Er braucht ein gutes Gleichgewicht: Ein Gaucho reitet in Uruguay ein Rodeo-Pferd. (17. April 2019)
(Bild: Andres Stapff) Mehr...